Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Leitartikel
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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Kommt die Gegensäkularisierung?

    Jude, was ist das?

    Es gibt verschiedene Antworten darauf, wer ein Jude ist. Nach den Regeln der jüdischen Religion sind es Menschen, deren Mutter Jüdin ist. Die Feinde der Juden hingegen geben eine ganz andere Antwort. Vom früheren Bürgermeister von Wien und glühenden Antisemiten Karl Lueger ist der Satz überliefert: „Wer ein Jud’ ist, bestimm i’“. In dieser Tradition erfanden später die Nationalsozialisten eine eigene Skala des Jüdisch-Seins, die auf eine angebliche rassische Zugehörigkeit abzielte. Von Religion war hier keine Rede. Eine dritte Position sind Menschen, die sich als Juden verstehen, egal ob sie eine jüdische Mutter haben oder nicht. Sie gehören einer verfolgten Familie an und ziehen daraus einen politischen Auftrag. Und sie verstehen sich als Teil der jüdischen Kultur.

    Orthodoxie im Vormarsch

    Diese autonome Form des Jüdisch-Seins und auch der Beitritt via Religion werden in letzter Zeit immer mehr erschwert. Der Grund dafür sind Entwicklungen in Israel. Das Land hat die Trennung von Staat und Religion nie wirklich geleistet. Das hat lange Zeit keine Rolle gespielt, weil der Einfluss der Strenggläubigen unwesentlich war. Im Vordergrund standen die Gepflogenheiten einer entwickelten Demokratie westlichen Zuschnitts, die es ihren Bürgern ermöglichte, mit einigen Einschränkungen, Stichwort Nicht-Anerkennung von Zivilehen, ein Leben nach ihren Vorstellungen innerhalb des Rechtssystems zu gestalten. Das ändert sich jedoch seit einigen Jahren. Es ist in Israel heute eine Regierungsbildung ohne die Orthodoxie nicht mehr möglich. Zu groß ist die Zahl der streng Religiösen – und sie wächst dynamisch, weil die Geburtenrate dieser Gruppe die aller anderen weit übersteigt.

    Das neue Machtverständnis der Politiker aus dem orthodoxen Umfeld beginnt sich seit einiger Zeit auch auf Juden außerhalb Israels auszuwirken. Bisher war es mit einigen Anstrengungen möglich, auch ohne jüdische Mutter ein von der Gruppe der Religiösen anerkannter Jude zu werden. Dazu musste man bei einem örtlichen Rabbiner Lehrgänge besuchen und das Bekenntnis zu einer religiösen Lebensführung glaubhaft machen. Seit einiger Zeit anerkennen führende israelische Rabbiner solche Konversionen nicht mehr ohne weiteres. Der bekannteste Fall ist jener von Ivanka Trump. Ihr verweigerte eine rabbinische Vorinstanz aus Israel trotz Übertritts in den USA die Anerkennung als Jüdin. Diese enge Auslegung könnte zu einem ernsten Konflikt mit den für Israel so wichtigen amerikanischen Juden werden.

    Politische Juden

    Was muss uns das in Österreich interessieren? Es gibt hier viel mehr Menschen, die sich als Juden verstehen, als Mitglieder der jüdischen Religion. Das ist nicht nur das Erbe der Luegers und des Nationalsozialismus, die uns klargemacht haben, dass wir einer Schicksalsgemeinschaft angehören, sondern auch der Aufklärung (Stichwort: Moses Mendelssohn), die der europäischen Kultur des 20. Jahrhunderts nicht unbedeutende „jüdische“ Züge verliehen hat. Wer die Botschaft verstanden hat, weiß, dass er gegen Diskriminierung, Rassenhass und Xenophobie eintreten muss. Wir sind Juden und lassen uns das von Orthodoxen auch nicht untersagen.

    Auch viele Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde gehören dieser Gruppe an, die man als „politische Juden“ bezeichnen könnte. Bereits mit der Wahl Waldheims, insbesondere aber, als die schwarz-blaue Regierung im Jahr 2000 antrat, gab es viele, die sich neu in die Gemeinde einschreiben ließen, um ein Zeichen zu setzen. Neuerdings aber und ganz im Einklang mit den Entwicklungen in Israel müssen wir politische Juden uns die Frage stellen, ob wir tatsächlich mit der IKG die richtige Vertretung haben.

    Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass die IKG laut „Israelitengesetz“ nichts als eine „anerkannte Religionsgemeinschaft“ ist. Keine Rede von einer Vertretung der nichtreligiösen Juden. Haben wir uns also in der falschen Institution organisiert? Sind wir mit unseren politischen Anliegen überhaupt vertreten? Bisher konnte man einigermaßen den Eindruck haben, dass die Führung der IKG auch die weltlichen Angelegenheiten in einem Geist behandelte, der uns alle vereint: Gegen Unrecht in der Gesellschaft, für Demokratie, für einen jüdischen Beitrag, der aus den Lehren der Geschichte resultiert. Jetzt aber hat sich einiges geändert. Die Führung der IKG scheint ganz wie die Regierung in Israel der Orthodoxie das Gesetz des Handelns zu überlassen. Wer nichtreligiöse Juden vor ein Rabbinatsgericht zitiert, wie es tatsächlich kürzlich in Wien geschehen ist, hat sich vom Grundkonsens verabschiedet, dass die Kultusgemeinde eine Vertretung aller, auch der politischen Juden ist. Es ist anzunehmen, dass sich dieser Trend verstärken und die IKG zunehmend zu einer reinen Religionsgemeinschaft mutieren wird.

    Es scheint mir für alle, die sich dann nicht mehr vertreten fühlen können, die Zeit gekommen, nach Lösungen zu suchen. Wir, die nichtreligiösen Juden, müssen uns organisieren, sei es innerhalb der Gemeinde oder außerhalb, um nicht zu Handlangern einer orthodoxen Splittergruppe innerhalb des Judentums zu werden. In dieser Gruppe werden dann auch alle jene politischen Juden Platz finden, die auf keine jüdische Mutter, jedoch auf ein Bewusstsein im jüdischen Geist verweisen können.

    Allen religiösen und nichtreligiösen Juden und allen anderen Freunden rufe ich zu:

    Pessach sameach!
    Ihr Peter Menasse, Chefredakteur

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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