Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Jüdische Kulturwege im Burgenland

    Am 4. September 2016 wurden die „Jüdischen Kulturwege im Burgenland“ vorgestellt. Sie führen durch zwölf burgenländische Gemeinden und binden Österreich nun auch in das Netz der „European Routes of Jewish Heritage“ ein.
    VON BRIGITTE KRIZSANITS

     

    Die European Routes of Jewish Heritage reichen von A wie Austria bis U wie United Kingdom, überspannen mittlerweile große Teile Europas und sogar darüber hinaus bis Aserbaidschan. Seit kurzem ist auch das Burgenland in diesem Netzwerk vertreten. „Wir hatten schon sehr lange diese Projektidee, die burgenländischen jüdischen Gemeinden für Interessierte erfahrbar zu machen, weil Bedarf besteht. Es ist als Tourist oder auch als Nachfahre von hier Geborenen schwer, sich vor Ort zu informieren“, sagt Alfred Lang, Geschäftsführer der Burgenländischen Forschungsgesellschaft. „Teilweise ist es schwierig, die historischen Plätze überhaupt zu finden, die Friedhöfe sind manchmal so versteckt und Beschilderungen gibt es kaum.“ Daher waren die Verantwortlichen der Burgenländischen Forschungsgesellschaft dankbar über den Impuls, der von der European Association for the Preservation and Promotion of Jewish Culture and Heritage (AEPJ) ausging.

    Kulturpfad Der Kontakt zu der internationalen Vereinigung kam über Ernest Simon zustande, den Dr. Gert Tschögl, der Verantwortliche für Zeitgeschichte und Politische Bildung in der Burgenländischen Forschungsgesellschaft, im Zusammenhang mit einem anderen Projekt kennengelernt hatte: „Im Zuge des Buches Vertrieben habe ich Interviews gemacht – und selbst als das Buch bereits erschienen war, habe ich die Aufzeichnungen fortgesetzt. So kam ich mit Ernest Simon in Kontakt. Er ist in Eisenstadt geboren und war mit einem Kindertransport nach London gekommen. Heute ist er im Vorstand von B’nai B’rith Europe, und diese Organisation ist wiederum Mitglied bei der AEPJ. Die AEPJ regte an, den Europäischen Tag der jüdischen Kultur auch ins Burgenland zu bringen und auch einen Trail durch die ‚Sieben- Gemeinden‘ (Schewa Kehillot) des Burgenlandes einzurichten.“ Die Burgenländische Forschungsgesellschaft griff beide Ideen auf. 2014 wurde mit einem vielfältigen Programm in mehreren Gemeinden der erste Europäische Tag der jüdischen Kultur im Burgenland begangen. Und auch der Plan der Kulturroute wurde konkretisiert. Allerdings war den Verantwortlichen bald klar: „Wenn wir das machen, dann nicht nur für die Sieben-Gemeinden, sondern gleich für alle zwölf.“ Denn neben den bekannten Sieben-Gemeinden, die unter Esterházy-Herrschaft gestanden waren, gab es im Burgenland fünf weitere jüdische Kultusgemeinden beziehungsweise Filialgemeinden.

    Leitfaden im Web- und Printformat

    Ziel des Projektes war und ist es, den Interessierten etwas in die Hand zu geben: „Es gab bislang keinen Überblick über die burgenländischen jüdischen Gemeinden. Daher war unsere Idee, die jüdischen Spuren in den Gemeinden zugänglich zu machen. Ursprünglich war eine Handy-App vorgesehen. Davon sind wir jedoch wieder abgekommen. Wir haben die Website forschungsgesellschaft.at/routes, und wir haben ein Begleitheft erstellt. Denn diese Rückmeldung haben wir bekommen, dass die Gäste nach Führungen gerne etwas mit nach Hause nehmen, wo sie noch vertiefend weiterlesen können“, so Alfred Lang. „Die Website ist auch auf dem Mobiltelefon abrufbar und hat den Vorteil gegenüber der Broschüre, dass wir sie stets aktuell halten können. Wir haben dort auch zu den einzelnen Gemeinden Videos mit Zeitzeugen, die sich an ihre Zeit in der jeweiligen Gemeinde erinnern, eingespielt. Diese Mediathek wird laufend erweitert“, erklärt Dr. Gert Tschögl.

    Überblick über die zwölf jüdischen Gemeinden

    Mit der Website beziehungsweise der Broschüre erhalten Interessierte einen Leitfaden zu den einzelnen Gemeinden und auch zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung im Burgenland. Diese reicht nachweislich bis in das 13. Jahrhundert zurück. Weit über die Grenzen hinaus bekannt sind die sogenannten „Sieben-Gemeinden“ – Schewa Kehillot – Eisenstadt, Mattersburg, Kittsee, Frauenkirchen, Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz, die unter dem Schutz der Fürsten Esterházy standen. Paul I. Esterházy (1635-1713) hatte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus Wien vertriebenen Juden die Ansiedlung in jenen sieben Gemeinden – und dazu noch in Neufeld an der Leitha – erlaubt. Sie leisteten dafür Schutzgeld und nannten sich stolz „Hochfürstlich Esterházysche Schutzjuden“. Der Rabbiner von Kittsee betreute auch die außerhalb der Herrschaft liegende Kultusgemeinde Gattendorf mit.

    In den Gemeinden Güssing, Rechnitz und Stadtschlaining entstanden unter der Herrschaft der Familie Batthyány jüdische Gemeinden. 1930 kam auch Oberwart hinzu, da in der Zwischenkriegszeit jüdische Familien aus Stadtschlaining hierher umgesiedelt waren.

    Kulturführer mit Hang zum Detail

    Der Kulturführer stellt die Geschichte der einzelnen Gemeinden vor und geht dabei auch auf Persönlichkeiten und Örtlichkeiten ein. „Das ist für mich ein wichtiger Punkt und hebt unsere Broschüre auch von anderen Kulturführern ab. Denn wir gehen einen Schritt weiter und beziehen auch die Straßen und Wohnhäuser mit ein. Herkömmliche Reiseführer beschränken sich meist auf das, was man offensichtlich vor Ort hat – das ist der Friedhof. Vielleicht gibt es noch eine Synagoge, und das war’s dann schon. Aber das stimmt ja nicht: Es stehen in den Gemeinden ja noch sehr viele Häuser der Menschen im Originalzustand – und da gibt es auch Geschichten über die Menschen, die dort gelebt haben, über den Rabbiner, den Schächter usw.“, sagt Alfred Lang. Dazu findet man in der Broschüre nützliche Hinweise: etwa dazu, wo der Schlüssel zum Friedhof erhältlich ist oder wo zusätzliche Informationen abrufbar sind. Auch Kontaktdaten über Personen und Initiativen vor Ort sind aufgelistet.

    Jüdische Kultur erlebbar machen

    Durch die Kulturwege soll das Bewusstsein für die jüdische Geschichte im Burgenland gestärkt werden – einerseits vor Ort, aber auch für Besucher, die von weiter her auf Spurensuche hierher kommen. „Wir haben immer wieder Nachkommen, die bei uns anfragen, ob wir ihnen hier etwas zeigen können. Wir machen mit ihnen dann eine Tour“, sagt Dr. Gert Tschögl und nennt auch noch ein Beispiel, das zeigt, wie alle von gelebter Erinnerung profitieren: „Wir hatten heuer wieder eine Anfrage von einer Dame aus Amerika, deren Mutter in Deutschkreutz geboren war und die diesen Ort besuchen wollte. Sie befand sich mit ihrem Mann auf Europareise und wir haben ihr vom Europäischen Tag der jüdischen Kultur und den Veranstaltungen im Burgenland erzählt. Daraufhin haben sie ihre Reise umgeplant und es so eingerichtet, dass sie am 4. September in Deutschkreutz waren. Dr. Adalbert Putz hatte recherchiert, welches ihr Elternhaus war und dazu auch historische Bilder organisiert. Für die Dame war das sehr berührend. Genau diese Erlebnisse sind es, wovon unser Projekt lebt“, sagt Alfred Lang abschließend.

     

    Information:
    Burgenländische Forschungsgesellschaft
    Domplatz 21
    7000 Eisenstadt
    Tel +43 2682 66 88 6
    www.forschungsgesellschaft.at/routes

    Die European Routes of Jewish Heritage umfassen Routen in 14 Ländern sowie drei Routen zu den Themen „Modernismus in europäischen Synagogen“, „Frauen im Judentum“ und „Holzsynagogen in Zentral- und Osteuropa“. Dabei handelt es sich nicht um ein zusammenhängendes Wegenetz, sondern um einzelne Touren bzw. auch Punkte, die unter www.jewisheritage.org abgerufen werden können.

    Brigitte Krizsanits

    Brigitte Krizsanits

    studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien und war anschließend in Wien und Prag in der Erwachsenenbildung tätig. Seit 2010 ist sie freie Journalistin und publizierte unter anderem die Bildbände Das Leithagebirge. Grenze und Verbindung und Eisenstadt.
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