Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Israel ist nicht zu fassen

    Anfang Dezember 2016 fand in Israel ein „Jewish Media Summit“ statt. Vertreter von jüdischen Medien aus der ganzen Welt waren eingeladen, mehr über Israel und seine Politik zu erfahren. Peter Menasse hat sich das für NU angeschaut und einen subjektiven Reisebericht verfasst.

     

    Wenn einer eine Reise tut

    Was lässt sich im April 2017 noch über Israel im Dezember 2016 berichten, das nicht längst überholt wäre? Kaum ein Land durchlebt so viele politische Eruptionen und ist ständig elementar von wechselnden geopolitischen Konstellationen betroffen. Und dann auch: Was versteht denn ein Journalist von der politischen und sozialen Situation in Israel, wenn er sich dort bloß drei Tage aufgehalten hat?

    Gut, könnte man sagen, mancher Journalisten-Kollege hat seinen Reisebericht gleich nach der Landung im Taxi vom Flughafen ins Hotel beisammen, und andere brauchen nur Onkel und Tante im Gastland, um aus politischen Unruhen einen ganzen Frühling zu konstruieren. Mein Taxifahrer jedoch wollte mir, wenn auch wortreich, nur den bedeutenden Anteil der bulgarischstämmigen Juden an der Entwicklung Israels erklären, und meine Verwandten verziehen bloß verachtungsvoll das Gesicht, wenn es um die herrschenden Politiker ihres Landes geht. Daraus einen Frühling zu machen, fiele sogar dem größten Optimisten schwer.

    Also bleibt nur die eigene Recherche, und für eine solche gab der „Jewish Media Summit“ Anfang Dezember 2016 viel Gelegenheit. Rund fünfzig Vertreter von jüdischen Medien aus der ganzen Welt waren von israelischen Ministerien eingeladen worden, die wichtigsten Politiker des Landes zu treffen und verschiedene Bildungs- und Sozialeinrichtungen zu besuchen.

    Benjamin Netanjahu – der Ewige

    Ein paar Konstanten gibt es jedenfalls auch in Israel. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bekleidet seit zwanzig Jahren mit kurzen Unterbrechungen Spitzenpositionen in der Regierung, ist seit bald acht Jahren deren Premier und nimmt derzeit auch das Amt des Außenministers ein. Bei einer Pressekonferenz mit ihm wird klar, dass er Journalisten nicht wirklich mag. Ungeduldig versucht er Fragen auszuweichen oder stellt recht aggressiv Gegenfragen. Sehr schnell biegt er dann zu Themen ab, die er besprochen haben will. Alle seien an Israel interessiert, ob japanische Investoren, Russland, Vietnam, Korea, Singapur oder China, erklärt er uns. Der Handel des Landes wachse überproportional, niemand komme an Israels Knowhow in den Bereichen Cyber-Sicherheit und Militärtechnologie vorbei, und auch im Kampf gegen den Islamismus brauche man seine Unterstützung. Das würde, meint er stolz, bald auch auf UNO-Entscheidungen durchschlagen. Tja, was Anfang Dezember gesagt wird, wird dann bereits Ende Dezember mit der Verurteilung Israels im UN-Sicherheitsrat, bei der selbst die USA kein Veto einlegten, konterkariert. Möglicherweise sind es die zwanzig Jahre an der Macht – oder aber die Ignoranz gegenüber kritischen Fragen –, die Netanjahu den Blick verstellen. Aber es ist das ja nur eine einzige Pressekonferenz, und vielleicht hatte er da gerade einen schlechten Tag. Neben mir knurrte jedenfalls ein israelischer Teilnehmer sichtlich genervt: „Wann bekommen wir endlich einen Vollzeit- Außenminister?“

    Auch bei Zusammentreffen der Summit-Teilnehmer mit verschiedenen Politikern war der große Übervater Netanjahu immer wieder präsent. Die Moderatoren stellten mehrmals die Eingangsfrage, was denn nach Netanjahu käme. Seine Parteikollegin und stellvertretende Außenministerin Tsipi Hotovely von der Likud-Partei antwortete brav und symptomatisch, dass sie den Ministerpräsidenten als ewig sehe. Der frühere Botschafter der USA in Israel Michel Oren wollte sich darauf nicht einlassen und meinte nur, dass der Posten des israelischen Ministerpräsidenten der wohl schwierigste auf der Welt sei. Später wurde auch der Oppositionspolitiker Yair Lapid gefragt und meinte dazu, dass Netanjahu zwar bisher unumstritten gewesen sei, er jetzt jedoch eine gewisse Müdigkeit innerhalb und außerhalb der Regierung erkenne. Aber was im Dezember in Israel richtig sein kann, muss schon im April nicht mehr stimmen, wie wir inzwischen wissen.

    Reuven Rivlin – der Opa der Nation

    Der zweite große Staatsmann, dem wir begegnen, ist Israels Staatspräsident Reuven Rivlin. Er hat eine ganz andere Beziehung zu Medienvertretern als der Ministerpräsident. Er gibt sich als Mahner: Wir seien viel zu schnell mit Berichten über Probleme zur Hand, während über die Erfolge des Landes zu wenig geschrieben werde. Wir sollten vielmehr das Fenster zu den jüdischen Gemeinden sein und uns auch als Arm und Ohr im Kampf gegen den Antisemitismus engagieren. Rivlin ist ein freundlicher Mann, nicht unähnlich dem früheren österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer, der auch gerne seine Gesprächspartner wie nette kleine Kinder behandelte, die es zu ermahnen gilt. Über seine doch eigene Auffassung von Journalismus kann man bei einem solch sympathischen Politiker auch einmal hinwegblicken.

    Schließlich lernen wir zwei Politiker kennen, die vermutlich das politische Leben neben oder nach Netanjahu bestimmen werden. Sie vertreten zwei völlig unterschiedliche Lager, ähneln einander aber in einer Beziehung. Beide, nämlich Naftali Bennet und Yair Lapid, sind charismatische Persönlichkeiten.

    Naftali Bennet – der Smarte

    Bennet ist Vorsitzender der Partei Jüdisches Heim und Minister für Bildung und Diaspora-Angelegenheiten in der derzeitigen Regierung. Er berichtet im Gespräch mit den Teilnehmern am Media Summit über die Leistungen der Regierung, so etwa von Bildungsprogrammen für arabische Kinder, die unter anderem vorsehen würden, dass alle schon vom Kindergarten an Hebräisch lernen. Auch in Englischunterricht, in die Bildung von Jugendgruppen und in die sozialen Netze werde investiert.

    Angesprochen auf den Konflikt mit den Palästinensern und eine Zweistaaten- Lösung sieht er die Bringschuld nicht bei Israel. Gaza sei jetzt schon ein vollständiger Staat, der allerdings zu einer terroristischen Einheit verkommen sei. Israel habe von dort nur Raketen geerntet. Es wäre Zeit, dass die Palästinenser einen Dogmenwechsel durchführten. Gaza könnte, so Bennet, das Singapur des Nahen Ostens werden. Das Westjordanland, er nennt es „Judäa und Samaria“, ist nach seiner von der Bibel abgeleiteten Definition israelisches Gebiet.

    Yair Lapid – der Herausforderer

    Yair Lapid, Chef der im Jahr 2012 gegründeten liberalen Partei Jesch Atid, schaut nicht nur aus wie ein Filmstar, sondern war in seinem früheren Leben tatsächlich Schauspieler und Fernsehmoderator. Auch er wird von den Teilnehmern des Media Summit zu den Beziehungen mit den Palästinensern befragt, nähert sich dem Thema aber mit anderen Argumenten als Bennet. Er ist überzeugt davon, dass man mit den Nachbarn reden müsse, denn jede Lösung sei besser als das, was Israel jetzt habe. Er schlägt als eine Möglichkeit eine regionale Konferenz über Gaza vor, wo es bereits eine Infrastruktur gebe. Mit der Terrororganisation Hamas werde man nicht direkt reden, aber es könnten etwa die Türkei oder Katar als Moderatoren fungieren und Regelungen finden. Israel sei ein großes Land, das sich jetzt in die Zukunft bewegen müsse.

    Auf die Frage, ob er denn im Falle eines zukünftigen Wahlsieges überhaupt eine Koalition zustande bringen könne, denn es seien ja die Ultra- Orthodoxen ein wesentlicher Faktor, meint er mit großer Überzeugung: „Wenn wir die Wahl gewinnen, werden wir eine Regierung bilden – und wir können mit allen zusammenarbeiten.“

    Schließlich aber problematisiert Lapid dann doch die Positionen der herrschenden Regierung zur Religion. Als Beispiel führt er an, dass vor der Einigung der USA mit dem Iran die jüdischen Amerikaner gebeten worden waren, ihre Abgeordneten zu informieren und ihnen die Problematik einer Einigung mit dem israelfeindlichen Schiitenstaat zu erklären. Alle hätten es getan – und dann wäre die israelische Regierung dahergekommen und hätte ihre krausen Theorien verkündet: Übergetretene Juden seien keine wirklichen Juden, manche Synagogen seien keine anzuerkennenden Synagogen, manche Rabbiner keine Rabbiner. So vergraule man genau jene Freunde, die man doch so notwendig brauche.

    Eine solche Politik würde als Erstes geändert werden, wenn er Premierminister wäre, sagt Lapid, weil die Akzeptanz von Unterschiedlichkeit möglich sein müsse. Derzeit sei Israel ein Land, in dem es, paradox genug, keine Freiheit der Religionsausübung für Juden gebe.

    Israel und die USA

    Anfang Dezember war Donald Trump gerade erst gewählt worden und niemand konnte noch wissen, wie seine Position zu Israel sein würde. Die europäischen Medienvertreter bei diesem Zusammentreffen konnten jedoch deutlich erkennen, dass das Interesse der israelischen Außenpolitik nahezu ausschließlich den Beziehungen zu den USA gilt. Das hat auch durchaus seine Logik. Die USA sind neben Israel die zweite Heimstatt der Juden. Von dort kommt Unterstützung in ökonomischer und strategischer Form, dort lebt eine selbstbewusste jüdische Community, die ihren Einfluss geltend machen kann. Die europäischen Juden sind der eher lästige Teil der weltweiten Gemeinschaft. Sie reden gerne und viel über Antisemitismus, können Israel kaum Hilfe bieten, sondern fordern eher eine solche. Viele in Israel scheinen zu denken, dass sich die Europäer, statt zu jammern, lieber im „Gelobten Land“ niederlassen sollten. Zvika Klein, ein Journalist, der international bekannt wurde, als er mit einer Kippa durch Paris ging und die Reaktionen festhielt, meinte beim Media Summit, dass die israelischen Medien Berichte über Antisemitismus in Europa lieben würden. Noch mehr aber liebten sie „Alija“, also die „Rückkehr“ von Juden, wegen Antisemitismus. Es sei das eine gute Symbolik nach Meinung der Zionisten, die da sagten, „Schaut her, wir sind hier in Sicherheit. Und wenn ihr nicht herkommt, geschieht euch schon recht.“ Sorgenkinder also, die europäischen Juden, nichts als Sorgenkinder.

    Am augenfälligsten wurde die Hinwendung zu den USA und das Unverständnis gegenüber den europäischen Juden bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Antisemitismus in Europa“. Als Diskutanten eingeladen waren da neben immerhin zwei französischen Medienvertretern noch zwei Israelis und eine Journalistin von J – The Jewish Weekly of Northern California. Im Publikum saßen Medienvertreter aus Deutschland, Tschechien, Rumänien, Österreich und anderen europäischen Ländern und durften erfahren, was bei ihnen zu Hause los ist. Die Amerikanerin am Podium meinte dann noch, dass ihre Landsleute nicht so sehr auf andere Regionen schauen würden und sich nur darüber wundern, warum die diskriminierten Juden in ihren Ländern blieben. Über Antisemitismus in Europa wusste sie folgerichtig nichts, aber das interessiert eben viel weniger Menschen in den USA und Israel, als manche unter uns hier glauben wollen.

    Nach drei Tagen in Israel und Dutzenden Zusammenkünften mit Politikern und Medienvertretern bleibt beim Reiseberichterstatter der Eindruck eines Landes mit vielen Bruchlinien und inneren Konflikten. Vor der Heimreise, am Carmel-Markt von Tel Aviv, bekommt die Seele dann wieder Balsam in Form von Farben, Gerüchen, Alltagsleben. Und das hier hat nicht nur Bestand im Dezember, sondern – Mazeltov – in allen Monaten des Jahres.

     

    Fotos: © GPO

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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