Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Juden verstecken war auch Widerstand | Nr. 28 (2/2007) - Tamus 5767
  • Judentum als Ehrensachen

    “Solange es Leute gibt, die es kümmert, ob ich ein Jude bin, der vorgibt, keiner zu sein, so lange muss ich Jude bleiben, auch wenn ich mir innerlich nicht jüdischer vorkomme als ein geräucherter Schweineschinken . es ist eine Ehrensache für mich”, sagt Louis Begleys neuer Romanheld am Anfang des Buches. Es dreht sich um unterschwelligen Antisemitismus an der Elite-Uni Harvard – und in der Nachkriegsgesellschaft.
    Von Herbert Voglmayr

    Der Roman „Ehrensachen“ von Louis Begley erzählt die Geschichte dreier Freunde, die Anfang der 1950er Jahre in Harvard studieren und zusammen wohnen und einander auch später freundschaftlich verbunden bleiben. Sam, der Ich-Erzähler, und Archie kommen aus der amerikanischen Ostküsten-Oberschicht, während Henry, die Hauptfigur des Romans, ein polnischer Jude ist, der mit seinen Eltern 1947 in die USA emigrierte und dem Vernichtungsfuror der Nazis nur entkam, weil er und seine Eltern von mutigen Freunden versteckt wurden.

    Alle drei entstammen traditionsbewussten Elternhäusern und orientieren sich an den Idealen der jungen Generation der New Yorker Upperclass, die den „American Dream“ von Karriere und Reichtum träumt. Das bringt für den Juden Henry größere Identitätsprobleme mit sich als für seine amerikanischen Freunde. Seine Identitätsfindung in der Neuen Welt wird ihm einerseits erschwert durch eine possessive Mutter, die ihn ständig ermahnt, ihre Verfolgungsgeschichte niemals zu vergessen, andererseits durch eine ambivalente Atmosphäre an der Universität, die zwar an der Oberfläche liberal, intellektuell und weltoffen, bei genauerem Hinsehen aber gesellschaftlich elitär ist und sich in einer dünkelhaften Abneigung gegen alle äußert, die nicht die elitären Schulen besucht haben.

    Diese Atmosphäre wirkt unausgesprochen und unterschwellig, die kultivierte, unangreifbare Eleganz ist durchsetzt von einer Mischung aus glatter Freundlichkeit und Gift, die für den Juden Henry besonders irritierend ist.

    Getarntes Klassenbewusstsein?
    Dabei ist nicht immer klar auszumachen, ob es sich primär um Anti-semitismus handelt oder nicht eher um eine Art militantes Klassenbe-wusstsein, das sich in einer funda-mentalen, versnobten Feindseligkeit gegenüber allen Außenseitern ausdrückt.

    Der unterschwellige Konflikt spitzt sich zu, als Henry mit Ralph, der

    „fleischfressenden Insektenkönigin“ einer elitären Clique höheren Semes-ters, ein Theaterprojekt verwirklichen will. Nach anfänglicher Kooperation erkennt Ralph, dass Henry ihm und seiner Clique intellektuell überlegen ist und ihnen die Führung entgleitet. Das ist zu viel der Kränkung und Henry wird offen angefeindet und geächtet, „um der bewährten gesellschaftlichen Ordnung willen“.

    Der Ich-Erzähler Sam reflektiert rund um diesen Konflikt seine eigene Haltung dazu und erkennt, dass er nicht für seinen Freund Henry Partei ergriffen hat, was er allerdings später eindrucksvoll nachholt. Er wird sich bewusst, dass sie alle drei (Sam, Archie und Henry) das Wort „Jude“ mit Befangenheit aussprechen, es „vorsichtig zwischen zwei Fingern weit vom Körper weg halten, als ob es einen schlechten Geruch ausdünste … dass es peinlich ist, das Wort in kultivierter Umgebung zu benutzen, besonders in Gegenwart eines Juden“.

    Der Buchtitel „Ehrensachen“ be-zieht sich darauf, dass Henry in einer der zahlreichen Diskussionen zu diesem Thema seinem Freund Sam antwortet: „Solange es Leute gibt, die es kümmert, ob ich ein Jude bin, der vorgibt, keiner zu sein, so lange muss ich Jude bleiben, auch wenn ich mir innerlich nicht jüdischer vorkomme als ein geräucherter Schweineschinken … es ist eine Ehrensache für mich“.

    Anwalt im Zweifel
    Eine etwas anders geartete, im Kern aber ähnliche „Ehrensache“ beschäftigt Henry im Laufe seines späteren Berufslebens als erfolgreicher Wirtschaftsanwalt und Vermögensberater. Er arbeitet für eine renommierte New Yorker Anwaltskanzlei, die ein Büro in Paris eröffnet, wo Henry mit dem belgischen Aristokraten und Industriellen Comte de Sainte-Terre einen ganz dicken Fisch als Klient für die Kanzlei an Land zieht. Die jahrelange erfolgreiche Zusammenarbeit führt auch zu einer engen Freundschaft zwischen den beiden. Kritisch wird die Sache, als die neu ins Amt gekommene Mitterrand-Regierung ein Verstaatli-chungsprogramm beschließt, von dem auch die in Frankreich befindlichen Vermögenswerte des Belgiers betroffen sind, der von den Leuten hinter seinem Rücken „Goldfinger“ genannt wird. Er verlangt von seinem Anwalt und Vermögensberater Henry, nach Wegen zu suchen, um das betroffene Vermögen der Verstaatlichung zu entziehen, was diesem auch gelingt.

    Henry findet eine Gesetzeslücke, die eine juristisch unangreifbare, politisch aber riskante Lösung dieses Problems für seinen Klienten ermöglicht, indem sie über eine besondere Firmenkonstruktion das betroffene Vermögen noch vor der Verstaatli-chung ins Ausland transferiert. Henry fühlt sich verpflichtet, alles legal Mögliche für die Interessen seines Klienten zu tun, weist aber wiederholt darauf hin, dass eine Aktion dieser Art politische Vergeltungsmaßnahmen seitens der französischen Regierung nach sich ziehen könnte. Alle War-nungen werden jedoch von „Goldfin-ger“ aus Habgier in den Wind geschlagen. Als sie sich aber als zutreffend erweisen und die Behörden mit einer scharfen Finanzprüfung gegen die Firma vorgehen und Verhaftungen vornehmen, wendet sich der Belgier gegen Henry und wirft ihm mangelnde Vertretung der Firmeninteressen vor.

    Henry muss erkennen, dass er sich über die Freundschaft des Comte Illusionen gemacht und nicht begriffen hat, dass dessen aristokratische Herrschaftsattitüde eine absolute ist und auch von einem „Freund“ die Unterwerfung unter seine Herrschafts- und Besitzinteressen verlangt. Im Nachdenken darüber wird er sich bewusst, dass die Identifikation mit den Interessen seiner Mandanten, die sein Anwaltsberuf ihm abverlangt, so stark ist, dass sie ihn daran hindert, sein eigenes Leben zu leben. Und er zieht daraus eine Konsequenz, die für alle, die ihn näher kennen, überraschend kommt.

    Zur Person:
    Begleys spätes Debüt

    Louis Begley wurde 1933 in Polen als Sohn jüdischer Eltern geboren. Die Familie wurde während des Kriegs getrennt, fand 1945 wieder zusammen und emigrierte 1947 in die USA. Begley kam – ganz ähnlich wie der Held seines neuen Romans – mit einem Stipendium nach Harvard, wo er 1950 zusammen mit John Updike sein Studium der Englischen Literatur mit „summa cum laude“ abschloss und – nach Absolvierung des Militärdienstes – auch sein Jurastudium mit überragendem Erfolg absolvierte.
    Eine weitere Parallele zum Buch: Wie sein aktueller Romanheld arbeitete auch Begley bis 2004 höchst erfolgreich als Rechtsanwalt in New York.

    Begley debütierte literarisch spät, nämlich erst 1991 – mit dem Roman „Lügen in Zeiten des Krieges“, den er während eines Sabbaticals verfasst hatte und der ihn auf Anhieb international bekannt machte.

    Er schildert darin eindrücklich die Ereignisse des Holocaust in Polen, insbesondere die zum Überleben notwendigen Lügen aus der Sicht eines kleinen Jungen. Es folgten „Wie Max es sah“, „Der Mann, der zu spät kam“, „About Schmidt“ (verfilmt mit Jack Nicholson in der Hauptrolle), „Mistlers Abschied“, „Schmidts Bewährung“, „Schiffbruch“ sowie „Venedig unter vier Augen“ (mit Anka Muhlstein, seiner zweiten Frau).

    Über seine Bücher sagt Begley: „Die Charaktere, die mir in meinen Büchern ähneln, sind eher Leute, in die ich mich hätte entwickeln können, wenn sich das so gefügt hätte. Sie sind potenzielle ‚Ichs’, keine wirklichen ‚Ichs’. Mein tatsächliches ‚Ich’ kommt in meinen Büchern nicht vor.“

    Herbert Voglmayr

    Herbert Voglmayr

    Nach dem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften berufliche Tätigkeit an der Universität und in der Erwachsenenbildung. Seit 2004 freiberuflicher Publizist. Neben seiner Tätigkeit für NU verfasst er Kultur- und Weinreiseführer durch italienische Weinregionen.
    Herbert Voglmayr

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