Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Telegramm aus Netanja
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • “Hineini, hineini”

    VON ANITA HAVIV-HORINER

    Vorgestern beschloss ich, eine arbeitsreiche Woche fröhlich zu beenden. Spontan meldete ich mich zu einem Free Dance Event an. Ich hatte richtig Lust, das Tanzbein zu schwingen. In Tel Aviv traf ich auf eine eingetanzte Gruppe von Hedonisten, die mich sehr freundlich in ihre Mitte aufnahmen.

    Die Lehrerin kündigte an, dass das Leitmotiv der heutigen Stunde „das Bekenntnis zur Unvollkommenheit“ sei. Ergänzend fügte sie hinzu: „Wir müssen lernen, zu uns selbst zu stehen, und nicht versuchen, jemand anderer zu sein.“ Bald schwebten alle beglückt im Raum herum und verrenkten sich in unterschiedliche Richtungen.

    Als bekennender Kontrollfreak war mir klar, dass noch einige Runden zu drehen waren, bis die Muse auch mich in ihre Arme schließen würde. So beschloss ich – in Erwartung der Seligkeit –, mich einer Dehnungsübung zu widmen. Bedauerlicherweise suchte ich mir dazu eine Stange aus, von der ich irrtümlich annahm, dass sie in die Wand geschraubt sei. Meine Fehleinschätzung führte dazu, dass ich binnen weniger Sekunden mit der Stange über mir krachend auf dem Boden landete. Mit einem Schlag hatte ich die Tanzenden aus ihrer Trance hochgeschreckt. Alle hielten sofort inne, und starrten mich erschrocken an.

    Nachdem sie sich vom Schock erholt hatten, halfen zwei galante Herren zuerst dem eisernen Monster und dann mir wieder auf die Beine. Ich raffte mich schnell auf und versuchte die allgemeine Aufmerksamkeit von mir abzulenken. Im Rampenlicht zu stehen hatte ich mir anders vorgestellt.

    Diese Szene spielte sich ab, während im Hintergrund Leonard Cohens betrübliches Lied You want it darker spielte. In seinem Schwanengesang kündigt der kanadische Troubadour dem Allmächtigen sein baldiges Kommen an. Der Refrain des Songs lautet Hineni, hineni („Hier bin ich, hier bin ich“).

    Während ich mir nichts sehnlicher wünschte, als im Erdboden zu versinken, fiel mir auf, dass die biblischen Worte meine missliche Lage widerspiegelten. Der verehrte Barde möge es mir verzeihen, dass ich es wage, Parallelen zwischen ihm und mir zu ziehen, doch hatte ich – wenn auch nicht dem lieben Gott – aber doch der Gruppe unmissverständlich meine Anwesenheit vor Augen geführt: „Hineni, hineni!!!“

    Und zu meiner eigenen Unvollkommenheit – somit auch zu meinem wahren Ich – hatte ich mich auch praxisorientiert bekannt. Ich weiß nicht, ob die Trainerin das Mantra so gemeint hatte. Mein Sturz und das darauffolgende Chaos schienen jedenfalls keine Begeisterung bei ihr auszulösen.

    Als ich am nächsten Tag – in der Hoffnung auf etwas Empathie – meinem alten Freund Mosche von der Blamage berichtete, meinte er nur lakonisch: „Was geht eine Wiener Kaffeehausjüdin wie du auch tanzen.“

    Anita Haviv-Horiner

    Anita Haviv-Horiner

    In Wien geboren, 1979 Einwanderung nach Israel. Bildungsexpertin mit Schwerpunkt deutsch-israelischer Dialog.
    Anita Haviv-Horiner

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