Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Interview
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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • „Konflikte in Worte verpacken und nicht in Fäuste“

    Das Judentum ist nicht nur eine Religion oder eine Nation, sondern vor allem eine Zivilisation, die auf Texten beruht. Das ist die These der Historikerin Fania Oz-Salzberger von der Universität Haifa. Gemeinsam mit ihrem Vater, dem Schriftsteller Amos Oz, hat sie 2012 das Buch „Juden und Worte“ veröffentlicht. Darin beschreiben sie, wie sich von der Antike bis heute eine Linie textlicher Abstammung durchzieht. Um die Worte dieser Texte wurde und wird gerungen und gestritten – und das kann im Zeitalter aggressiver Debatten im Internet ein Vorbild sein. Denn verbales Dampfablassen ist allemal besser als körperliche Gewalt, meint Oz-Salzberger im Gespräch mit NU.
    VON LUKAS WIESELBERG

     

    NU: 2016 hat der Hollywood-Star Natalie Portman den Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ von Ihrem Vater Amos Oz verfilmt und dabei auch gleich die Hauptrolle gespielt – nämlich Fania Klausner, von der Sie den Vornamen geerbt haben. Wie ist das, Natalie Portman als die eigene Großmutter im Kino zu sehen?

    Oz-Salzberger: Sehr seltsam. An einem Tag spielt sie Prinzessin Padmé in Star Wars und am nächsten Tag meine Oma (lacht). Sie hat ihre Sache aber sehr gut gemacht. Ihr Film betont vor allem die Familiengeschichte des sehr epischen Romans und weniger die Geschichte des Landes. Aber was der Film erzählt, ist sehr glaubwürdig.

    Der Film legt nahe, dass es mit Ihren Großeltern nicht zuletzt deshalb nicht geklappt hat, weil die beiden eine andere Beziehung zu Worten hatten.

    Das war eine sehr komplizierte Ehe, sie haben sich geliebt, waren aber dennoch unglücklich miteinander. Das hatte mit den Umständen zu tun, beide waren vor dem Holocaust geflohen, aber auch mit ihren unterschiedlichen Charakteren. Mein Großvater Arie war sehr rational, er hat die Herkunft von Worten untersucht, selbst sein Humor bestand vor allem aus Wortwitzen. Für meine Großmutter Fania waren Worte auch sehr wichtig, sie hat sehr gerne Geschichten erzählt. Aber sie hat Sprache eher verwendet, um Gefühle auszudrücken. Mein Vater Amos Oz und ich sind Produkte von beidem. Das ist vielleicht die Lehre aus unserer Familiengeschichte: Wenn man Worte benutzt, dann sollte man nicht nur emotional sein, aber auch nicht nur rational.

    Darum geht es auch in dem Buch, das Sie gemeinsam mit Ihrem Vater geschrieben haben. Die Hauptthese darin ist, dass Juden nicht nur durch Religion und Abstammung, sondern auch durch Texte verbunden sind. Wie ist Ihr eigenes Verhältnis zu Worten?

    Interessanterweise gibt es in Israel eine Reihe von Kindern von Autoren, die Historiker geworden sind. Vielleicht, weil wir irgendwann der Fiktion müde wurden und uns lieber mit den hard facts auseinandersetzen wollten. Ich habe meine Doktorarbeit in Oxford über die europäische Aufklärung geschrieben und mich darin gefragt: Wie verändern sich Gedanken, wenn sie Ländergrenzen überschreiten? Warum etwa können deutsche Ausdrücke wie „heimisch“ oder „gemütlich“ nicht in andere Sprachen übersetzt werden? Im Hebräischen und Englischen wiederum gibt es Begriffe für Freiheit und Republikanismus, die sich nicht vernünftig ins Deutsche übersetzen lassen. Ich komme aus dieser Tradition, sich mit der Herkunft von Worten zu beschäftigen. Und eines Tages hatten mein Vater und ich diese Idee: Warum schreiben wir nicht gemeinsam ein Buch darüber, wie die Juden Wörter verwendet haben?

    Wie war diese Zusammenarbeit?

    Wir haben viel diskutiert, ich habe alles in den Laptop geschrieben und Referenzen im Internet recherchiert. Der Beitrag meines Vaters war zu sagen, dass er den Laptop hasst und dem Internet nicht vertraut. Für ihn ist es der Untergang der Kultur, denn was wird in Zukunft aus den Büchern? Dann habe ich ihm seine eigenen Bücher in digitaler Form gezeigt, und er meinte, dass er das nie erlaubt hätte – wobei er natürlich die entsprechenden Verträge unterschrieben hat. Ich denke, dass das Internet nicht das Ende traditioneller Bibliotheken ist, sondern deren Fortsetzung – und zwar eine sehr jüdische. Es ist wie der Talmud, ein Labyrinth von Ideen und Referenzen, die alle miteinander verknüpft sind.

    Die Diskussionskultur in diesem Labyrinth ist oft sehr rau, deshalb haben Sie einmal ein elftes Gebot vorgeschlagen: „Du sollst über alles friedlich debattieren und manchmal dabei lächeln …“

    Ja, das kommt leider sehr selten vor. Ich bin sehr aktiv auf Twitter und Facebook, und die Diskussionen sind sehr aggressiv. Lange dachten wir, das gibt es nur in Israel, aber jetzt kann man das überall beobachten. Das Seltsame in Israel ist: Es gibt sehr viel verbale Gewalt in den sozialen Medien. Jedes Mal, wenn ich etwas schreibe, heißt es, ich solle doch einen von der Hamas heiraten – was gottseidank nicht geht, denn ich bin ja schon verheiratet (lacht) –, oder noch Schlimmeres. Aber auf den Verbalradikalismus folgt nur sehr selten echte Gewalt – nicht einmal von Rechts- oder Linksextremen oder von den messianischsten Ultraorthodoxen. Unter Israelis ist es einfach nicht üblich, einander zu töten.

    Und eine aggressive Streitkultur hilft dabei?

    Ja, Dampf ablassen durch Worte kann echte Gewalt verhindern. Das bringt mich zur jüdischen Geschichte: Juden haben Worte immer sehr effektiv verwendet, sowohl rational als auch emotional. Von der antiken israelischen Tradition ist dies in die Mischna und in den Talmud eingeflossen, in die rabbinischen Kulturen der Diaspora, bis in die Aufklärung. Ein Teil des Zaubers dieser alten Kultur liegt in ihrem Umgang mit Worten. Dafür hat es natürlich sehr gute Bücher gegeben. Wir Juden haben wunderbare Schriften, eine Bibliothek wie eine Arche Noah, in die wir uns versenken konnten – von der Antike bis in die Postmoderne.

    Auch die Römer und Griechen besaßen wunderbare Schriften. Warum sind sie verschwunden und die Juden noch da?

    Weil man mit Bibel und Talmud nicht nur Bücher erbt, sondern auch eine Gebrauchsanleitung – ähnlich wie bei einem Elektrogerät. Die Hauptbotschaft lautet: Unterrichte deinen Sohn! Oder, wenn man will: Unterrichte deine Kinder! Und fang damit so früh wie möglich an! Schon in vormodernen Zeiten waren die Männer deshalb umfassend alphabetisiert. Und nicht nur das: Die jüdischen Söhne sind schon im Alter von drei Jahren mit einem Buch unter dem Arm aus der Schule zurückgekommen, oder – wenn sie zu arm waren – mit einem Text im Kopf. Sie haben sich an den elterlichen Tisch gesetzt, mit ihren Büchern und Texten – und das hat zu einer sehr frühen Alphabetisierung auch vieler Mädchen geführt. Als die deutschen Universitäten Ende des 19. Jahrhunderts ihre Tore zum ersten Mal sowohl für Juden als auch für Frauen geöffnet haben, brauchten jüdische Frauen keine speziellen Hilfsmaßnahmen. Schon ihre Großmütter wären bereit gewesen, eine Universität zu besuchen.

    Wegen dieser langen Tradition der Wortund Streitkultur gibt es heute nicht so viel echte Gewalt zwischen Juden, so Ihre These. Sollten die Europäer auch weniger freundlich und politisch korrekt sein beim Diskutieren?

    Ich rate den Europäern nicht davon ab, freundlich zu sein – ihr seid sehr freundlich und habt oft sehr grausame Dinge getan –, sondern: Ihr solltet das Bedürfnis nach öffentlichen Debatten ernst nehmen – Debatten, die offen und vorurteilsfrei sind, die nicht ausschließen, sondern möglichst viele umfassen. Öffentliche Debatten können heute nicht so nett sein, wie es Jürgen Habermas mit seiner Diskursethik in den 70er-Jahren vorgeschlagen hat. Diese Tage sind vorbei! Deshalb sollte man nicht ständig überrascht sein von Phänomenen wie Brexit, Trump und Rechtspopulismus, sondern die öffentlichen Debatten so gestalten, dass mehr Menschen als bisher daran teilnehmen. Das Internet hat das für alle möglich gemacht, und deshalb sollten wir unsere Diskursregeln erweitern. Das kann bedeuten, dass sich die Leute anschreien. Es kann aber auch bedeuten, die Kunst des Zuhörens zu lernen: versuchen zu verstehen, was der politische oder kulturelle Gegner wirklich sagt. Missverstehen Sie mich nicht: Ich bin eine altmodische liberale Humanistin. Ich habe null Toleranz für Gewalt, Antisemitismus und Dschihadismus. Aber in dem breiten Bereich der politischen Mitte sollten wir bessere Zuhörer werden und verstehen, dass die Diskussion nicht politisch korrekt bleiben kann. Wenn man sich mit der Kultur des Nachbarn auseinandersetzen will, müssen Sie und Ihr Nachbar sich darüber verständigen, was Sie an den jeweils anderen Kulturen mögen, aber auch, was nicht!

    Wo sollen sich diese Leute diskursiv treffen? Es gibt ja die berühmten Echokammern, in denen sich nur Gleichgesinnte treffen. Gibt es Gegenbeispiele aus Israel, wo Linke und Rechte tatsächlich miteinander streiten?

    Die Lösung dafür habe ich nicht, aber viele Linke versuchen jetzt stärker mit dem rechten Flügel ins Gespräch zu kommen als früher, das können die Nachbarn auf der Straße sein oder Studenten im Hörsaal – oder offizieller: Es gibt eine NGO, die sich „The Israel Democracy Institute“ nennt, wo wir mit arabischen und ultraorthodoxen Verantwortlichen sprechen, mit Leuten also, denen wir fremd sind und die uns fremd sind. Merkwürdigerweise passiert das auch hinter den Kulissen der Knesset, die nicht für ihre guten Manieren bekannt ist. Auch dort müssen sehr unterschiedliche Leute miteinander auskommen und manchmal sogar zusammenarbeiten. Z.B. wurde diese Woche [Anm.: Mitte November 2016] ein Gesetz gegen Muezzine vorbereitet, die von den Minaretten über Lautsprecher singen und alle um fünf Uhr aufwecken. Das Gesetz sollte die Lautsprecher verhindern. Die arabischen Abgeordneten haben sich darüber natürlich stark aufgeregt – aber von überraschender Seite Unterstützung erhalten. Nämlich von den Ultraorthodoxen, die fürchteten, dass als nächstes die Sirenen verboten werden könnten, die den Sabbat ankündigen. Manchmal gibt es überraschende Koalitionen.

    Die Knesset als Vorbild für die Gesellschaft?

    In diesem Sinne ja: Ich glaube, je mehr Menschen auf engem Raum miteinander reden müssen, desto besser. Das war auch in den jüdischen Schtetln so, die waren aus historischen Gründen auch sehr überfüllt. Egal ob in Osteuropa, in Afrika oder im Irak, überall mussten Juden Seite an Seite mit Leuten leben, die sie gar nicht leiden konnten: in der Familie, in der Nachbarschaft oder in zwei nahegelegenen Synagogen, in denen sich die zwei Rabbis über alles stritten. Das geht zurück auf den Talmud: Bei Meinungsverschiedenheiten wird man seinen Kontrahenten nicht los, sondern man streitet mit Worten. Das ist eine Praxis, die Israel bis heute beeinflusst und die eine funktionale von einer dysfunktionalen Familie unterscheidet. Der Unterschied ist, dass man Konflikte in Worte verpackt und nicht in Fäuste, Trennungen oder wütende Sprachlosigkeit. Sobald man Konflikte verbalisieren kann, ist man schon gewissermaßen Teil des gleichen Schtetls.

     

    Fania Oz-Salzberger ist Historikerin an der Universität Haifa, Direktorin von Paideia, des Europäischen Instituts für Jüdische Studien in Schweden, und war im November 2016 Gast an der Universität Wien.

    Lukas Wieselberg

    Lukas Wieselberg

    ist Wissenschaftsredakteur bei Ö1 und science.ORF.at.