Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Jüdische Gretchenfrage

    Was bisher geschah: Im NU 67 schrieb ein Redakteur über die Bestellung der beiden neuen Rabbiner. Die IKG-Führung meinte, dass es in diesem Beitrag Fehler gebe und verfasste einen Brief an alle IKG-Mitglieder. Der Redakteur, gleich auch der Herausgeber und der Chefredakteur hätten sich strafrechtlich relevanter (!) Taten schuldig gemacht. Klagen wolle man aber nicht.

    © CAMILLA IBER

    Diese Beschuldigung erfüllte ihrerseits tatsächlich den Straftatbestand der üblen Nachrede und Kreditschädigung. Aber auch NU klagte nicht, sondern ließ sogar eine Gegendarstellung in der Zeitung zu. Dann aber kam im Auftrag der IKG ein Brief von einem englischen Rabbinatsgericht an das NU-Team. Chefredakteur Peter Menasse, der nicht religiös ist, schrieb daraufhin im NU 68 einen Leitartikel, in dem er seine Sorge ausdrückte, dass nunmehr Rabbiner die Macht in der Kultusgemeinde übernehmen würden. Wenn das der Fall sei, so seine Meinung, müsste die Konstruktion der IKG als auch politische Vertretung der Juden neu überdacht wären, denn es gebe viele Mitglieder, die sich nicht über die Religion als Juden definierten.

    Dieser Beitrag wiederum führte zu teilweise wütenden Protesten und zu ermutigenden Zustimmungen. Über die Frage, wer Jude ist, sind sich allerdings auch NU-Herausgeber Martin Engelberg und Chefredakteur Peter Menasse nicht einig. Sie klagen einander aber nicht, weder vor einem zivilen, noch vor einem religiösen Gericht, sondern reden miteinander. Eine Form des Umgangs miteinander, wie sie bei der IKG-Spitze scheinbar verloren gegangen ist. Hier das Gespräch.

    Engelberg: Dein Leitartikel im NU 67 hat mir so manche scharfe Nachfrage aus der Gemeinde beschert. Damit haben wir gleich die erste Frage auf dem Tisch, nämlich, ich bin Herausgeber, du bist Chefredakteur. Wie ist das, wenn du etwas schreibst? Darf ich dir da dreinreden?

    Menasse: Also nach allen Regeln guten Journalismus redet der Herausgeber dem Chefredakteur und auch anderen Redakteuren nicht hinein. Das haben wir zu Zeiten, als Erwin Javor Herausgeber war, so gehalten, und du machst es genauso. Gerade bei einem Kommentar ist es klar, dass ich hier meine Meinung schreibe.

    Ich habe übrigens zwei diametral entgegengesetzte Arten von Leserbriefen erhalten, nämlich total begeisterte und ganz ablehnende. Es gab nichts Lauwarmes dazwischen. Manche meinten, ich würde da jetzt einen Chaj-Wahlkampf betreiben, was völlig absurd ist, weil ich nicht für Chaj arbeite. Wir machen mit unserem NU eine Zeitung, die nach journalistischen Grundsätzen funktioniert. Die kennen aber scheinbar viele nicht.

    Mir ging es um die Sinnhaftigkeit der Trennung von Religion und Politik. Schon in meinem allerersten Beitrag für NU vor 16 Jahren habe ich geschrieben, dass es eine voraufklärerische Situation ist, wenn Religion und Politik in der Gemeinde nicht getrennt sind.

    Engelberg: Na gut, aber eines nach dem anderen. Also das Erste ist vollkommen richtig. Der Herausgeber wird sich nicht einmischen. Zweitens ist es aber so, dass ich in einigen Punkten nicht deiner Meinung bin. Die wichtigste und heikelste Frage ist ja eine, die die jüdischen Gemeinschaften in der ganzen Welt beschäftigt und immer schon beschäftigt hat, nämlich die sogenannte „Mihu jehudi“-Frage, also „Wer ist Jude?“ Und das ist doch eine sehr sensible Frage, die du für mein Gefühl vereinfachend beantwortet hast, wenn du schreibst, dass es eigentlich egal ist, ob jemand eine jüdische Mutter hat. Wenn einer sagt, er sei jüdisch, ist er nach deiner Meinung Jude. Und damit kann ich, das muss ich ehrlich sagen, nichts anfangen.

    Menasse: So habe ich es nicht geschrieben. Es gab Zeiten, wo alle Menschen religiös waren, und da konnte man ganz einfach sagen, Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat. Dann aber haben viele begonnen, sich von der Religion abzuwenden und alles war plötzlich anders. Wenn das Judentum sich religiös definiert und aber auf die Mutter abzielt, dann entsteht ein Widerspruch. Ich zum Beispiel habe eine jüdische Mutter, bin aber nicht religiös.

    Es gab aber dann den Einschnitt durch die Schoa, als auch Menschen als Juden verfolgt wurden, die nicht religiös waren. Es gibt auch heute viele, deren Familien in der Schoa gelitten haben und die daher wissen, dass man verletzlich ist und sich gegen jede Form von Diskriminierung und Rassenhass wehren muss.

    Das ist sozusagen ein politischer Auftrag, und so komme ich auf den Begriff des „politischen Juden“. Ich glaube aber nicht, dass irgendwer sagen kann „He, hallo, ich bin jetzt ein religiöser Jude“, also das habe ich damit nicht gemeint.

    Engelberg: Okay. Es gibt ja tatsächlich in Amerika den Begriff des „psychological Jew“, also von Juden, die aufgrund ihrer ethischen Grundsätze, aufgrund ihres intellektuellen Zugangs und ihrer Moralvorstellungen und so weiter ein Set von Werten definieren, wo sie meinen, das würde sie jüdisch machen. Der Punkt für eine Gemeinschaft aber ist, es muss eine klare Definition geben, weil sonst verwässert sich das komplett. Das heißt, wenn wir keine eindeutige Definition haben – und die einzige, auf die sich alle geeinigt haben, ist, dass Jude zu sein eine jüdische Mutter bedingt – dann wird das vollkommen willkürlich.

    Menasse: Also zur Definition. Nach den Gesetzen der Logik geht es nicht an, dass man in der Definition just jenes Wort verwendet, das zu definieren ist, weil damit dreht man sich im Kreis. Jemand ist ein Jude, wenn die Mutter Jüdin ist. Damit ist aber wiederum nicht definiert, was eine jüdische Mutter ist. Das ist also keine Definition.

    Aber abgesehen davon, nehmen wir den Kampf gegen den Antisemitismus. Sollen sich alle, die keine jüdische Mutter, aber vielleicht einen jüdischen Vater haben, zurücklehnen und sagen, „Das sollen die machen mit der jüdischen Mutter“? Sollen die in Zukunft einem Mob, der antisemitisch losrennt, sagen: „Hallo, mich dürft ihr nicht verfolgen, weil ich habe keine jüdische Mutter“?

    Engelberg: Reden wir nicht immer nur von der Verfolgung, sondern gehen wir in den positiven Fall, dass jemand sagt „Okay, ich habe zwar keine jüdische Mutter, aber nach meinem Denken, in meinem Wesen, in meiner Art, auch in meinem Freundeskreis und im Halten der Traditionen führe ich ein jüdisches Leben.“ Sie müssten übertreten, wenn sie Mitglied der Gemeinschaft werden wollen. Und das ist eben das System, auf das wir uns geeinigt haben. Sonst funktioniert es nicht.

    Menasse: Du sagst, das System, auf das „wir“ uns geeinigt haben. Aber dieses „Wir“ schließt nicht alle ein. Es wäre möglich, dass sich eine neue Gruppe bildet, die sich von der Definition der Religion löst und mit politischen und kulturellen Argumenten ein Jüdisch-Sein für sich beansprucht. Die Religiösen werden sagen: „Ihr seid keine Juden“, aber das kann ja den anderen egal sein. Man könnte trotzdem politisch wirksam werden in der Gesellschaft.

    Diese Idee ist ja bisher nie entstanden, weil es ein freundschaftliches Miteinander von religiösen und nichtreligiösen Mitgliedern der Kultusgemeinde gegeben hat. Aber zuletzt wollte man mich vor ein Religionsgericht zerren.

    Engelberg: Also ich bin ja der Letzte, der die Weisheit der derzeitigen IKG-Führung verteidigen möchte. Mir ist aber die Frage ein wichtiges Anliegen: „Braucht es einen religiösen Inhalt, um das eigene Judentum zu definieren?“ Und ich sage ja. Das Religiöse fängt mit der jüdischen Mutter an und braucht noch etwas darüber hinaus, nämlich ein religiöses, traditionelles Leben, um eine lebendige jüdische Identität aufrecht zu erhalten.

    Menasse: Da unterscheiden sich unsere Meinungen. Aber wir können dennoch gemeinsam eine Zeitung machen, die vielen Menschen das Interessante, Schöne und Besondere am Judentum zeigt. Das funktioniert seit 17 Jahren, weil wir respektvoll miteinander umgehen.

    Engelberg: Deine Position in der Frage der jüdischen Identität ist deswegen heikel, weil man befürchten kann, dass die Gefahr der Spaltung des Judentums besteht. Was wäre denn deine Lösung? Ich meine, wie stellst du dir vor, dass wir in der Kultusgemeinde mit Menschen umgehen, deren Vater beispielsweise Jude ist, nicht aber die Mutter?

    Menasse: Also es geht mir gar nicht so sehr um den Eintritt in die Kultusgemeinde, das ist für mich ein Randthema. Ich bin zwar Mitglied der Kultusgemeinde, das bin ich aber eher aus politischen Gründen geworden, als Zeichen, dass ich der Gesellschaft zeige, dass ich Jude bin – und es gibt keine andere Möglichkeit, das so offensichtlich zu machen.

    Ich habe eine andere Frage: Was ist mit den vielen Menschen, die wir zum Beispiel für NU interviewen und die uns von ihren Verwandten erzählen, die verfolgt wurde. Wollen wir sie mit Definitionen zurückstoßen? Das wäre eine interessante Diskussion innerhalb der Kultusgemeinde. Wie gehen wir mit ihnen um?

    Engelberg: Die entscheidende Frage bleibt trotzdem, wie gehen wir mit Menschen um, die nach der Halacha nicht Juden sind? Ich meine, man muss das mit großer Menschlichkeit und Sympathie abhandeln und auch einen Weg finden, gemeinsame Formate zu haben. Nur der Schritt dazu, diesen Leuten die Möglichkeit zu geben, Mitglieder der Kultusgemeinde zu werden und damit per Definition, auch religiöser Definition, Juden zu sein, das funktioniert nicht.

    Menasse: Die Kultusgemeinde ist ja per Definition, per Gesetz eine Religionsgemeinschaft. Sie soll anerkennen, wie sie es für richtig hält. Aber strenggenommen müsste sie dann auch alle, die sich als nicht religiös deklarieren, einfach ausschließen.

    Engelberg: Aber noch einmal zurück, ich meine das, was eben das Missverständliche bei deinem Artikel war, dieser Aufruf quasi zur Spaltung. Also erstens einmal, dass die, die nach Halacha nicht jüdisch sind, auch Teil der Gemeinde werden sollten und andererseits, dass die, die nicht religiös sind, eigentlich austreten sollten, weil diese Gemeinde religiös ist.

    Menasse: Ja, der Ausschluss der Nichtreligiösen wäre eigentlich konsequent. Dann stellt sich allerdings die Frage der politischen Vertretung. Weil der Antisemitismus, aber auch die jüdische Kultur betreffen nicht nur die religiösen Juden, sondern auch alle, die von der IKG nicht anerkannt werden.

    Engelberg: Ja, ich denke, das ist schon auch wichtig zu sagen. Dass wir eben die Kultusgemeinde nicht nur als Religionsgemeinschaft sehen, die sie laut Statut wohl ist. Ich weiß jetzt nicht, wie es vor der Schoa war, aber jedenfalls seither war sie schon auch immer eine politische Vertretung der Juden.

    Menasse: Es müsste irgendwann einmal eine wirklich ordentliche Diskussion darüber geben, wie man mit diesem Thema umgeht. Was heißt das, dass Menschen als Juden angegriffen werden könnten, aber nicht religiös sind? Was ist mit den vielen, die nicht religiös sind, aber die jüdische Kultur weitertragen? Dieser Diskussion sollte sich die Kultusgemeinde stellen, statt Religionsgerichte anzurufen, als ob wir im Iran oder in Saudi-Arabien wären.

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.
    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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