Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Ist das gut für die Juden?

    VON MARTIN ENGELBERG

    Wir können nicht anders. Unsere Vorfahren haben jahrhundertelang in ständiger Bedrohung gelebt. Ängstlich haben sie jede noch so kleine Veränderung beobachtet, um rechtzeitig vor einer drohenden Gefahr gewarnt zu sein. Änderte sich etwas, lautete die Frage: „Ist das gut für die Juden?“ Immer wieder zitierte mein Vater seinen Vater mit einem Sprichwort aus den „Mishlei“, den Sprüchen Salomons: „Ashrei Adam Mefached Tamid“ – Gerecht ist der Mensch, der sich immer fürchtet. Es war unseren jüdischen Ahnen zum 11. Gebot geworden und ist in unsere DNA eingegangen.

    Ist also die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA gut oder schlecht für uns Juden, müssen wir dementsprechend fragen. Nur – gibt es überhaupt Anhaltspunkte dafür, dass diese Wahl irgendeinen Einfluss auf die jüdische Gemeinschaft in den USA oder sonstwo hat? Gab es im Wahlkampf überhaupt ein relevantes Thema, das Juden ganz spezifisch in ihren Bedürfnissen oder gar in ihrer Existenz betroffen hätte? Darauf kann man nur antworten: No way! Sowohl Hillary Clinton wie auch Donald Trump begegnen den Juden mit großer Wertschätzung und Empathie. Eigentlich muss man sagen: Es hat sich in den USA praktisch eine Normalität im Verhältnis zwischen Christen und Juden hergestellt. Antisemitismus ist ein völliges Randphänomen der amerikanischen Gesellschaft geworden.

    Dafür waren die beiden Kandidaten und ihr familiäres Umfeld das geradezu perfekte Bespiel: Hillary und Bill Clintons Tochter Chelsea ist zwar nicht zum Judentum übergetreten, aber mit Marc Mezvinsky, einem jüdischen Banker, verheiratet. Ihre Hochzeit war eine interkonfessionelle Zeremonie mit einem Pastor und einem Rabbiner. Chelsea und Marc nehmen an jüdischen Gottesdiensten teil. Im Umfeld der Clintons gibt es zahlreiche jüdische Freunde und politische Mitstreiter.

    Bei den Kindern Donald Trumps läuft alles noch viel mehr in diese Richtung. Bekanntlich ist Trumps Tochter Ivanka bei einem orthodoxen Rabbiner zum Judentum übergetreten und mit dem jüdischen Geschäftsmann Jared Kushner verheiratet. Sie haben zwei Kinder, und es wurde bereits darüber gewitzelt, dass sie Donald Trump „First Zeidi“ (Jiddisch: Opa) rufen werden. Einige Tage nach der erfolgreichen Wahl Trumps zum Präsidenten hat auch sein Sohn Eric seine jüdische Partnerin Lara Yunaska, eine TV-Produzentin, geheiratet. Obwohl Eric nicht zum Judentum übertrat, fand die Hochzeitszeremonie unter einer Chuppa (jüdischer Traubaldachin) statt.

    Die große Mehrheit der amerikanischen Juden gehört dem liberalen Judentum an, und es haben, ähnlich wie bei früheren Wahlen, 70 Prozent für die Demokraten – also Hillary Clinton – gestimmt. Für sie ist mit der Wahl Trumps eine Welt zusammengebrochen. Sie fürchten um das liberale, weltoffene Amerika, ein Amerika, das der Welt ein Leuchtturm für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ist. Ob das so stimmt oder nicht, und vor allem, ob das auch deren progressiven Freunde in Europa so sehen, sei dahingestellt. Ebenso wie die Frage, ob sich das alles unter Donald Trump tatsächlich radikal ändern wird. Aber diese Befürchtungen sind jedenfalls die genau gleichen, die andere Wähler Clintons und der Demokraten hegen, jüdische wie nicht-jüdische. Also: es ist nichts spezifisch Jüdisches.

    Bleibt also Israel. Ist in der USPolitik gegenüber Israel eine Änderung zu erwarten? Ja und nein. Ganz grundsätzlich gibt es zwischen Demokraten und Republikanern ein übereinstimmendes Bekenntnis zu Israel als Freund und wichtigstem Verbündeten im Nahen Osten, zur Existenz des jüdischen Staates und seinem Bedürfnis nach Sicherheit. Keiner der letzten amerikanischen Präsidenten hat einen Zweifel daran gelassen, und weder unter Clinton noch unter Trump hätte sich oder wird sich daran etwas ändern. Möglicherweise – und manche halten das sogar für eine Gewissheit – ist die Idee der „Zwei-Staaten- Lösung“ unter einem Präsident Trump jetzt endgültig tot. Aber das ist eine politische Frage, zu der es auch in Israel Pro- und Kontra-Stimmen gibt.

    Vielleicht ist es also für uns Juden in der westlichen Welt an der Zeit, uns langsam von dieser ständig wiederkehrenden ängstlichen Frage zu lösen: „Ist das gut für die Juden?“ Sie ist nicht mehr relevant.

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.
    Martin Engelberg

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