Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • „Ich bin ein guter Selbstheiler“

    Fredi Brodmann, Grafiker, Cartoonist und Uhrenproduzent aus Wien, hat der Stadt vor fast vierzig Jahren den Rücken gekehrt. Er lebt und arbeitet heute in New York. Die „Normalzeituhr“, die er als Armbanduhr gestaltet hat, bringt ihn mit seiner Geburtsstadt wieder in Einklang. Nach vielen anderen Uhrenmodellen, die Brodmann seit Jahren für das Handgelenk entwirft, ist nun die bekannte Wiener Würfeluhr aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, die vor zehn Jahren aus dem Wiener Stadtbild verbannt werden sollte, sein neues Erfolgsprodukt. Danielle Spera hat Fredi Brodmann im Café Europa in New York getroffen.
    FOTOS: RACHEL ENGELBERG

     

    NU: Wo bist du zu Hause, in Wien oder in New York?

    Brodmann: Diese Frage stelle ich mir immer wieder und finde immer wieder dieselbe Antwort: Ich bin auf dem Weg zu Hause. Eigentlich bin ich dort zu Hause, wo meine Beziehungen sind, meine Freundschaften. Durch meine vielen Reisen bin ich ein Weltbürger geworden oder geblieben. Für Juden ist das ja ohnehin eine sehr vertraute Überlebenstaktik.

    Du hast viele verschiedene Talente – Grafiker, Cartoonist, Uhrenbauer, was ist deine Berufung?

    Wenn man ein Grundtalent im kreativen, künstlerischen Bereich hat, dann sind die Anwendungsmöglichkeiten unbegrenzt. Ich glaube, dass aufgrund meiner Persönlichkeit der Humor eine wesentliche Komponente ist, die alle meine Arbeiten beeinflusst. Für mich ist ein Konzept nur dann gelungen, wenn irgendetwas von diesem Pigment Humor mitschwingt.

    Die „Normalzeit“ macht jetzt Furore, du hast ja schon seit langem Uhren designt.

    Meine Karriere habe ich als Grafiker, Cartoonist und Illustrator begonnen. In den 1980er-Jahren habe ich mich in meinen Cartoons mit der Zeit beschäftigt, dadurch bin ich zur Uhrenproduktion gekommen. Die „Normalzeit“ ist tatsächlich ein ganz besonderes Projekt geworden. Vor zwei Jahren kam ich auf der Möbelmesse in New York durch Zufall an einem österreichischen Stand vorbei – die Firma Lichterloh mit ihrem Besitzer Christoph Stein –, da sah ich die legendäre Würfeluhr. Ich war wie hypnotisiert. Es war wie ein Flashback in meine Vergangenheit. Mit dieser Uhr hat es eine große Bewandtnis in meinem Leben, von klein auf. Ich fuhr oft mit meiner Oma in der Straßenbahn, vom Schwedenplatz zur Oper. Am Schwedenplatz war eine Würfeluhr, und meine Oma sagte, schau Fredi, es ist 12 Uhr, und bei der Oper sagte sie, schau Fredi, jetzt ist es schon 12:15, vierteileins sagt man auf Wienerisch. So habe ich die Zeit gelernt. Also ich habe eigentlich auf dieser Uhr trainiert und war schon von jeher kalibriert und darauf eingestimmt. Ich fragte Christoph Stein, weshalb er sie nicht als Armbanduhr erzeugt. Darauf antwortete er, dass er bisher niemanden gefunden habe. Ich erwiderte: „Hier bin ich!“, wir fielen einander in die Arme, heute gibt es ein ganzes Set an Normalzeit-Produkten. Diese Begegnung auf der Messe hat dazu geführt, dass es gelungen ist, mich auch beruflich wieder mit Wien zusammenzubringen.

    Du bist ja in den 1970er-Jahren aus Wien ein bisschen im Groll weggegangen, nach München.

    In Wien war alles so eng und nichts ging. Der Neid, die „Hackl ins Kreuz“- Mentalität sind mir sehr auf die Nerven gegangen. Ich hatte das Gefühl, ich muss mich befreien. Das Normalzeit- Projekt hat mich wieder mit Wien versöhnt.

    Zweig, Polgar, Roth, Altenberg, Torberg, diese Schriftsteller haben mein Leben geprägt, sehr viel von dieser literarischen Ader habe ich durch mein Wegziehen aus Wien verloren, da ich ja ein ganz anderes Leben in den USA begonnen habe, als ich hier ankam. Die Beschäftigung mit der Normalzeit hat mich schnurstracks wieder an meine Wurzeln zurückgebracht, ich fühle mich wieder komplett. Dadurch hat Wien wieder eine große Bedeutung bekommen. Ich möchte mein Wien heute nicht mehr missen.

    Wie hast du das Leben in Deutschland empfunden, in diesen Jahren, die auch noch sehr durch die Last des Nationalsozialismus geprägt waren?

    Ich habe mich dieser Atmosphäre als Cartoonist natürlich ironisch gestellt, in meinen Cartoons. Ich fand es sowieso etwas sonderbar. Wien, München, New York, also eine absurde Kombination von Stätten der Betätigung, das war fast eine typische Emigrantengeschichte, nur ohne die wirkliche Bedrohung. Aber nachgelebt. Es ist mir eine sehr tiefe Traumatisierung bewusst geworden. Ich habe zwar nie an Therapie geglaubt, ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um mich von gewissen paranoiden Momenten zu befreien, es ist mir selber gelungen. Darauf bin ich eigentlich ein bisschen stolz, dass ich keine Psychiatrie gebraucht habe, um mich zu heilen. Also ich bin ein guter Selbstheiler.

    Wie sehr hat dich die Geschichte deiner Familie geprägt?

    Meine Eltern haben den Krieg nur marginal persönlich erlitten. Die Familie meines Vaters, das waren schon seit einigen Generationen echte Wiener aus Kaisermühlen und der Bukowina. Mein Vater wurde mit 14 Jahren nach Palästina geschickt. Meine Mutter stammte aus Budapest und hat am Land in Ungarn überlebt, dann in Frankreich im Kloster, später kam sie nach Israel und 1950 nach Wien. Hier haben sich meine Eltern kennen gelernt, in einem jüdischen Club. Meine Großeltern haben ab 1939 in Shanghai im jüdischen Ghetto überlebt. Also wir haben einige Opfer zu verzeichnen, aber im Großen und Ganzen haben wir ein Mazel gehabt.

    Wie sehr hat dich das in deinem Aufwachsen in Wien beeinflusst?

    Sehr! Natürlich war bei meinen Eltern eine Abneigung gegenüber Österreich da. Meine Mama hat sich immer wieder über die österreichische Politik aufgeregt. Das hat mir die Lust genommen, in Wien zu leben, und ich schwor mir: So schnell ich kann, will ich Österreich verlassen. Ich wollte diese vergiftete Atmosphäre verlassen, wo unterschwellig nach wie vor diese Energie der Nazizeit schwelte. So bin ich 1979 aus Wien weggegangenen und jetzt an dem Punkt angelangt, wo ich der Welt neutral gegenüberstehe. Die Welt hat sich verändert. Österreich hat sich sehr verändert. Heimat ist nun einmal Heimat. Die deutsche Sprache ist mir sehr wichtig. Ich spreche auch Englisch wie meine Muttersprache. Mein Akzent weiß bis heute nicht, dass ich in Amerika lebe und ich will es ihm auch nicht sagen.

    Wien bedeutet für dich Heimat?

    Innere Heimat jedenfalls, und ich nehme Wien überall mit.

    Wie siehst du Wien heute?

    Man sagt, ein echter Wiener geht nie unter. Ich sehe das eher angelehnt an den Ausspruch über New York: „If you make it in Vienna you make it anywhere.“ Viele meiner Wiener Freunde haben es in Wien nicht geschafft, weiterzukommen. Sie waren nicht mutig genug, Wien zu verlassen. Ich war verrückt genug, in meinem jugendlichen Leichtsinn, diesen Schritt zu tun, ich habe es nie bereut, ich habe dadurch auch einige kulturellen Einbußen erlitten, denn in Amerika gibt es eine andere Gangart. Aber ich kann jetzt beides.

    Wie ist das einzuordnen, wenn du sagst, „If you make it in Vienna you make it anywhere“?

    In Wien herrscht die Mentalität, das brauch ma net. Das war schon immer so, wir brauchen nichts Innovatives, wir lassen alles wie es ist, ist eh alles leiwand. Und viele sehr talentierte Menschen sind in Wien schon untergegangen, wegen der negativen Einstellung gegenüber Wachstum oder Wunsch, etwas erreichen zu wollen. Österreich ist noch immer ein Beamtenstaat, in dem Freunderlwirtschaft herrscht, Unternehmer werden ausgequetscht, und sobald man etwas geschafft hat, wird man noch mehr geschröpft. Diese Kultur verhindert, dass man weiterkommt, dass sich Zukunftsweisendes entwickelt.

    In den USA kann man nicht anders, hier wird man gezwungen, etwas zu leisten.

    Wenn man in Wien auf die Schnauze fällt, sagen die Leute: Ich hab es dir eh gesagt. Wenn du in Amerika auf die Schnauze fällst, bestärken einen alle: Bitte steh wieder auf, du wirst es schaffen. Das heißt, man darf scheitern. In Österreich ist es so: Bist du einmal gescheitert, bist du immer gescheitert. Mein Motto ist: Gescheit gescheiter gescheitert. Mir ist lieber, ich habe das Risiko in meinen eigenen Händen, dadurch bleibt man wach.

    Aber wie siehst du Amerika jetzt in der beginnenden Trump-Ära?

    Ich sage immer: Trumputin wird es schon richten. Ich glaube, Trump wird sich selbst außer Gefecht setzen. Amerika ist ein tolles Land. Obwohl es auch hier reaktionäre Kräfte gibt, bin ich überzeugt davon, dass das Gute siegen wird. Alle, die positiv denken, die liberal sind, die Einfühlungsvermögen haben, werden diese Gesellschaft zur positiven Seite wenden. Man muss jetzt sehr wachsam sein, Übermut kann man sich nicht leisten. Die Wohlgesonnenen müssen sich stärker verbinden und zueinander halten.

    Wie steht es um dein jüdisches Leben in Wien, in New York?

    Meine Eltern waren nicht religiös, aber der Tradition verpflichtet. Ich bin der Tradition respektvoll verbunden. In New York habe ich von diesen Wurzeln gezehrt und mich anfangs in der jüdischen Gesellschaft engagiert. Heute überwiegt mein Liberalismus. Jetzt halte ich mein jüdisches Leben in meinem Inneren aufrecht – mit einer kleinen Kerze, die immer brennt. Ich bin Agnostiker, der immer seine Wurzeln im Visier behält. Mein älterer Sohn ist jüdisch geprägt, er war in einer jüdischen Schule, spricht neben Iwrit auch Arabisch. Er ist ein jüdischer Liberaler. Mein jüngerer Sohn zweifelt die Existenz Gottes an, was ich verstehen kann. Gott ist ein Vokabel, das man auf verschiedene Art interpretieren kann. Die jüdische Werteskala ist für mich das höchste Kriterium für zwischenmenschliche Beziehungen. Jeder, ob jüdisch oder nicht, kann davon profitieren, weil es eine hohe moralisch-ethische Referenz ist. Die darf man nie verlieren.

     

    Kurt Brodmann – Die Geschichte der Familie Brodmann
    wurde von Centropa filmisch aufgearbeitet:
    https://youtu.be/c1EGAgtb7zM

     

    Foto Wienewyork: ©2015 BY FREDI BRODMANN

    Danielle Spera
    Das NU-Gründungsmitglied ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Davor war sie ORF-Journalistin und Moderatorin. Sie studierte Publizistik- und Politikwissenschaft.
    Danielle Spera

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