Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: , ,
  • ausgabe:  Benny Fischer | Nr. 65 (03/2016) - Elul 5776
  • Krav Maga – eine typisch jüdische Geschichte

    Krav Maga gilt als eines der anerkanntesten und effektivsten Selbstverteidigungssysteme. Die Methode wurde zwar schon vor langer Zeit in Israel entwickelt, verzeichnet aber gerade heute einen enormen Zulauf. Vor allem die Angst vor terroristischen Angriffen bringt viele Menschen in die Krav-Maga-Studios.
    VON RENÉ WACHTEL

    Imrich Lichtenfeld (links) und Yaron Lichtenstein

    Hinter der Kampfsportmethode Krav Maga steht eine typische jüdische Geschichte – jene von Imrich „Imi“ Lichtenfeld, einem im Jahr 1910 geborenen Juden. Er wuchs in Pressburg (heute Bratislava) auf. Beeinflusst von seinem Vater Samuel, einem Polizeidetektiv und Selbstverteidigungslehrer, begann er in dessen Studio mit Boxen, Ringen, Gewichtheben und Gymnastik. Ende der 20er-Jahre war er bereits ein sehr bekannter Sportler. Er gewann mehrere nationale Meisterschaften im Boxen und Ringen. So wurde Imi im Jahr 1929 nationaler Meister im Ringen (Weltergewicht) und galt zu dieser Zeit als einer der besten Ringer in Europa. Seine körperliche Fitness zeigte er auch bei Theater- und Ballettaufführungen.

    In den 1930er-Jahren stürmte auch in Bratislava der antisemitische Mob immer wieder in das jüdische Stadtviertel, und so beschloss er, gemeinsam mit anderen jüdischen Jugendlichen eine Selbstverteidigungstruppe aufzustellen und die Nazis zu bekämpfen. Zu diesem Zeitpunkt wurde ihm klar, dass rein sportlich orientierte Methoden wie Boxen und Ringen an der brutalen Realität vorbeigingen. Damals entstand in ihm der Grundgedanke von Krav Maga (hebräisch für Kontaktkampf) – ein System einfacher und effektiver Lösungen für den Straßenkampf. 1940 flüchtete Imi mit einem der letzten Schiffe, die Europa verlassen konnten, vor den Nazis. Er schloss sich der Tschechischen Legion der Britischen Armee an und kämpfte in Nordafrika an der Seite der Engländer gegen Rommels Armee. 1942 erreichte er das britische Mandatsgebiet Palästina.

    Dort angekommen, änderte er seinen Familiennamen auf Sde-Or und begann die jüdischen Untergrund- Streitkräfte „Haganah“ und die Eliteeinheit „Palmach“ in Selbstverteidigung zu trainieren. Nach der Ausrufung des Staates Israel im Jahr 1948 wurde Imi Sde-Or von David Ben-Gurion persönlich zum Chefausbildner für Leibeserziehung und Krav Maga (so wurde seine Kampfausbildung nun auch offiziell bezeichnet) an der militärischen Nahkampfschule der israelischen Streitkräfte ernannt. Mehr als 20 Jahre lang war er Ausbildner bei der Armee, und viele Elitekämpfer der israelischen Spezialeinheiten verdanken ihm ihre Kenntnisse.

    Das Ziel seiner Ausbildung ist es, in Stresssituation instinktiv die richtigen Entscheidungen zu treffen. Krav Maga konzentriert sich neben geistiger und körperlicher Fitness auf die Stärkung von Selbstvertrauen und Verteidigungsbereitschaft. Methodisch vereint es Techniken aus Boxen, Kickboxen, Messerkampf, Stockkampf, Karate, Judo und Jiu-Jitsu. Mit Krav Maga sollen die natürlichen menschlichen Reflexe so geschult werden, dass sie in bedrohlichen Situationen verschiedenster Art effektiv eingesetzt werden können. Krav Maga bedeutet nicht, wie bei anderen Selbstverteidigungssportarten, genormte Abläufe zu erlernen, sondern hier werden bestimmte Grundbewegungen zur Abwehr immer individuell und dynamisch kombiniert. So kann man sich in realen Kampfsituationen auch schnellstmöglich anpassen.

    Nach der Schulung der Elitekämpfer der israelischen Armee hat Imi Sde-Or sein Nahkampfsystem so weiterentwickelt, dass sich auch junge Soldaten in der Grundausbildung in kürzester Zeit selbst verteidigen und somit ohne lange Ausbildung die Techniken gleich umsetzen können.

    So werden heute in Israel alle Soldaten der Armee in Krav Maga ausgebildet, aber auch Militär- und Polizeieinheiten vieler anderer Länder setzen Krav Maga in ihrer Ausbildung ein.

    Imi Sde-Or entwickelte sein System auch nach seinem Ausscheiden aus der Armee und bis zu seinem Tod im Jahr 1998 weiter. Er zog in die Mittelmeerstadt Netanja und begann dort 1972 am Wingate Institute for Sport and Physical Education mit den ersten Kursen für Zivilisten. Heute werden in Israel Kurse in Kibbuzim, Grundschulen und auch in örtlichen Gesellschaftszentren abgehalten.

    Im Jahr 1978 wurde die Israeli Krav Maga Association gegründet und Imi Sde-Or (Lichtenfeld) zu ihrem Präsidenten auf Lebenszeit ernannt. Das Ziel des Verbandes ist es, Krav Maga auch für Zivilpersonen im Ausland interessant zu machen und die verschiedenen Techniken und Methoden von Krav Maga zu systematisieren. Der Verband wurde dann Anfang der 1990er-Jahre zur International Krav Maga Federation ausgebaut, deren Instruktoren die Kampfmethode in der ganzen Welt verbreiteten.

    Krav Maga wird heute weltweit für verschiedene Zielgruppen angeboten: für Privatpersonen („ziviles Krav Maga“) – zur Selbstverteidigung, zur Verbesserung der Stressresistenz und Förderung von Gesundheit und Fitness; für Sicherheitspersonal und Polizei („Security Krav Maga“) – für Deeskalation, Selbstschutz, Personenschutz, Veranstaltungsschutz und Einsatztaktik; und schließlich für militärisches Personal („militärisches Krav Maga“) als Methode für den militärischen Nahkampf.

    Die Geschichte von Imrich Lichtenfeld (Sde-Or) spiegelt auch die Geschichte Israels und seiner Menschen wider. Aus einem straßenkämpfenden Juden, der sich mit den Nazis prügelte, wurde ein selbstbewusster Israeli, der die Verteidigung seines Landes gegen Bedrohungen aus dem Ausland effektiv mitbeeinflusst hat.

    René Wachtel

    René Wachtel

    lebt in Wien und ist Kultusrat für CHAJ-Jüdisches Leben in der IKG.
    René Wachtel

    Neueste Artikel von René Wachtel (alle ansehen)