Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • “In Wirklichkeit lernt man alles im Leben”

    NU möchte an einen lieben Freund erinnern: Jenö Eisenberger, der uns im Sommer dieses Jahres verlassen hat.
    VON DANIELLE SPERA

     

    Jenö Eisenberger kam 1922 als Sohn einer orthodoxen jüdischen Familie in Ungarn zur Welt. Sein Vater und fünf seiner neun Geschwister wurden in der Schoa ermordet. Er selbst konnte auf abenteuerliche Weise mit falschen Papieren entkommen und kämpfte 1947 in Israels Unabhängigkeitskrieg. Zwei Jahre später kam er nach Wien, wo er als Gemischtwarenhändler am Wiener Naschmarkt seine kaufmännische Laufbahn begann. Nachdem er bei einem Aufenthalt in den USA das Konzept der Selbstbedienungsläden kennengelernt hatte, eröffnete er mit „Löwa“ die erste österreichische Supermarktkette, danach die PamPam- Märkte. In den 1970er-Jahren entwi ckelte sich sein – durch seine Frau Vera entfachtes – Interesse für die Kunst, und damit eine leidenschaftliche Sammlertätigkeit mit Schwerpunkt auf Kunst aus Wien um 1900.

    Im Laufe der Zeit wuchs die Sammlung von Vera und Jenö Eisenberger auf mehr als 1500 Objekte an. Zu den Beständen gehört auch die bedeutendste Privatsammlung von Judaica aus der österreichisch-ungarischen Monarchie – eine Auswahl daraus war im Jahr 2000 in der Ausstellung „Möcht’ ich ein Österreicher sein“ im Jüdischen Museum Wien zu sehen.

    Für die Kunst hat er Unglaubliches geleistet. Abgesehen vom Sammeln und Ausstellen hat Jenö Eisenberger mit seiner Leidenschaft versucht, jungen Menschen die Augen für Kunst zu öffnen und sie zum Sammeln zu bringen. Unermüdlich besuchte er mit ihnen Künstler und Galerien, um ihr Interesse zu wecken.

    Wo kauft man die Bilder?

    Im Jahr 2003 haben wir ihn im NU gefragt, wie er zur Kunst gekommen ist. „Vielleicht bin ich ein heimlicher Intellektueller. Nachdem ich so viele Erfolge im Lebensmittelhandel hatte, bin ich eben ein Lebensmittelhändler geworden. Wie hat alles begonnen? Ich war etwa 50 Jahre alt, da habe ich angefangen, meine – mittlerweile verstorbene – Frau Vera ins Museum zu begleiten. Auf einmal hat es mich dazu getrieben, dass ich – nicht so wie Vera – nur geschaut habe, sondern auch gekauft habe. Vielleicht wollte ich Vera etwas beweisen. Sie hat nie im Leben Schmuck getragen, ich wollte ihr aber etwas schenken, und so waren es eben Bilder. Dabei bin ich auf den Geschmack gekommen. Ich habe darin natürlich auch einen wirtschaftlichen Vorteil gesehen. Ich werde sicher nie im Leben ein Österreicher, dennoch kann ich Österreich oder Wien lieben, daher habe ich auch nicht Picasso oder Ähnliches gekauft, sondern österreichische Kunst, angefangen von Emil Jakob Schindler oder die österreichischen Impressionisten, und später sogar österreichische Gegenwartskunst. Das gilt im Übrigen auch für meine Judaica-Sammlung, es sind ausschließlich Objekte aus der österreichisch-ungarischen Monarchie. Jedenfalls möchte ich betonen, dass ich österreichische Kunst sammle, das ist sicher eine unbewusste, keine vorgegaukelte Liebe. Es ist eine Liebe zu Österreich oder zu den Österreichern.“

    Und auf die Frage, wie er zu sammeln begonnen hätte, antwortete Jenö Eisenberger: „Eigentlich aus Langeweile bin ich einmal mit Vera ins MOMA in New York mitgegangen. Sie hat mir bei den verschiedensten Bildern Details erklärt, und ich habe realisiert, wie begeistert sie war. Ich sagte ihr, wir haben doch Geld, wieso kaufst du dieses Bild nicht? Und sie sagte, das ist doch ein Museum! Macht nichts, antwortete ich. Auch wenn es teuer ist, kauf es doch. Da hat sie mir erklärt, dass man in einem Museum nichts kaufen kann. Ich bin dort gestanden, wie ein kleiner begossener Pudel. Also, ich war schon über 50 und wusste nicht, was ein Museum ist. Ich habe sie gefragt, wo man dann Bilder kauft, wenn nicht im Museum? Da hat sie mir erklärt, in Galerien. Da hab ich erst einmal Bilder so um etwa 200 bis 300 Dollar gekauft. Mit der Zeit habe ich mir Geschmack erworben. Vera hat gesagt, jetzt bist du auf dem richtigen Weg … In Wirklichkeit lernt man alles im Leben. So wie ich gelernt habe, Lebensmittel zu verkaufen, habe ich Geschmack und Kunstverstand auch erlernt.“

    Jenö Eisenberger war einer der vielen Juden, die mithalfen, nach 1945 die jüdische Gemeinde in Wien wieder zum Leben zu erwecken. Davon zeugen auch die vielen Fotos, die von ihm und seiner Familie entstanden sind. Wir sind dankbar, dass Jenö Eisenberger, wie Werner Hanak-Lettner es formulierte, mit seinem Blick von außen, seiner Energie, seinem Humanismus und Optimismus Wien in kultureller, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht bunter, reicher und lebenswerter gemacht hat.

    Danielle Spera
    Das NU-Gründungsmitglied ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Davor war sie ORF-Journalistin und Moderatorin. Sie studierte Publizistik- und Politikwissenschaft.
    Danielle Spera

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