Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Im Gefängnis der Familie

    Virgil Widrich legt mit „Die Nacht der 1000 Stunden“ einen gleichermaßen spannenden wie zum Nachdenken anregenden Film vor. Peter Menasse hat mit ihm über einige der 1000 im Film enthaltenen Gedanken gesprochen.
    FOTOS: MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER

     

    Fangen wir mit dem Wachtmeister an. Er sagt: „Niemand verlässt das Haus, tot oder lebendig.“ Das ist einmal ein Satz. Den kann jeder Schreiber gut brauchen: „Niemand verlässt den Text, tot oder lebendig.“ Vor allem, wenn du über einen Film berichtest. Du darfst nicht zu viel über die Handlung schreiben, sonst nimmst du den Zuschauern die Spannung, willst aber doch, dass die Leser drinnen bleiben im Text – lebendig natürlich.

    Am besten ist es, wir nähern uns der Sache über den Drehbuchautor und Regisseur von Die Nacht der 1000 Stunden an. Virgil Widrich war schon ganz zu Beginn des Erfolgslaufs der österreichischen Filmemacher an vorderster Stelle dabei. Sein Kurzfilm Copy Shop gewann nach der Premiere im Jahr 2001 nicht weniger als 35 Preise und war, damals noch eine echte Sensation für den heimischen Film, für den Oscar nominiert.

    Fünfzehn Jahre später stellt er jetzt eine Arbeit vor, die so vielfältig ist, dass sie sich kaum in Worte fassen lässt. Sie ist ein Kriminalfilm, ein Science-Fiction- Thriller, ein historischer Film, ein Familiendrama, ein Politikdrama – es ist ein Film wie das Leben selbst, und wie die Welt in unseren Köpfen.

    Im alten Haus

    Die offizielle Version zum Inhalt lautet so: „Als der aufstrebende Philip von seinem Vater die Geschäfte der Familienfirma übernimmt, wird er mit dem seltsamen Erscheinen seiner verstorbenen Vorfahren konfrontiert. In einer langen Nacht deckt Philip nach einem Mord, einer verbotenen Liebesgeschichte und einem Spiel mit falschen Identitäten ein streng gehütetes Familiengeheimnis auf.“ Und viel mehr soll auch nicht verraten werden. Aber was wir tun wollen, ist einzelne Aspekte ausleuchten.

    Den ganzen Film hindurch befinden wir uns in einem alten Haus mit holzgetäfelten Wänden, knarrenden Stiegen, geheimen Durchgängen und vor allem Telefonen aus allen Epochen. Denn das Familienunternehmen „Ullich& Cie“, dem die Handlung gewidmet ist, stellt seit jeher Fernsprechgeräte her. Widrichs Vorfahren besaßen ein solch altes Haus, allerdings in Salzburg und nicht in Wien, wo der Film spielt. Die Stadt blitzt nur manchmal schemenhaft durch die Fenster herein und erschließt sich bloß durch Hinweise in der Handlung. Widrichs Interesse an Familiengeschichte und ihrer Auswirkung auf die Nachgeborenen hat sich in seinem Elternhaus entwickelt: „Es haben sich dort viele alte Sachen angesammelt, die normalerweise weggeschmissen werden – wir hatten Postkarten von Urgroßeltern und Familienporträts und so weiter. Eine relativ gute Dokumentation über die verschiedenen Menschen, die eine Familie ausmachen. Viele von ihnen waren meilenweit von mir entfernt. Einer meiner weit entfernten Vorfahren war beispielsweise Leopold Kupelwieser, der unter anderem berühmte Porträts von Franz Schubert gemalt hat. Von ihm gibt es sogar ein Foto, ich glaube, von 1864. Es ist schon sehr interessant, einen solchen Menschen zu sehen, mit dem man überhaupt nichts zu tun hat, und trotzdem gehört er zur eigenen Geschichte dazu. Mich interessiert da weniger die genetische Sache – also die Vererbung von Eigenschaften oder Spezifika – sondern mehr das, was über die Familie erzählt wird. Ich glaube, es macht einen riesigen Unterschied, ob man seinen Kindern beispielsweise erzählt, dass ihre Vorfahren immer schon gut in Mathematik waren, oder dass sich vier ihrer Großtanten wegen Depressionen umgebracht haben.“

    Rückschau in der eigenen Familie

    Im Film zeigt Widrich dann auch, wie jede Generation in den Fängen der vorigen steckt. Er sieht es drastisch: „Familie ist ein Gefängnis, dem niemand entkommen kann. Wir sind alle betroffen. Und egal, welche Geschichte jemand hat, wir sind alle beschädigt.“

    So kommt der Filmemacher auch zur Zeit des Nationalsozialismus. Bei seiner Rückschau in der eigenen Familie stieß er rasch auf Personen, die in dieser Zeit so alt waren wie er heute und daher imstande waren, Verantwortung zu tragen. „Was würde ich von ihnen wissen wollen, wenn sie heute noch da wären, wie würde ich mit ihnen sprechen?“, das sind die nicht einlösbaren Fragen an die bereits verstorbenen Altvorderen. Nur Dokumente kann man noch studieren und Bilder: „Der Film handelt unter anderem von der Suche nach dem Großvater. Ich kenne ganz speziell den Vater meiner Mutter, der auch in unserem Haus gelebt hat. Er ist auf vielen Fotos in mir bekannter Umgebung. Da steht er vor der Kommode, die es heute im Haus noch gibt, oder auf der Terrasse, die ich kenne. Aber ich habe ihn nie persönlich gesehen. Es gibt auch keine Aufnahme seiner Stimme. Ich weiß nicht, wie sie geklungen hat. Ich kenne jedoch Briefe, die er mit ,Heil Hitler‘ unterschrieben hat, offensichtlich aus Überzeugung. Er hat zum Glück nie eine Uniform getragen und war kein Mörder, denn er war als Altersgründen nicht zum Militär eingezogen. Aber er war dabei und hat an die Ideologie geglaubt. Insofern war er auch ein Rädchen im System, obwohl meine Großmutter, seine Frau, jüdische Vorfahren hatte und durch die Nazis bedroht war.“

    Der Großvater wusste von ihrer Herkunft und erkannte scheinbar dennoch keinen Widerspruch darin. Die Geschichte dieses Mannes führt Widrich zum Thema des Raubzugs der Nationalsozialisten, zu den Diebstählen, die sie „Arisierungen“ nannten, zu Raub und den Mord an Juden. „Wenn man sich vorstellt, wie viele Häuser, wie viele Familienvermögen geraubt wurden, dann gibt es immer noch das Thema, dass man beim Einfangen und Verurteilen der Mörder versagt hat. Aber noch mehr hat man im Schatten der Mörder die Diebe gänzlich unbehelligt gelassen. Mord verjährt mit dem Tod des Mörders und er pflanzt sich nicht fort, weil es keine Sippenhaftung geben darf. Aber das kleinere Verbrechen Diebstahl ist vererbbar. Das ist teuflisch, weil du lebst vielleicht heute noch wissend oder unwissend in einem gestohlenen Haus, wo geraubte Kunstwerke an der Wand hängen. Da bist du sehr wohl zum Handeln aufgefordert. Da gibt es, glaube ich, tausende, vermutlich sogar zehntausende Fälle.“

    Der erste Unschuldige der Familie

    Ein anderer Aspekt, der in den letzten Jahren augenfällig geworden ist, wird im Film mit großer Deutlichkeit gezeigt. In der Nacht der 1000 Stunden tauchen die Mitglieder der Familie zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Und schnell zeigt sich, wie die Anhänger von autoritären Systemen über viele Generationen hinweg den gleichen Mustern folgen, wie sie die immer gleichen Unterdrückungsmaßnahmen, die Gewalt und die Menschenverachtung in bloß unterschiedlichen Uniformen ausüben.

    Virgil Widrich hat einen Film mit wunderbaren Schauspielern gedreht, den man sich mehrmals anschauen muss. Allein die Fülle an Requisiten lässt einen wünschen, man hätte eine Stopp-Taste, wie auf einem modernen Tablet, um in Ruhe die Bilder, Dokumente, Fotoalben, Möbel aus verschiedenen Epochen oder die sich verändernden technischen Geräte anzuschauen.

    Am Ende des Films erklärt Georg Ullich seinem Neffen Philip, der das alte Haus erbt, warum er ihn nie über die Geschichte seiner Vorfahren informiert hat. Er habe sich gewünscht, dass Philip der erste Unschuldige der Familie würde. Doch das, davon ist Virgil Widrich überzeugt, geht sicher nicht in Erfüllung, denn wie gesagt: „Familie ist ein Gefängnis, dem niemand entkommen kann.“

    Sie allerdings dürfen den Text jetzt verlassen, um in die Nacht der 1000 Stunden zu eilen. Der Wachtmeister und seine Kumpane aus allen Jahrhunderten warten dort schon auf Sie.

     

    Der Film Die Nacht der 1000 Stunden ist ab 18. November in den österreichischen Kinos zu sehen. Drehbuch und Regie: Virgil Widrich. Darsteller: Laurence Rupp, Amira Casar, Udo Samel, Johann Adam Oest, Elisabeth Rath, Linde Prelog, Barbara Petritsch, Lukas Miko u.v.a.

     

    Milagros Martínez-Flener

    Milagros Martínez-Flener

    wurde in Lima geboren, wo sie Geschichte studierte. 1991 kam sie nach Wien und schloss ihr Doktoratsstudium in Geschichte hier ab. Auch den Lehrgang für Pressefotografie absolvierte sie in Wien.
    Milagros Martínez-Flener

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    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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