Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Intellektuelle und emotionale Beziehung zur Vergangenheit

    Der israelisch-amerikanische Historiker Malachi Hacohen ist einer der besten Kenner der österreichischen „Intellectual History“. Die von ihm konzipierte Tagungsserie „Empire, Socialism and Jews“ widmete sich dem Verhältnis von Judentum, Sozialismus und k.u.k. Monarchie. Mitveranstalter Georg Spitaler sprach mit dem Duke-University- Professor über seine Karl-Popper-Biografie und die Notwendigkeit postnationaler Geschichtserzählungen.

     

    NU: Wie hat Ihr Interesse für Wien begonnen?

    Hacohen: Es war Karl Popper, der mich auf Wien brachte. Ich begann mich als Dissertant in den 1980er-Jahren mit ihm zu beschäftigen, im Zuge meiner Arbeit über Liberalismus in Zeiten des Totalitarismus. Poppers Wiener Hintergrund war damals nicht sehr bekannt. Er war ein berühmter Name, aber man assoziierte ihn nicht mit Österreich, sondern mit Großbritannien und Westeuropa. Bei der Lektüre von Poppers Klassikern merkte ich, dass es keinen Sinn macht, sie als Dokumente des Kalten Krieges zu lesen. Seine Kritik an dem, was er Historizismus nannte, und seine Auseinandersetzung mit dem Marxismus zielten tatsächlich auf die österreichische Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit und das intellektuelle Milieu ab, in dem er sich bewegte. Natürlich wurde Die offene Gesellschaft und ihre Feinde im Kalten Krieg dann zu einem antikommunistischen Manifest, durchaus im Sinn des Autors. Aber Wien ist entscheidend für ein Verständnis Poppers.

    Wie war Poppers Verhältnis zum Roten Wien?

    Die Offene Gesellschaft versucht zu erklären, warum das Rote Wien scheiterte und der Faschismus triumphierte. Popper würdigte einerseits das große Experiment der Arbeiterkultur und seine sozialen Errungenschaften. Er argumentierte aber für einen kantianischen Sozialismus und ging Mitte der 1920er-Jahre auf Distanz zu Marx. Seine Kritik zielte weniger auf den paternalistischen Charakter des Roten Wien ab, sondern auf die politischen Strategien der Sozialdemokraten. Deren marxistische Prämissen hätten zerstörerische Auswirkungen gehabt. Durch ihre Rhetorik provozierten sie die bürgerliche Rechte, doch als es zur Konfrontation mit den Faschisten kam, führten sie den Kampf nicht mutig genug. Schon als junger Mensch war Popper der Ansicht, dass politische Konflikte vermieden werden sollten. Doch wenn notwendig, müsse man immer dazu bereit sein, für die Demokratie zu kämpfen. Der Untergang des Roten Wien war das Trauma, das die Offene Gesellschaft bearbeitete. Popper suchte nach einer progressiven politischen Alternative und fand sie in der liberalen Demokratie. Sein Modell wurde im Lauf der Jahre immer konservativer, aber es unterschied sich doch von jenem radikalen Marktliberalismus, wie wir ihn seit den 1980er- Jahren kennen. Im Grunde blieb Popper immer Sozialdemokrat.

    Wie war Ihr erster Eindruck von Wien?

    Es war unheimlich, denn es erinnerte mich an das Ramat Gan und Tel Aviv meiner Kindheit. Ich wuchs dort auf mit Wiener Kaffeehäusern, Torten und Mehlspeisen. Ich erinnere mich auch an Litfaßsäulen, die ich in Wien wieder sah. Die Emigrantenkultur in diesen Städten war mitteleuropäisch und bürgerlich geprägt. Wien erschien mir fast israelischer als das Israel meiner Gegenwart.

    Sie haben sich auch mit Friedrich Torberg beschäftigt. Ähnlich wie Popper hat er – prominent etwa der Brecht-Boykott – bei linken Intellektuellen nicht den besten Ruf.

    Im Gegensatz zu Popper hat Torberg seinen Ruf als kalter Krieger durchaus zu Recht, er war kein Liberaler, sondern ein feuriger Antikommunist. Aber er leitete mit dem FORVM das beste kulturpolitische Medium seiner Zeit. Betrachtet man diese Zeitschrift und ihr kommunistisches Gegenstück, das Wiener Tagebuch, sieht man, dass sich ihr Format ähnelt. Beide veröffentlichten Texte von RemigrantInnen, waren international ausgerichtet und brachten, wenn auch in gegensätzlicher politischer Ausrichtung, internationale Kultur ins Nachkriegs-Wien. Trotz der stickigen Effekte des Kalten Krieges öffneten Torbergs Verbindung zum Congress for Cultural Freedom, genauso wie jene kommunistischer Intellektueller zur anderen Seite des Eisernen Vorhangs, das provinzelle Österreich. Es gab ansonsten ja keine öffentliche Sphäre.

    Wie kann man Torberg und Popper vergleichen?

    Sie unterschieden sich in ihrer Haltung zum Judentum: Popper lehnte die Bezeichnung als Jude ab, außer in der Gegenwart von Antisemiten. Er war geborener Protestant, war gegen jede Art der Rassentheorie und meinte, ihn als assimilierten Juden zu bezeichnen, hieße, Hitlers Diktion zu folgen. Torberg attackierte eine solche Haltung, er war stolzer Jude. Was die beiden jedoch gemeinsam hatten, war ihre Sicht auf die Monarchie und die nationalstaatlichen Desaster, die auf ihr Ende folgten. Sie teilten die positive Bezugnahme auf die mitteleuropäische Kultur der Jahrhundertwende. Popper unternahm den Versuch, mit der Offenen Gesellschaft ein demokratisches, kosmopolitisches Gemeinwesen zu konzipieren, angelehnt an seine Vorstellung des britischen Commonwealth, aber auch die Möglichkeiten der Habsburgermonarchie. Torberg war an der Konstruktion des Konzepts von österreichischer Literatur nach 1945 beteiligt. Die wichtigsten Vertreter waren deutsch schreibende jüdische AutorInnen, die aus Wien, Prag oder Galizien stammten. Torberg sah sich selbst als Nachlassverwalter der mitteleuropäischen jüdischen Kultur, als deren letzter Vertreter. Aus dieser Nostalgie speiste sich die Vision einer österreichischen Kultur, die in gewissem Sinn immer noch Geltung hat, weil sie die historische Verbundenheit zwischen Österreich und Europa, die Perspektive eines europäischen Österreich repräsentiert.

    Dieses Thema war auch ein Ausgangspunkt der Tagungsreihe „Empire, Socialism and Jews“?

    Mein Interesse für das Verhältnis von Sozialdemokratie, Judentum und Monarchie wurde durch die orthodoxe Heirat Friedrich Adlers, Victor Adlers Sohn, mit seiner aus Russland stammenden Frau Kathia geweckt. Briefwechsel machen deutlich, welche wichtige Rolle transnationale, traditionelle jüdische Netzwerke für österreichische SozialdemokratInnen immer noch spielten, selbst für Personen, die in ihrer Rhetorik jede Verbundenheit mit diesem jüdischen Leben zurückwiesen. In meinem Buchprojekt Jacob & Esau. Jewish European History Between Nation and Empire, das bei Cambridge University Press erscheinen wird, versuche ich, die jüdische und europäische Geschichte auch mithilfe jüdischer religiöser Texte zu schreiben. Bei der Lektüre der rabbinischen Quellen war ich überrascht, wie stark darin eine Kontinuität Österreichs gedacht wird, ganz im Gegensatz zur österreichischen politischen Kultur nach 1945, die die Republik von der imperialen Vergangenheit trennt. Es fehlt das nationale Narrativ, das den Weg von der Monarchie in die Republik erzählt. Alles, was vor 1918 geschah, wird der Tourismusindustrie überlassen. Das hat natürlich mit den Traumata des 20. Jahrhunderts zu tun. Im traditionellen jüdischen Diskurs erscheint der Untergang der Monarchie als Katastrophe, es gab eine einseitige Liebesbeziehung zu Franz Joseph und dem Kaiserreich. Insofern habe ich nie die negative Sicht meiner österreichischen Freunde auf die Monarchie geteilt. In der Folge stellte ich fest, dass das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Monarchie anders war, als später dargestellt. Wenn man sich ansieht, was Otto Bauer und Karl Renner vor dem Ersten Weltkrieg im Vergleich zur Zwischenkriegszeit über die Monarchie geschrieben haben, sind das völlig unterschiedliche Dinge. Die Monarchie wurde nach 1918 sofort vergessen, in einem bewussten Akt der Verdrängung. Die Reichsidee kehrte bald zurück, allerdings als schauriges, nicht länger multiethnisches, sondern deutschnationales, rassifiziertes Konzept.

    Was schließen Sie daraus?

    Was wir brauchen, ist eine Version österreichischer Geschichte, die eine intellektuelle und emotionale Beziehung zur Vergangenheit herstellt. Die Sozialdemokraten hatten, wie Bruno Kreisky festhielt, als einzige ein konkretes Programm, wie die multiethnische Monarchie auf demokratischer Basis erhalten hätte werden können. Die SDAP war auch die einzige multinational aufgebaute politische Partei. So lässt sich ein alternatives Narrativ erzählen, das die fortschrittlichen Visionen des Sozialismus der Jahrhundertwende mit dem postnationalen Europa der Gegenwart verknüpft und Österreich so mit Europa verbindet.

    Sie sind Mitglied des internationalen Beirats für das „Haus der Geschichte“. Soll das Museum diese Erzählung beinhalten?

    Sicherlich, wobei ein nationales Museum nicht nur ein sozialistisches Narrativ anbieten kann. Auch beim HdG stellt sich aber die Frage, ab wann die österreichische Geschichte erzählt werden soll. Es ist gut, dass HistorikerInnen, die sich mit der Monarchie beschäftigen, an der Debatte beteiligt waren. Ob man jetzt den Beginn der modernen Geschichte Österreichs mit 1780 oder einem anderen Datum ansetzt – die Monarchie wird auf jeden Fall Teil der Darstellung sein.

    Franz Joseph und Sisi sind in Österreich ohnehin präsent, auch das Thema Wien um 1900. Mir erscheint es schwierig, Sozialismus und Judentum in diese dominanten Bilder zu reklamieren.

    Aber warum? Die loyale Haltung der Juden zu Franz Joseph ist bekannt. Die ambivalente Beziehung zwischen Sozialdemokraten und Monarchie vielleicht weniger, aber sie gehört unbedingt in das geschichtliche Narrativ integriert. Die Popularität von Wien um 1900 bietet eine Chance: Carl Schorskes berühmte Beschreibung muss um den Aspekt des multiethnischen Reichs erweitert werden, die Kronländer, die mitteleuropäischen intellektuellen Netzwerke, die die Monarchie zusammengehalten und das Geistesleben in der Hauptstadt geprägt haben. Da kommen fast von selbst die Juden und, wie ich hoffe, auch die Sozialdemokraten ins Spiel. Wir sind außerdem nicht die ersten, die so etwas unternehmen: Galizische jüdische Autoren wie Asher Barash, Soma Morgenstern, Joseph Roth oder Manès Sperber haben eine historische Perspektive der Verbindung von Monarchie, Sozialismus und Judentum geliefert.

    Sebastian Kurz hat seine Kandidatur als ÖVP-Chef unter einem Bild von Franz Joseph verkündet, das die habsburgischen Türkenkriege abbildet.

    Wollen wir das Thema deshalb den Gegnern überlassen? Gerade darum ist es wichtig, über Gegenerzählungen zu verfügen, die auf die nationale Geschichte Bezug nehmen. Wenigstens können wir eine überzeugende alternative Geschichte erzählen, die sich von den üblichen Diskursen abhebt.

    Eine letzte Frage: Sie kommen aus einer religiösen Familie, wie hat Religion Ihre Forschung beeinflusst?

    Das Interesse für Popper und den säkularen Liberalismus bot mir einen alternativen Weg zur jüdischen Geschichte, jenseits religiöser und nationaler Ansätze. Bei der Beschäftigung mit den mitteleuropäischen Intellektuellen stellte ich jedoch fest, wie sehr ihre jüdische Herkunft die Bedingungen ihrer Kultur prägte. Als Historiker befrage ich meine eigene Biografie, die Dokumente religiöser Erziehung, und versuche, im Umgang mit ihr meinen Ort in dieser Geschichte zu definieren. Mein Buch Jacob & Esau ist auch der Versuch, diese Geschichte weiterzuschreiben und dem traditionellen Judentum in der europäischen Geschichte einen Platz einzuräumen. Der Zeitpunkt, an dem dieser Dialog geführt werden kann, ist flüchtig. In der Post-Holocaust-Perspektive definierte sich europäische Identität in Abgrenzung von der Schoa. Die jüdische Diaspora, jüdische Intellektuelle, boten ein Modell für europäischen Transnationalismus. Doch das europäische Projekt steckt in der Krise. Als Historiker wissen wir: Wann immer in Europa der Nationalismus blüht, zahlen am Schluss die Juden drauf. Mein Buch ist Ausdruck des vielleicht kurzen Moments in der europäischen Geschichte, an dem sich ein traditioneller Jude als Europäer verstehen könnte.

     

    Malachi Hacohen, geb. 1957 in Tel Aviv, studierte an den Universitäten Bar Ilan (Ramat Gan) und Columbia (New York). Seit 1993 ist er Professor an der Duke University/North Carolina. Für sein Buch Karl Popper – The Formative Years, 1902–1945 (Cambridge, 2000) erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Victor-Adler-Staatspreis für Geschichte sozialer Bewegungen. Webempfehlung: https://sites.duke.edu/esj5/

    Georg Spitaler

    Georg Spitaler

    ist Politologe und Historiker; nach langjähriger Tätigkeit an der Universität Wien arbeitet er seit 2015 am Archiv und Forschungszentrum „Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung“.
    Georg Spitaler

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