Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Hamburgs neues Musik-Flagschiff

    Die Elbphilharmonie: Drei Konzertsäle, ein Hotel und die Plaza
    © THIES RÄTZKE

    VON MARTIN RUMMEL

    Würde man 789 Millionen Ein-Euro- Münzen aufeinanderstapeln, ergäbe das eine Säule, die fast so hoch wäre wie die Distanz von Wien nach Moskau. 789 Millionen Euro hat der Bau der Elbphilharmonie in Hamburg verschlungen, mehr als das Dreifache der ursprünglich veranschlagten Summe. Nun werden – neben aller Euphorie – Stimmen laut, die das als Verschwendung betrachten.

    Fabelhafte Konzertsäle

    Aber bei allem Jammern in der Kulturszene, dass überall Budgets gekürzt werden und für Künstler das Überleben schwieriger wird, so viel Geld also besser verwendet werden könnte, sollte man doch auch über den Tellerrand schauen, hin zu Systemen, wo es schlicht und ergreifend keine staatliche Kulturförderung gibt. Auch dort finden sich fabelhafte Konzertsäle wie das Sydney Opera House oder die Carnegie Hall und Orchester wie das Cleveland Orchestra oder London Philharmonic. Lässt man also die Kostenexplosion außer Acht und konzentriert sich auf die Frage, ob eine Stadt wie Hamburg, derzeit ohne Orchester von Weltrang, ein Haus von Weltrang braucht, ist Sydney die beste Antwort. Auch dort hat man ein ikonisches Bauwerk errichtet, und plötzlich ist das Sydney Opera House zu einem der wichtigsten Wirtschafts-, Tourismus- und Kulturfaktoren der südlichen Hemisphäre geworden, weit jenseits der auf kulturpolitische Fragen beschränkten Diskussion – und niemand kümmert der Bedeutungsrang des hauseigenen Orchesters.

    Denkt man in größeren Kategorien kulturgeschichtlicher Bedeutung, kommt man von den Pyramiden über Gotteshäuser und Klosteranlagen, Burgen, Schlösser und Gärten in neuerer Zeit eben auch zu Konzert- und Opernhäusern. Dass in Kriegen nicht nur Menschen getötet, sondern auch deren Bauwerke zerstört werden, ist kein Zufall. Die Errichtung eines „Kulturtempels“ ist auch ein Statement gegen Barbarei und Kulturverlust, für ein Miteinander und die Werte, die wir uns in den letzten fünftausend Jahren erkämpft und geschaffen haben. Hoffen wir, dass die Programmierung inklusiv (und nicht exklusiv) in ihrer Ausrichtung sein wird.

    Die Architekten

    Entworfen wurde die Elbphilharmonie von den jüdischen Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die unter anderem die Rinderhalle St. Marx und den Donaucity Tower 2 in Wien, aber auch die Londoner Tate Modern gebaut haben und derzeit an der National Library of Israel in Jerusalem arbeiten. Am 11. Jänner 2017 wird in Hamburg eröffnet; das „NDR Elbphilharmonie Orchester“ wird unter Thomas Hengelbrock aufspielen. Immer-noch-Intendant Christoph Lieben-Seutter (der erste Intendant, der eine ganze Amtszeit – von 2005 bis 2011 – ohne ein einziges Konzert durchstehen musste) wird ein Stein vom Herzen fallen, der das neue Bauwerk hoffentlich nicht allzu sehr erschüttert. Mazel Tov!

    Martin Rummel

    Martin Rummel

    Der Cellist ist international als Solist und Kammermusiker tätig. Als leidenschaftlicher Musikvermittler ist er Eigentümer und Mastermind von „paladino media“.
    Martin Rummel

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