Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Interview
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Peter Morgan | Nr. 60 (02/2015) - Tamus 5775
  • Hitlerbild in der Küche

    Mit Kurt Karlitzky feiert dieses Jahr eine der schillerndsten und zugleich unscheinbarsten Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde Wiens ihren 90. Geburtstag. Karlitzky konnte schon in seiner Jugend ganz ordentlich zupacken. Im Nachkriegs- Wien wurde er hinter den Kulissen politisch aktiv. Er ist vielen als tat- und schlagkräftiger Kämpfer gegen Faschisten und für die jüdische Sache bekannt.
    VON MARTIN ENGELBERG (TEXT) UND
    MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER (FOTOS)

    NU: Wie war das bei Ihnen zu Hause? Ihre Mutter war Jüdin, der Vater nicht. Hattet Ihr einen jüdischen Haushalt?

    Kurt Karlitzky: Es gab eigentlich nur Jom Kippur, da hat sich meine Mutter mit ihren Geschwistern getroffen, und wir haben einen Großonkel im 16. Bezirk besucht. Wir haben dort das Ende von Jom Kippur gefeiert. Und ich habe damals gedacht: Die Christen haben es eigentlich viel besser als wir Juden. Die haben Feiertage, da fressen sie und trinken und sind fröhlich, und wir haben einen einzigen Feiertag und da essen wir nichts.

    Wieso sind Sie dann beim Haschomer Hatzair (Anm.: sozialistisch-zionistische Jugendbewegung) und nicht bei den „Roten Falken“ eingetreten?

    Als wir in den 20. Bezirk umgezogen sind, sah ich am Nachhauseweg von der Schule einen Burschen in meinem Alter. Der steht auf der Straße und schmeißt Steine. Auf der anderen Seite stehen drei oder vier und schmeißen Steine auf ihn. Ich weiß nicht warum, ich bin gleich stehen geblieben und habe mit ihm mitgekämpft. Ich habe ihn nicht gekannt, nachher waren wir sehr befreundet. Es hat in unserem Bezirk in jeder Klasse vier, fünf Juden gegeben, da hat man sich kennengelernt und so bin ich auch zum Haschomer Hatzair gekommen.

    Woher stammte Ihre Familie?

    Meine Mutter kam aus einer jüdischen Familie. Die Familie meines Vaters stammte aus der Tschechoslowakei, er wurde schon in Wien geboren. Mein Vater war Sozialdemokrat und anfangs beeindruckt vom Nazismus. Er hat gedacht: Alle kriegen einen Volkswagen und so weiter. Es war eine komische Zeit. Eines Tages komme ich nach Hause, hängt in der Küche am Engelsplatz ein Hitlerbild. Ich habe es heruntergenommen und zusammengehaut und habe gesagt: Du pass auf, wenn du ihn herbringst, dann hängen wir ihn da auf. Ich war da zwölf oder 13 Jahre alt und habe versucht, ihm zu erklären, dass der Faschismus Krieg bringt.

    Der Antisemitismus von Hitler, der war ihm nicht bewusst?

    Die meisten Leute damals, ich will das nicht zur Entschuldigung sagen, haben geglaubt, das sei vorübergehend. Keiner hat geglaubt, was daraus wird. Ein Beispiel: Einmal gehe ich auf die Straße und sehe, dass ein Freund von mir mit der HJ marschiert. Die singen: „Das Judenblut vom Messer spritzt“, und er trommelt dazu. Ich habe nachher zu ihm gesagt: Bist du deppert? Was machst du? Dein Vater ist ein Sozialdemokrat, der kassiert für die Partei, du weißt auch, was die Nazis sind. Sagt er: Weißt, Kurtl, ich war schon illegal dabei. Sag ich: Illegal? Warum? Sagt er: Weißt du, ich trommle so gern. Die haben es verstanden, die Jugend zu fangen.
    Mein Vater war jedenfalls während des Krieges sehr anständig, hat dafür gesorgt, dass meiner Mutter nichts passiert. Seine ganze Familie hat nicht mit ihm gesprochen, weil er eine Jüdin geheiratet hat.

    Wie war es dann nach dem Anschluss?

    Ich habe den Hitler gesehen, wie er nach Wien gekommen ist. Wenn ich nur eine Handgranate gehabt hätte. Ich hätte versucht, ihn umzubringen. Aber du hast nichts gehabt, es war keine Organisation, nichts, nichts. Vielleicht waren da ein paar Kommunisten, sonst nichts.
    Eines Tages sehe ich bei mir zu Hause einen Brief, sehr schön von meinem Vater in Kurrentschrift geschrieben. Da schreibt er an den Führer, man soll mich aufnehmen in die HJ, wenn ich 14 bin. Und wie ich das gelesen habe, habe ich gedacht: Jetzt muss ich von hier weg. Ich habe einen Onkel in der Tschechoslowakei. Ich habe mich in der Früh schon so angezogen, weiße Stutzen und Haferlschuhe, und meine Mutter hat mir Geld gegeben, damit ich hinuntergehe und Milch kaufe. Ich bin aber zur Donaubrücke, wo die Bahn Richtung Brünn fährt, und bin dort eingestiegen. Ich habe kein Geld für die Fahrt gehabt. Jetzt habe ich mich so hingesetzt, als wäre ich eingeschlafen und bin schwarz bis an die Grenze gefahren. Dort bin ich ausgestiegen und in die Richtung, in die der Zug fährt, durch den Wald am Gleis entlang gegangen. Da war dann ein Tunnel und ich hatte ein schlechtes Gefühl und bin über den Berg gegangen. Einen Nachteil hatte ich durch den nichtjüdischen Vater, ich war blond und hatte blaue Augen, und die Stutzen und so. Tatsächlich hielt mich einer auf: Wie sind Sie rüber? Er dachte, ich bin ein deutscher Spion. Da hab ich ihm alles erklärt.

    Und sind Sie dann in Brünn geblieben?

    Ich habe von meiner Mutter erfahren, dass man von Wien nach Palästina kommen kann. Da bin nach zwei, drei Wochen zurück. An der Grenze habe ich mir gedacht, es ist sicher kürzer, durch den Tunnel zu gehen. Ich hab auf jeden Fall in beide Hände Sand genommen und habe mir gedacht: Falls da hinten jemand steht und hervorkommt, hau ich ihm den Sand ins Gesicht und renne. Wenn er mir nachschießt und mich trifft, hat er Glück gehabt und ich Pech, aber das wird nicht sein. So bin ich sicher durchgekommen, bis zur Haltestelle dort von der Bahn und habe Karten gekauft, bin eingestiegen und nach Wien gefahren. Ich weiß nicht, warum nicht viele, viele Menschen geflüchtet sind. Viele haben sich nicht getraut, viele haben erzählt bekommen von anderen, die angeblich auf der Flucht ausgeraubt wurden.

    Aber wie ist es dann weitergegangen?

    Ich ging in Wien aufs Palästina-Amt, wo man mich befragt hat. Mein Cousin ist mitgekommen. Da er wusste, dass ich nicht sehr viel vom Judentum weiß, hat er versucht, mir alles zu erklären, Gebräuche und Inhalte und Feste, alles Mögliche. Modernen Zionismus habe ich selber gewusst. Und ich komme dann dort rein und der Mann aus Israel fragt, ob ich ihm sagen kann, was der Völkerbund ist? Da habe ich geantwortet: Ja, das ist eine Organisation, die zusammenkommt, um die nächste Sitzung zu beschließen, mehr machen die nicht. Da hat er gesagt: Du fährst.

    Dann kamen Sie nach Palästina, waren 14, 15 Jahre alt, was geschah dort?

    Da war die Situation noch ganz gut. In Palästina habe ich mit Arabern gearbeitet. Man spricht mit Leuten, dann waren wir nach einer gewissen Zeit befreundet. Und eines Tages kommt einer zu mir und sagt: Wir bereiten uns vor, nach dem Krieg werden wir alle Juden verjagen. Da habe ich gesagt: Da verrätst du mir nichts Neues. Ich kann dir aber sagen, die Juden bereiten sich auch vor zu kämpfen, wenn es drauf ankommt. Aber das Land gehört nicht den Juden, die Engländer beherrschen das Land, und wenn wir zusammen kämpfen gegen die Engländer, dann gibt es vielleicht den gemeinsamen Staat. Das war damals meine Idee als Kommunist. Dazu ist es nie gekommen, diese Überlegung gab es ganz einfach nicht. Kein Mensch weiß, dass der Mufti von Jerusalem zum Hitler gefahren ist. Kein Mensch weiß, dass der die erste SS aufgestellt hat, muslimische SS.

    Dann war der Krieg vorbei. Hatten Sie Kontakt zu Ihren Eltern? Und wann haben Sie beschlossen, nach Wien zurückzugehen?

    Ich fuhr sofort nach dem Krieg. Die Eltern waren ein Grund. Der zweite Grund waren die Russen; ich war Kommunist und habe mir gedacht, vielleicht kann man ein paar von den Nazis aufhängen, aber das war leider nicht möglich. Wie war das, 1947 nach Wien zurückzukommen? Nach dem Krieg eines Tages, ich war bei meinen Eltern, bin raufgekommen zu ihnen, ist der Onkel da, der Nazi war. Der hat früher am Ötscher das Schutzhaus gehabt, und das war ein Treffpunkt der Nazis schon damals. Und ich komme dort rauf, sagt er: Jö Kurti, ich bin’s, dein Onkel. Er kommt auf mich zu. Und ich sag: Schleich dich da raus, und wenn du noch einmal hierherkommst, bringe ich dich um.
    Und dann ist er gegangen. Ich habe in einem Kabelwerk gearbeitet in der sowjetischen Zone. Dort haben die aus mir einen Kulturreferenten gemacht. Und das war auch eine schöne Arbeit, ich hatte einen Chor, eine Boxstaffel, Fußball… Jetzt existiert das nicht mehr. Die Russen haben es wahnsinnig gerngehabt – überall Plakate und Losungen, und Musik muss sein. Die Arbeiter haben das aber nicht ausgehalten, wenn du 24 Stunden lang Kampfmusik hörst und nicht kämpfst. Und da hab ich dann auch andere Schallplatten aufgelegt. Wenn ich dann durchgegangen bin durch die Hallen, haben mir alle freundlich zugenickt.

    Wie lange haben Sie das dann gemacht?

    Ich hatte immer wieder Differenzen mit der Partei. Und dann haben die einmal gesagt, sie müssen mich kündigen. Da sage ich: Das habe ich eh gewusst, ihr könnt ja keinen Verräter, der nach einem Parlament schreit, in der Partei lassen. Aber in der Partei wollten sie mich nicht ausschließen. Nicht einmal, wie 1967 der Sechstagekrieg begonnen hat.

    Und wie ging es dann weiter?

    Dann habe ich den Kontakt gesucht zu Antifaschisten. Da war der Paul Grosz (Präsident der Kultusgemeinde 1987–1998), und wir haben angefangen zu reden und waren seit damals eigentlich gute Freunde.

    Paul Grosz war ja einer von denen, die sich nach dem Krieg als Gruppe zusammengeschlossen haben, um die jüdische Gemeinde zu beschützen und auch sonstige politische Aktionen zu setzen.

    Das habe ich auch gehört (schmunzelt).

    Diese Gruppe und deren Aktivitäten sind ja inzwischen ein Stück Zeitgeschichte. Können Sie darüber ein bisschen erzählen?

    Ich habe überlegt, gewisse Sachen könnte man schreiben. Wir haben Demonstrationen gemacht, das war damals mit den Sozialdemokraten, mit den Sozialisten, da waren es viele, viele Menschen. Auch bei den Demonstrationen gegen den Nazi-Professor Borodajkewycz haben wir ordentlich mitgemischt. Da ist es schon hoch hergegangen. Und dann haben wir noch alle möglichen anderen Aktionen gemacht. Aber mehr will ich nicht darüber reden, weil das ist keine österreichische Angelegenheit, solche Gruppen gab es überall.

    Hat da auch Simon Wiesenthal eine Rolle gespielt in dieser Gruppe?

    Ich habe den Wiesenthal sehr verehrt. Wiesenthal hat andere Ansichten gehabt und gesagt: Man soll die Österreicher in ihrem eigenen Interesse zwingen, dass sie ihre Verbrecher aburteilen. Und das wäre ja auch das Richtige gewesen, was aber leider nicht stattfand. Es ist kein einziger da verurteilt worden von Richtern, die nicht nur gegen Juden waren. Das waren Richter, die haben einen Österreicher, der nach Hause gegangen ist, am Tag vor dem Ende des Kriegs, den haben die aufhängen lassen. Ihre eigenen Leute. Und da hat man später nichts gemacht.

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.