Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Kennen Sie Karl Schiske?

    VON ANATOL VITOUCH

    Wenn ja, dann sollten Sie sich Kurt Brazdas Dokumentarfilm evolution auf b auf jeden Fall ansehen – wenn nicht, dann erst recht. Denn Brazda porträtiert den 1916 geborenen und 1969 verstorbenen österreichischen Komponisten und Kompositionslehrer so überzeugend als Zentralfigur der österreichischen E-Musik der Nachkriegszeit, dass man sich mit Fortdauer des Films zwangsläufig zu fragen beginnt, warum der Name Schiske nicht auch außerhalb verschworener Kreise eingefleischter Fans der Neuen Musik geläufig ist.

    Neben geschickt und unterhaltsam miteinander verwobenen Ausschnitten aus Interviews mit Schülern Schiskes wie Friedrich Cerha, Erich Urbanner, Kurt Schwertsik sowie Karl Schiskes Witwe Berta Schiske setzt Brazda dabei auch auf die Überzeugungskraft der Musik selbst: Eminent modern und zugleich äußerst genießbar klingen Schiskes im Film angespielte Kompositionen, die Lust darauf machen, sich jenseits vermeintlicher ästhetischer Gewissheiten mit den Werken der musikalischen Erneuerer der Nachkriegszeit auseinanderzusetzen.

    Allergie gegen alles

    Die vom Fortbestehen antisemitischer Ressentiments grundierte restaurative Stimmung im Kulturbetrieb der 1950er-Jahre wird in den Erzählungen der Zeitzeugen ebenso greifbar wie die bis heute bestehende österreichische Allergie gegen alles, was ästhetisch nicht der gerade gültigen hochkulturellen Norm entspricht.

    Genial in diesem Zusammenhang etwa Cerhas Anekdote über einen Termin im Ministerium, auf den er sich durch das Studium der Texte Adornos und Walter Benjamins akribisch vorbereitet glaubte: „Das ist ja gut und schön“, antwortet ihm der mit dem Förderansuchen konfrontierte Ministerialbeamte laut Cerhas Schilderung, „aber da könnte ja jeder Würschtelstandler herkommen und ein Geld von uns verlangen.“ Nur um wenige Jahre später dieser Zurückweisung noch einen guten Rat anzuschließen: „Herr Cerha, Sie haben ja Talent, gehen Sie doch ins Ausland!“

    Karl Schiske erscheint unter diesen nicht eben förderlichen Rahmenbedingungen als Fels in der Brandung, der stets undogmatisch darauf bedacht war, den je individuellen künstlerischen Werdegang seiner Schüler an der Wiener Musikakademie zu unterstützen und dafür sogar seine eigene kompositorische Arbeit zurückstellte. So prägte er eine ganze Generation österreichischer Komponisten, die allesamt eigene Wege beschritten und dabei weder einer rückwärtsgewandten Absage an die Moderne noch allzu formalistischer Zwölftonorthodoxie verfielen.

    Wie sagt Kurt Schwertsik an einer Stelle des Films so schön: „Irgendwann ist mir klargeworden, dass das alles auch lustig sein kann.“

    Alleine dieser, im Zusammenhang mit Neuer Musik für manche vielleicht überraschenden Erkenntnis wegen ist evolution auf b unbedingt sehenswert.

    Anatol Vitouch

    Anatol Vitouch

    ist Schachmeister und Absolvent der Wiener Filmakademie. Gründungsmitglied der Künstlervereinigung „DIE GRUPPE“.
    Anatol Vitouch

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