Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Telegramm aus Netanja
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Honig, Scherben und meine Tochter

    Meine Tochter begrüßt mich immer mit der Frage: „Was hast du denn heute wieder angestellt?“ Heute musste ich es ihr nicht erzählen, denn sie war dabei.

    Wir saßen in der Küche und tranken Kaffee. Dann wollte ich etwas aus dem Schrank holen. Diese Entscheidung sollte sich als Fehler erweisen, denn die Honigdose fiel mir entgegen und zerbrach in unzählige Scherben.

    Die Kombination von zerschlagenem Glas und Bienenzucker ist recht heimtückisch, davon kann ich jetzt ein Lied singen. Ich klebte mit meinen Schuhen praktisch an den Scherben fest. Meine Tochter reagierte mit vornehmer Zurückhaltung, nicht unbedingt charakteristisch für sie. Wie immer in solchen Situationen löste das Missgeschick auch diesmal einen unkontrollierbaren Lachanfall bei mir aus, der mich daran hinderte, das Saubermachen in Angriff zu nehmen. Das ging der Juniorin nun doch zu weit und sie giftete mich in gewohnter Manier an: „Was ist denn daran so lustig? Ich finde das traurig!!!“

    Doch ganz wollte sie mir ihre Hilfsbereitschaft nicht vorenthalten, schließlich sind wir nahe Verwandte. Die leiderprobte Pragmatikerin schüttete ein Putzmittel über die klebrige Masse. Diese Maßnahme war zwar gut gemeint, doch erweiterte sie das Malheur auch noch um Rutschgefahr. In all dieser Zeit stand ich mitten drin und schüttete mich vor Lachen dermaßen aus, dass der Hund freiwillig auf unsere Gesellschaft verzichtete und sich in sein Séparée zurückzog.

    Irgendwann hatte Nicole die Nase voll von ihrer Mutter und folgte dem Beispiel des klugen Haustieres. Seitdem putze ich. Kein Wunder, dass ich meine Tagesplanung neuerdings nicht mehr auf die Reihe kriege.

    Immer auf der Suche nach dem tieferen Sinn des Geschehens, fällt mir auf, dass Honig, Scherben und meine Tochter in der jüdischen Tradition eine wichtige Rolle spielen. Honig verspricht uns Süßes für das neue Jahr, Scherben unter dem Traubaldachin erinnern uns an die Zerstörung des Tempels und verbinden dadurch seit Jahrtausenden die Familienfeste mit der Geschichte des jüdischen Volkes. Und meine Tochter ist einfach meine israelische Tochter, auch wenn sie das biblische Gebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ sehr eigenwillig auslegt.

    Anita Haviv-Horiner

    Anita Haviv-Horiner

    In Wien geboren, 1979 Einwanderung nach Israel. Bildungsexpertin mit Schwerpunkt deutsch-israelischer Dialog.
    Anita Haviv-Horiner

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