Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Kaffee? Kafka.

    Im Café Kafka in der Wiener Capistrangasse trinkt sich der kleine Mokka gut. In dem nach dem jüdischen Schriftsteller benannten Lokal versammeln sich alte und junge Künstler und Menschen, die gerne welche wären. Nicht immer bekommt man hier einen Platz. Der Besitzer Hamid Ajoudan erzählt dem NU, was sein Café so erfolgreich macht und warum er kein Jude ist.
    VON SAMUEL MAGO (TEXT UND FOTO)

     

    „Ein dich verschlingender Mikrokosmos, in dem Beethoven am Laptop sitzt und du von einem kolumbianischen Drogenbaron, der Babykängurus vertickt, dein Viertel Rotwein bekommst. Eine Welt in der Welt. Café Kafka.“ Über den Autor dieser Zeilen ist nicht viel bekannt. Außer dass er wahrscheinlich ein Mann ist, oder eine Frau, die sich in die Herrentoilette verirrt hat. In Großbuchstaben zieren sie die vergilbten, mit einer Vielzahl von Werbepickerln verklebten Fliesen, die einem ins Auge stechen, wenn Mann sich im Café Kafka in der Wiener Capistrangasse erleichtert. Sie sind übertrieben, beinahe prätentiös und doch charmant. Eine Beschreibung, die auch auf die Gäste des Lokals passt.

    Der Mensch ist wichtig

    Ich sitze auf der Bank im Eck des Cafés. Es ist Sonntagvormittag und dementsprechend nüchtern und leer. Der Espresso schmeckt gut wie immer, aus dem Lautsprecher ertönen abwechselnd Chopin und Bob Dylan. Die Wände sind vom Zigarettenrauch der letzten 15 Jahre vergilbt, Gemälde und Fotografien sind über den Spuren und Abdrücken alter Bilder zu sehen. Vom Plafond hängt ein Kristallluster, der das Wohnzimmer einer jeden jiddischen Bubbe schmücken könnte. Kafkaesk unkafkaesk. Hamid Ajoudan sitzt mir gegenüber und trinkt seinen üblichen doppelten Mokka kurz. Er ist Perser, seine Vorfahren persische Juden, die zum Islam konvertierten. Stammkunden kennen ihn als Hausherrn, andere Gäste würden ihn kaum vom restlichen Publikum unterscheiden können. Im Kafka versammeln sich Menschengruppen jedes Alters, jeder Nationalität und jeder Religion. „Ich kenne ein paar, die sind jüdisch, ich kenne ein paar, die sind Roma – ‚Zigeuner‘ –, und ich kenne ein paar, die sind Perser. Alles Mögliche. Aber das bemerke ich gar nicht. Der Mensch ist wichtig. Die meisten sind intellektuell angehaucht und philosophieren über alle Dinge des Lebens, von denen sie keine Ahnung haben“, lacht er. „Sie studieren oder gehen zur Schule, und was sie auch verbindet, ist ihr Verständnis von Kulturen und anderen Menschen. Und ihre einzige wahre Gemeinsamkeit ist das Rauchen“, sagt der ältere Herr, als die Kellnerin den vollen Aschenbecher vom Marmortisch nimmt und gegen einen frischen tauscht. „Vor einem Jahr hat ein Kunde zu mir gesagt, das Kafka ist eine Oase. Man kann hier so schön rauchen. Dann hab ich zu ihm gesagt, Sie haben keine Ahnung, was eine Oase ist.“

    Immer wieder trifft man im Kafka auf junge Juden und Jüdinnen. Ich frage Hamid, was wohl der Grund dafür sein könnte? Was das Kafka denn so besonders macht? „Dadurch, dass ich irgendwie selbst zu dieser Minderheit gehöre, habe ich, denk ich, eine Atmosphäre geschaffen, in der man sich friedlich entgegenkommt und trifft. Jeder trägt seinen Glauben in sich. Ein Mindestmaß an Toleranz muss man mit sich bringen, und hier im Kafka funktioniert das gut. Wir haben es geschafft, diese alte Kaffeehauskultur für ein junges Publikum wieder attraktiv zu machen, mit Preisen, die auch leistbar sind. Was in anderen Kaffeehäusern für einen kleinen Mokka verlangt wird, ist Wahnsinn. Unser Bestreben ist noch immer, den kleinen Mokka und ein Achtel Rot unter zwei Euro zu halten. Dass es einfach leistbar ist.“

    „Soll ich jetzt weinen oder lachen?“

    Auf der Wand hinter mir hängen Plakate längst vergangener Veranstaltungen: Jüdische Filmwochen 2005. Jüdische Filmwochen 2006. Shalom Oida. Hamid ist kein Jude. Er ist überzeugter Nicht-Religionsbekenner, wie er selbst sagt. Er ist Besitzer von fünf Wiener Lokalen, einige von ihnen, wie das Kafka und das Kreisky, sind nach berühmten Juden benannt. „Das ist einfach so ein Gefühl. Es passt. Was Musik, Literatur und Kunst an sich anbelangt, fühle ich mich zum Judentum hingezogen. Diese Melancholie, die bei diesem Volk mitspielt aus seiner Geschichte heraus. Am 11. November eröffnen wir ein neues Weinlokal. Das wird nach Ödön von Horváth benannt: Weinstube Horváth. Nachdem ich Jugend ohne Gott gelesen hatte, habe ich gesagt, er verdient ein Kaffeehaus. Der war auch Jude“, lacht er. Auch Hamids Großvater war Jude. Er war Adjutant des Königs von Persien, daher auch sein Nachname, Ajoudan. „Meine Familie kommt ursprünglich aus der Stadt Hamadan, einer jüdischen Hochburg Persiens. Warum mein Großvater konvertiert ist, wissen wir nicht. Ich denke, er musste. Ich bin in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen – sehr muslimisch beeinflusst. Ein Teil von meiner Familie ist immer noch jüdisch und zum Teil auch in Israel begraben“, erzählt er. „Ich kann mich an ein Begräbnis erinnern, da ist ein Jude in der Familie gestorben. Als Kind denkst du dir, warum sind die einen verschleiert und die anderen tragen diese komischen Perücken. Aber die sind alle nebeneinander gesessen und haben alle auf ihre eigene Art getrauert und geweint. Alle lieben sich und trinken schwarzen Kaffee. Der eine liest aus dem Koran – obwohl ein Jude gestorben ist –, und die anderen lesen aus der Thora. Und du denkst dir, soll ich jetzt weinen oder lachen? Es war wie eine schwarze Komödie. Wie in einem Woody-Allen-Film.“

    Zweite Heimat

    Stammkunden beschreiben das Café Kafka oft als ihre zweite Heimat. Für Hamid ist das nicht anders. „Ich bin jeden Tag hier. Kafka ist mein Zuhause. Ich versuche sehr familiär zu arbeiten. Die Kellner sind keine Arbeiter in dem Sinn. Sie sind hier, weil sie sich im Kafka wohlfühlen. Mehr oder weniger macht jeder das, was er will und arbeitet nach seinen eigenen Wünschen. Ich habe hier aber nicht sehr viel zu sagen. Der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass ich die Rechnungen zahlen muss und sie nicht. Wir sind hier gleichberechtigt. Ich bin froh, dass sie mich nicht kündigen.“

    Ich zeige auf das vergilbte Bild von Franz Kafka, der mich mit seinen großen Ohren und bestimmtem Blick beobachtet. Wie würde er sich wohl fühlen, wenn er sein Café betreten würde? „Er würde wahrscheinlich zu mir sagen ‚Was für ein Arschloch. Er hat meinen Namen missbraucht‘“, lacht der Kaffeehausbesitzer laut. Es würde in seinem Sinne nicht funktionieren, meint er. „Es ist hier vieles viel moderner, als er es gelebt hätte, und es ist sehr viel ‚pseudo‘, was hier herrscht. Und er war nicht pseudo. Er war echt. Ich habe den Eindruck, dass hier viele Gäste sehr pseudo sind. Es gibt auch einige Leute, die echte Künstler sind. Die kommen deswegen her, weil das Kafka so ist, wie es ist. Und sehr oft entwickeln sich Leute, die herkommen, zu Künstlern. Singen oder malen. Und sie bekommen hier eine kleine Möglichkeit, sich zu präsentieren.“ Offiziell wird Hamid 2018 in Pension gehen. Etwa zur selben Zeit tritt das allgemeine Rauchverbot in Lokalen in Kraft. „Nichtraucher ist Nichtraucher. An Gesetze halten wir uns. Ich hätte viel mehr verdient, wenn ich an Kinder Alkohol ausgeschenkt hätte“, lacht er. Wenn es nach ihm geht, soll sich hier auch in Zukunft nichts ändern. Wer im Café Kafka auf die Verwandlung wartet, ist fehl am Platz.

    Samuel Mago

    Samuel Mago

    Der Linguistik-Stundent ist in Budapest geboren und hat jüdische und Roma Wurzeln. Er ist freier Journalist und engagiert sich als Roma-Aktivist im Verein Romano Centro.
    Samuel Mago

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