Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Interview
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  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • „Ich fühl mich sehr wohl in der Heimatlosigkeit“

    August Zirner hat für die Ausstellung des Jüdischen Museums „Kauft bei Juden! Geschichte einer Wiener Geschäftskultur“ seine Familiengeschichte erzählt. Die Kuratorin der erfolgreichen Schau, Astrid Peterle, hat den deutschen Schauspieler, Musiker und Enkel der Unternehmerin Ella Zirner- Zwieback in Wien getroffen.
    FOTOS: MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER

     

    NU: Herr Zirner, lassen Sie uns über Familiengeschichten sprechen. Jeder von uns hat eine, und jeder von uns macht sich wahrscheinlich über seine Familie einmal Gedanken. Wann haben Sie bemerkt, dass Ihre Familiengeschichte vielleicht doch etwas spezieller ist als viele andere?

    Zirner: Ich glaube, bei meinem ersten Schrei. Mein erster Schrei war ein Ton und mein Vater hat dazu gesagt „Es“. Er hat nicht gesagt „er“, er hat nicht gesagt „sie“, er hat nicht gesagt „ein Bub“ oder „ein Mädchen“, er hat gesagt: „Es“. Also ich war von vornherein anscheinend ein Gegenstand, aber ich wusste nicht, dass mein Vater absolutes Gehör hatte – und mein erster Ton war ein „Es“. „Es“ ist eine sehr schöne, komplexe Tonart. Ich nehme das sozusagen als Omen, dass ich mit diesem „Es“ auf die Welt gekommen bin. Dann vergingen 40 Jahre und ich war in Wien wegen dem Stück Der Fall Furtwängler im Rabenhof. Durch die Proben und durch die Beschäftigung mit dem Thema bin ich mir überhaupt erst wieder bewusst geworden über die Verstrickung meiner Familie mit der Schoa. Ich bin tatsächlich in einem Schockzustand durch Wien spaziert während den Proben und habe versucht mir vorzustellen, wie es meinem Vater ging. Und hab mir gedacht – das war nicht lustig, schon in der Zeit vorm „Anschluss“, all die Demütigungen, die meiner Großmutter und meinem Vater passiert sind. Ich hab bemerkt, ich bin zutiefst verbunden mit dem Phänomen der Schoa. Wie wir alle. Und ich im Speziellen durch familiäre Anbindung an die Opferseite. Jetzt könnte man sagen, dass ist auch mein Privileg, dass ich Nachfahre einer Opferfamilie bin, die ja überlebt hat. Mein Vater hat sich fast geniert, dass er es geschafft hat zu überleben und viele aus seiner Familie nicht.

    Der Grund, warum wir beide uns kennengelernt haben, ist Ihre Großmutter Ella Zirner-Zwieback. Was für Erinnerungen haben Sie an Ihre Großmutter?

    Also ich erinnere mich konkret an zwei Begegnungen. Eine war im Central Park – da gingen wir in den Zoo, da war ich glaub ich fünf, und dann ein paar Jahre später waren wir wieder in New York, da war sie schon krank und lag im Bett. Meine Erinnerung an meine Großmutter ist getrübt, weil meine Mutter sie nicht unbedingt mochte – wie das wahrscheinlich bei Schwiegertöchtern oft der Fall ist. Mein Vater hat meine Mutter sehr schnell geheiratet und er hat dann meine Mutter meiner Großmutter bei der ersten Begegnung vorgestellt mit „Das ist meine Frau“. Und das fand meine Großmutter überhaupt nicht lustig und hat gemeint, „Ich habe einen Termin“ und ging. Ich weiß, dass mein Vater unter ihrer Regentschaft gelitten hat. Aber mein Vater hat sich ja emanzipiert, indem er das gemacht hat, was meine Großmutter eigentlich machen wollte, nämlich Musik. Das würde mich wahnsinnig interessieren, wie meine Großmutter den großartigen Spagat zwischen Künstlerin, Pianistin und Geschäftsfrau geschafft hat. Ich habe einen ziemlichen Respekt vor dieser Frau inzwischen, die eine richtig taffe Frau war, irgendwie aber auch von der gesellschaftlichen Verantwortung geprägt. Sonst hätte sie diese Wälder in Kroatien nicht gekauft. Die sind ja jetzt zum fünften Mal enteignet worden. Die kroatische Regierung ist eine undemokratische Fratze und sollte nicht in der EU sein. Ella hat ja diese Wälder gekauft, um dort ein Ferienlager für ihre Angestellten zu bauen. Sie war schon vermutlich eine sozial verantwortliche Großunternehmerin. Aber es wäre interessant, mit ihr darüber zu sprechen, wie es ihr ging mit dem Sozialismus. Meine Mutter behauptet, meine Großmutter war eine frühe Sozialistin – ob das stimmt, weiß ich nicht.

    Ihr Blick auf Ihre Großmutter scheint sich durch das Wissen über sie, dass Sie sich in den letzten Jahren aneigneten, verändert zu haben. Würden Sie sie unter diesen Voraussetzungen gerne nochmals kennenlernen?

    Ja, unbedingt! So geht es mir aber mit sehr vielen Leuten. Ich würde gerne Wolfgang Amadeus Mozart begegnen. Aber ja, ich würde auch gern mit meinem Vater über diese Themen sprechen. Einfach nochmal aus erster Hand etwas erfahren. So geht es ja vielen Leuten. Man wünscht sich, mit den Toten zu sprechen.

    Wissen Sie, ob Ihre Großmutter nochmals in Wien war nach 1945?

    Ich glaube nein – nur ihre Asche. Das charakterisiert auch meine Großmutter. Mein Vater hat sich geweigert, nochmals nach Wien zu kommen, nochmals zu kämpfen für das Unternehmen, um das Café Zwieback – da ging es um die Konzession. Er wollte nicht mehr. Weil mein Vater wollte seine Professur nicht aufgeben, er wollte sich nur noch mit Musik beschäftigen und ist nicht mehr nach Wien gefahren. Das hat Ella ihm übelgenommen. Dann starb sie. Mein Vater hat erst drei Wochen nach ihrem Tod davon erfahren. Ich kann mir vorstellen, dass das sehr verletzend war. Mein Vater fuhr nach New York und musste von Standesamt zu Standesamt wandern, um ihre Asche zu finden und sie dann nach Wien zurückzubringen.

    Sie sind als junger Mann zum Studium am Max Reinhardt Seminar aus den USA nach Wien gekommen. Wie war Ihre Beziehung zu Wien damals?

    Als ich auf die Schauspielschule ging vor 40 Jahren, war Wien für mich wie ein zweites New York, es war die zweite Großstadt, die ich kannte. Und als ich dann hier war in Wien, war es gar nicht so groß und ich war erstaunt – ich hatte kaum Geld –, dass man für 17 Schilling ein Menü bekommt. Ich war total überfordert. Ich konnte ja nicht Deutsch lesen, das habe ich erst in Wien gelernt. Inzwischen kann ich ganz gut Deutsch lesen. Ich war in Wien sehr fleißig. Irgendwann, nach einem Jahr Schauspielstudium, wollte ich nur eins: Ich wollte so Deutsch sprechen, dass kein Mensch merkt, dass ich einen Wiener Einschlag in meiner Sprache habe. Und mein Triumph war dann, nach eineinhalb Jahre Schauspielstudium, als ich meine übliche Wurstsemmel kaufen ging und die Verkäuferin beim Julius Meinl gesagt hat „der Deutsche“. Da wusste ich, ich habe es geschafft.

    Und wie geht es Ihnen heute in Wien?

    Ich muss gestehen, dass ich Wien sehr mag. Ich mag auch das Abgründige in dieser Stadt. Und ich fühle mich hier zuhause wie in keiner anderen Stadt. Berlin mag ich sehr, aber dort werde ich mich nie zuhause fühlen. Ich kenne hier das Idiom der Sprache. Die Zwischentöne, auf die es so ankommt – und es gibt im Österreichischen irrsinnige Zwischentöne, die man hören kann, die man beantworten kann. Es gibt ein sehr lautes Schweigen, ein sehr differenziertes Schweigen, ein sehr neurotisches Schweigen, ein sehr verbergendes Schweigen, aber ich kann es relativ laut hören. Ich besitze keinen Dialekt, das ist auch ein Nachteil. Ich besitze keine wirkliche Heimat der Sprache. Aber ich fühl mich sehr wohl in der Heimatlosigkeit, es ist wie ein Zuhause geworden. Manchmal ist es anstrengend, keine Heimat zu haben, aber ich habe Familie, ich habe Freunde, ich habe meinen Beruf, ich habe die Musik. Ich habe viele Beheimatungen.

    Würden Sie sagen, dass Sie eine jüdische Identität haben?

    Ich würde das auf jeden Fall bejahen. Aber es steht mir in dem Sinne nicht zu, aufgrund meiner Mutter. Wie Woody Allen es formulierte: „You don’t have to be Jewish to be traumatized but it helps.“ Mein Wesen oder meine Person ist zutiefst geprägt von der jüdischen Kultur. Und das hat natürlich mit meiner Familie zu tun und es ist von mir selbst aus auch eine Wahl dazu da. Ich bin ja kein religiöser Mensch, aber ich bin auf jeden Fall ein Ergebnis der Diaspora. „Ach dieses Wien [Anm.: eigentlich „diese Stadt“] ist nicht fürs Alpenglühen da. Sondern sie lebt, wie ich, längst in Diaspora.“ Ein Satz von Robert Schindel. Der Satz passt auf mich auf jeden Fall. Dass mein ganzes Wertesystem mit Sicherheit jüdisch geprägt ist, ist einfach nicht zu verleugnen, es spricht auch aus allem, was ich tue.

    Welche Verbindung haben Sie heute zu Ihrem Heimatland USA? Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?

    Jeden Morgen lese ich die neuesten Meldungen aus Washington – das hab ich früher nicht gemacht. Mich regt diese Regierung auf, das Scheitern des demokratischen Experiments fasziniert mich. Trump ist ja nicht das Problem, sondern die Leute, die ihn gewählt haben, die immer noch zu ihm stehen. Ich bin Amerikaner. Ich habe einen Pass. Ich wähle. Ich nehme teil an der amerikanischen Politik. Ich fühle mich in Amerika fremder als in Wien. Ich hab mich aus Amerika irgendwie heraus entwickelt, obwohl ich zutiefst amerikanisch bin in meinem Denken. Ich meine, 17 Jahre Kindheit sind sehr prägend. Auch meine musikalische Orientierung stammt aus Amerika, meine ganze Jazz-Affinität stammt aus Amerika. Ich bekomme aber eine Wut, wenn ich in Amerika bin und sehe, wie viele Leute mit einer Waffe herumlaufen. Ich bekomme eine Wut, wenn ich in der Zeitung lese, dass schon wieder Leute hingerichtet worden sind. Ein Land, das die Todesstrafe immer noch als gerechtes Instrument zur Aufrechterhaltung der Gesetze hält, ein Land, das sich illegal Giftspritzen besorgt, um legal Menschen hinzurichten, ist für mich ekelerregend. Ich bekomme so eine Wut über die Dummheit der Trump-Administration. Bei Trump denke ich mir immer: „Kann ihn nicht jemand erlösen?“ Ich glaube, der will längst aufhören. Der würd lieber Golf spielen und seine Firmen führen. Das Weiße Haus ist ja auch nicht seine Architektur – wo sind die goldenen Wasserhähne? Ich habe meine Hoffnung nicht ganz aufgegeben. Insofern bin noch immer ein naiver Amerikaner, der hofft, dass sich das nochmal irgendwie regeln wird.

    Möchten Sie am Ende unseres Gesprächs noch etwas für NU sagen?

    Da sage ich Ihnen und dem Jüdischen Museum nochmals Dank, dass ich jetzt meine Großmutter tatsächlich kenne. Und richtig froh darüber bin, dass sie meine Großmutter ist. Mir geht es jetzt darum, dass Ella Zirner-Zwieback und Ludwig Zwieback und das Unternehmen gewürdigt werden. Damit werde ich nicht aufhören.

    Astrid Peterle

    Astrid Peterle

    ist Kuratorin am Jüdischen Museum Wien und auf Kulturgeschichte, zeitgenössische und Performance-Kunst spezialisiert.
    Astrid Peterle

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