Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Hinter mir gehen hundert Leute

    Einen Termin mit Georg Gaugusch zu fixieren, ist keine leichte Angelegenheit. Hat er doch zwei Berufe, die ihn so ausfüllen, dass nur wenig Flexibilität besteht.
    VON DANIELLE SPERA (TEXT) UND
    MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER (FOTOS)

     

    Vormittags schreibt Georg Gaugusch am dritten Band von Wer einmal war, jenem Jahrhundertwerk, das die Familiengeschichten des jüdischen Wiener Großbürgertums von 1800 bis 1938 wieder ins Gedächtnis ruft. Diesmal S-Z. Am Nachmittag leitet er das traditionsreiche Familienunternehmen Jungmann & Neffe, das früher den Titel eines k. und k. Hoflieferanten trug.

    Wir verbinden das Angenehme mit dem Nützlichen und gehen gemeinsam in das „Archiv“ von Georg Gaugusch, auf den Zentralfriedhof, 1. Tor. „Der Friedhof ist sogar noch mehr als ein Archiv. Hier findet man das letzte, das von einem Menschen bleibt. Wenn man biografisch arbeitet, sagt das einiges aus. Warum bauen sich der Herr Bosel oder die Gutmanns ein kleines Mausoleum für sich und ihre Familien? Das war ihnen offenbar wichtig. Es wird nicht viele in der Kultusgemeinde geben, die wissen, wer diese Leute waren. Vielleicht kennt man noch den Namen des Kantors Salomon Sulzer, aber sonst?“

    Jungmann & Neffe

    Mit Georg Gaugusch durch den Friedhof zu gehen, ist ein ganz besonderes Erlebnis. Wir halten vor nahezu jedem Grabstein in der ersten Reihe, und er erzählt die Geschichte der Familien, woher sie kamen, wer mit wem verschwägert war, wie man sich das Vermögen erarbeitete und wohin die Familien später zerstreut wurden.

    Zum ersten Mal war er Anfang der 1990er-Jahre hier auf dem Zentralfriedhof. Der Ausgangspunkt war sein Interesse an der Geschichte seiner Firma. „Ich wollte wissen, wo Wilhelm Jungmann, der Gründer unseres Geschäftes, begraben ist. Er war ja 1838 bei Pressburg geboren, kam als Kind nach Wien, begann mit Schneiderzugehör, wurde dann als Stoffimporteuer wohlhabend und zog später mit seinem Geschäft auf den Albertinaplatz, wo er es mit seinem Neffen Wilhelm Dukes führte. Da er keine Kinder hatte, war es ihm wichtig, dass seine Nachfolger sein Mausoleum pflegen sollten. Als ich hierherkam, war die Grabstätte sehr verwahrlost, ich habe sie umgehend renovieren lassen.“

    Damals begann er, die Firmengeschichte akribisch zu recherchieren. Für das Buch anlässlich der Ausstellung „Kauft bei Juden. Geschichte einer Wiener Geschäftskultur“ hat er sie minutiös niedergeschrieben. Schon allein, um herauszufinden, unter welchen Umständen sein Urgroßvater die Firma Jungmann & Neffe just 1942 gekauft hatte. Da kam auch der tragische Aspekt ans Tageslicht, dass sich Paul Stefan Dukes, der nach dem Tod seines Großonkels Wilhelm Jungmann das Geschäft übernommen und mit einem gefälschten Ariernachweis eine Zeit lang durchgekommen war, im Oktober 1940, wenige Stunden bevor er zu einem Verhör erscheinen sollte, aus dem Fenster der Wohnung am Lueger- Ring gestürzt hatte. Die Witwe von Paul Stefan Dukes, Vera, die zu diesem Zeitpunkt bereits nach Ungarn geflüchtet war und in den 1950er-Jahren nach Kanada auswanderte, verkaufte das Geschäft 1942 an den Urgroßvater von Georg Gaugusch, den Textilhändler Walter Suchy, der es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einer neuen Blüte führte. Nach der Großmutter und dann seiner Mutter führt Georg Gaugusch das Geschäft seit 2005 nun in vierter Generation, wobei er bereits als Bub im Geschäft aushalf. Weder seine Mutter, die Biologin war, noch er als Absolvent der Technischen Biochemie waren sozusagen vom Fach. Dennoch führt er das Geschäft mit großer Leidenschaft, genau wie seine akribische Recherche der jüdischen Großbürger.

    „Geschichte ist ein Feld, wo man viel erzählen kann, ich erforsche Geschichte, die noch nie erzählt worden ist. In Österreich ist es eine Tradition, dass Geschichte immer von einem ideologischen Standpunkt aus erzählt werden muss, egal von welchem. Als Naturwissenschafter lehnt man eine ideologische Disposition von vornherein ab. Deswegen hat sich für Industrielle oder Menschen, die etwas für die Volkswirtschaft geleistet haben, niemand interessiert.“

    Aus der Erinnerung ausgelöscht

    Es ist nicht nur die Neugier, wer die Kunden und Kundinnen des früheren k. und k. Hof- und Kammerlieferanten waren, die Gaugusch antreibt – es ist ihm auch ein Anliegen, die Geschichten dieser wichtigen Familien, die so viel für den Aufbau Österreichs geleistet haben und die völlig zu Unrecht aus der Geschichtsschreibung und daher auch aus der Erinnerung ausgelöscht wurden, wieder in den Vordergrund zu rücken.

    Ob er schon als Kind ein Interesse an dieser detektivischen Arbeit hatte? „Ich bin Naturwissenschafter, das liegt daher in der Natur der Sache, dass man Dinge, die nicht bekannt sind, entdeckt. Wenn ich im 19. Jahrhundert gelebt hätte, wäre ich sicher Entdecker oder Forscher in Südamerika gewesen. Ich probiere gern etwas Neues aus. Als Kind bin ich auf mein Fahrrad gestiegen und wohin gefahren, wo ich noch nie war, und mit 13 zum ersten Mal allein nach England. Meiner Mutter hat das nichts ausgemacht, mein Vater ist früh gestorben.“ Mit seiner Mutter hat er zwar zusammengearbeitet, dennoch blieb die Verbindung eher kühl. Obwohl er viel auf Friedhöfen unterwegs ist, besucht er das Grab seiner Mutter kaum. „Ich hätte ihr nicht viel zu sagen.“

    Als Einjährig-Freiwilliger beim Bundesheer kommt er von zu Hause weg, dann geht es an die Technische Universität. Sein Kommentar: „Die Hauptuni steht am Karlsplatz, das andere Haus am Ring …“ Gern würde er, wenn er mit der Recherche zu den jüdischen Großbürgern fertig ist, auch die Musikgeschichte neu schreiben. „Ich liebe klassische Musik, aber ich hasse Mozart, den ich für eine vollkommen überschätzte Figur halte, eine typische Konstruktion des 19. Jahrhunderts. Ich höre alles vom Barock bis zum 20. Jahrhundert gern, außer Mozart und Haydn. Und Popmusik war mir immer zu laut.“ Was er auch nicht mag, sind Zimmerpflanzen und Haustiere. Die gibt es hier auf dem Zentralfriedhof ohnedies nicht, dafür sieht er hie und da ein Reh zwischen den Gräbern spazieren.

    Wie die Recherche abläuft, möchte ich wissen. Zunächst kommt Gaugusch hierher und inspiziert die Grabinschriften, für die er auch hebräisch gelernt hat, mit der Anmerkung, dass er bei einem ElAl-Flug allerdings kein Cola auf hebräisch bestellen könnte. Mit der Information, die er auf einem Grab findet, geht er ins Archiv, dann liest er die historischen Zeitungen, und so setzt sich langsam das Bild einer Familie zusammen.

    Hier am 1. Tor kennt er schon alle Geschichten. Das hört sich dann, wenn man ihn begleitet, so an: „Da sind die Eisenbergers, eine uralte böhmische Industriellenfamilie, hier liegt Dr. Beer, ein Rechtsanwalt, der viele Rückstellungen gemacht hat. Herr Pollak, der Begründer der Papierfirma Myrtle Mill aus der Myrthengasse. Heilmann Kohn, Inhaber eines der größten Konfektionsbetriebe. Da die Bankiersdynastie Haber aus Lemberg, der Schwiegervater war Herr Tannenbaum. Hier die Familie Rappaport, Herbert war Filmregisseur in der Sowjetunion, er starb in Leningrad. Da das Grab von Herrn Nagel, der mit der Produktion von Elastix für Gamaschen sehr erfolgreich wurde, weil er der einzige war. Er war auch der Gründer des Tempelvereins für den 6. Bezirk. Da liegt Herr Strasser, der Prokurist von Königswarter, wurde dann selber Bankier, hier Jacob Ritter von Jakobi, der erste Generalsekretär der Kaiser Ferdinand Nordbahn …“ So viele Informationen. Seinen Speicher hat er immer mit, er steckt in seinem Kopf, wie Gaugusch sagt.

    Fleischhauer und Fleischselcher

    Manchmal wirft er auch einmal einen intensiveren Blick auf die Geschichte der christlichen Gräber am 2. Tor. Dabei hat er festgestellt, dass sich das 1. und das 2. Tor am Zentralfriedhof fundamental unterscheiden. Die wohlhabendste Gruppe dort sind die Fleischhauer und Fleischselcher, während hier am 1. Tor Industrielle und Bankiers zu finden sind. Oder interessante Frauen, wie Wilhelmine Rix, geborene Cohn, die Erfinderin der Pasta Pompadour. Die Wiener Vorläuferin von Helena Rubinstein schaffte es als junge Witwe mit sechs Kindern, mit ihrer Hautcreme und vor allem ihren innovativen Vermarktungsideen für große Aufmerksamkeit zu sorgen. Auch eine Geschichte, die Gaugusch wieder an das Licht der Öffentlichkeit brachte.

    Friedhöfe haben für Georg Gaugusch nichts Unheimliches. Mit seiner Frau, der Historikerin Marie-Theres Arnbom, besucht er auch im Urlaub Friedhöfe. Oft sehen sie eine Stadt erst bei Sonnenuntergang, denn sie verbringen den ganzen Tag auf dem Friedhof. Es sei unglaublich spannend und gebe dort so viel zu entdecken: „Ein Friedhof ist ein Platz, wo die Toten über ihr Leben erzählen. Früher noch viel mehr, heute steht dort nur noch: ‚Muki ist nicht mehr.‘ Meine Schwester hat mir einmal gesagt, wenn du in Tibet an einen Toten denkst, ist ein Stück seiner Seele mit dir. Hinter mir gehen wahrscheinlich hunderte Leute … Vor allem, weil ich schon so viele kenne.“

    Danielle Spera
    Das NU-Gründungsmitglied ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Davor war sie ORF-Journalistin und Moderatorin. Sie studierte Publizistik- und Politikwissenschaft.
    Danielle Spera

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