Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Benny Fischer | Nr. 65 (03/2016) - Elul 5776
  • Gut gehütetes mährisches Geheimnis

    Die mährische Kleinstadt Trebíc wartet mit einer Besonderheit auf: Ihr jüdisches Viertel zählt seit 2003 zu den UNESCO-Welterbestätten – als erstes eigenständiges jüdisches Denkmal außerhalb Israels, wie man in Trebíc betont.
    VON BRIGITTE KRIZSANITS

    Eigentlich haben wir die Abzweigung nach Trebíc auf dem Heimweg von Prag ja genommen, weil wir uns dort die romanische Kirche ansehen wollten. Der Reiseführer, schon etwas in die Jahre gekommen, erwähnte von einem jüdischen Viertel nichts. Seltsam, denn dieses jüdische Viertel gilt mit seinen 120 Häusern als eines der besterhaltenen in Europa. Das war auch der Grund, warum es 2003 in die Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten aufgenommen wurde. Die Begründung der UNESCO für diesen Schritt: „Das jüdische Viertel ist ein hervorragendes Zeugnis für das jahrhundertelange Zusammenleben zweier Kulturen und deren Austausch von Werten.“ – Was freilich nicht immer so konfliktfrei vor sich ging, wie es in diesem kurzen Satz vorgespiegelt wird.

    Zwei Seiten einer Stadt

    Doch kommen wir erst einmal in Trebíc an, einem kleinen Städtchen rund eineinhalb Autostunden nördlich von Wien. Ein schmucker Hauptplatz mit bunten Häusern, wie wir ihn auch aus anderen tschechischen Städten kennen, ein Flüsschen, das sich durch die Stadt schlängelt und an dem sich Häuserreihen drängen. Die Stadt hat zwei Seiten – wie jede Stadt am Fluss. Die eine: geprägt vom großen Marktplatz mit seinen Renaissance-Häusern, Sgraffito-Schmuck, Verkaufsläden. Eine Brücke führt über den Fluss Jihlava (Igel) und offenbart die andere Seite der Stadt: enge Gassen, mit Kopfsteinen gepflastert. Häuser, die so ganz im Gegensatz stehen zu jenen Bürgerhäusern auf dem großen Platz. Überragt wiederum von der Basilika des heiligen Prokop, deren Geschichte bis in das 12. Jahrhundert zurückreicht. Fast so alt ist auch, so wird vermutet, die jüdische Gemeinde in Trebíc. Nachweislich belegt ist eine jüdische Gemeinde jedenfalls ab dem Jahr 1338, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde das Ghetto angelegt, begrenzt von der Jihlava auf der einen und einem Felsen auf der anderen Seite und mit einer Mauer umgeben.

    Die Menschen, die hier lebten, waren großteils Handwerker, eingeschränkt in ihren Tätigkeiten auf die Berufe Gerber, Branntweinhersteller, Handschuhmacher, Trödler oder Geldgeber – so viel zum „Zusammenleben zweier Kulturen“. Zog ein feindliches Heer vorbei, mussten die Juden für die ganze Stadt Schutzgeld entrichten; für Friedhof, Krankenhaus oder auch für den Platz auf dem Markt mussten sie mehr bezahlen als die Christen. Dennoch wuchs die Gemeinde stetig: Anfang des 19. Jahrhunderts zählte die Stadt rund 1.200 Juden – was immerhin beinahe 60 Prozent der Bevölkerung ausmachte. Durch eine Ausweitung des Bürgerrechts war es ihnen nach 1848 schließlich auch möglich, außerhalb des jüdischen Viertels zu wohnen. Wer es sich leisten konnte und wollte, zog weg, die kleinen Häuser wurden nach und nach auch von christlichen Arbeiterfamilien bewohnt. So vermischte sich jüdisches mit christlichem Leben. Bis die Vertreibung und Deportation der Nationalsozialisten diesem Nebeneinander ein Ende setzte. Mindestens 270 Juden aus Trebíc kamen ums Leben. Zurückgekehrt sind nach dem Krieg nur etwa zehn. Das Viertel war dem Verfall preisgegeben, die in den 1970er-Jahren geplante Schleifung scheiterte jedoch am fehlenden Geld. Erst nach der politischen Wende erfolgte auch ein Umdenken – und letztendlich die Rettung von „Zamosti“, dem Viertel „Hinter der Brücke“.

    Spaziergang durch das Viertel

    Über Jahrhunderte war das Viertel in sich geschlossen, hatte ein eigenes Krankenhaus, ein Armenhaus, ein Rathaus und natürlich auch einen Friedhof. Ein Durchgang beim heutigen Haus Leopolda-Pokorneho 2 führt in diese vergangene Welt. Dahinter finden sich Gässchen mit einstöckigen Häusern. Ebenerdig, oft hinter Laubengängen oder -säulen, waren Geschäfte und Werkstätten untergebracht, während das Obergeschoß als Wohnraum diente – oftmals auch im Besitz unter mehreren Familien aufgeteilt. Manche Häuser zeigen sich schmucklos, andere kunstvoll verziert, kleine Gässchen dazwischen sind von Schwebebögen überspannt – beliebte Motive für Fotografen wie auch für Künstler. Oder auch einfach für Romantiker.

    Alte und Neue Schul

    Zweimal verwinkelt ums Eck und man steht vor der „Vorderen Synagoge“, einem schlichten, schmucklosen Bau, in dessen Eingangsbereich eine Tafel in hebräischer Sprache Aufschluss über die Geschichte gibt: „Dieses heilige Bethaus wurde begründet im Jahre 5399 (1639) nach Schaffung der Welt und wurde vollendet im Jahre 5402 (1642), und dreimal ist sein Dach abgebrannt durch unsere großen Sünden. Im Jahre 5519 (1759), 5581 (1821), 5616 (1856) und wurde renoviert im Jahre 5617 (1857).“ Der hier erwähnte erste Bau wurde im Stil des Barocks anstelle einer noch älteren Synagoge aus Holz errichtet, nach einem der drei Brände wurde die die „Altschul“ Mitte des 19. Jahrhunderts neugotisch umgestaltet. Seit den 1950er-Jahren dient sie als Gotteshaus der Tschechoslowakischen Hussitenkirche.

    Die „Hintere Synagoge“ befindet sich am anderen Ende des jüdischen Viertels. Sie wurde rund 40 Jahre nach der „Vorderen Synagoge“ errichtet und besticht vor allem durch ein Kuriosum: Die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zugebaute Frauengalerie war nur über eine Stiege erreichbar, die durch ein Privathaus führte. Wer also dorthin wollte, der musste durch das besagte Treppenhaus gehen – und der Besitzer hatte den Durchgang zu gewähren. Dies war bis in die 1920er- Jahre der Fall, danach wurden die Gottesdienste dort eingestellt. Das Gebäude drohte zu verfallen, und mit ihm die schönen Malereien im Inneren. Diesem Verfall wurde jedoch vor rund dreißig Jahren Einhalt geboten. Die „Hintere Synagoge“ wurde renoviert, die alten Malereien und die Anfang des 18. Jahrhunderts aufgebrachten hebräischen Inschriften wurden erneuert. Heute ist in der Frauengalerie eine Ausstellung zum jüdischen Leben eingerichtet, in der ehemaligen Synagoge selbst finden Konzerte und Veranstaltungen statt. Es lohnt sich hier auf jeden Fall auch eine Führung mitzumachen – was übrigens für das ganze Viertel gilt, denn dadurch bietet sich die einmalige Gelegenheit, auch die Geschichten hinter den Mauern zu erfahren.

    Malerischer Friedhof

    Apropos hinter den Mauern. Natürlich hatte die jüdische Gemeinde auch einen Friedhof, umgeben von einer langen Mauer. Nachdem der erste Friedhof aufgelassen worden war, fand er im 15./16. Jahrhundert seinen neuen Platz auf einer Anhöhe nordöstlich des jüdischen Viertels. Den Aufstieg dorthin über das Gässchen Hrádek sollten Besucher auf jeden Fall auf sich nehmen: Der älteste Grabstein hier stammt aus dem Jahre 1625; um manch einen anderen ranken sich Sagen und Geschichten. Etwa um jenen mit dem Herz, der, so erzählt man, die Ruhestätte eines Paares zeigt, das sich im Angesicht des Schwarzen Todes auf dem Sterbebett das Jawort gab. Fast 11.000 Gräber und 3.000 Grabsteine finden sich hier auf rund 12 Hektar, im Schatten alter Bäume den Hang hinauf verstreut, umgeben von der Friedhofsmauer.

    Verschlafenes Viertel erwacht

    So wie der Friedhof scheint auch das jüdische Viertel in Trebíc noch verschlafen. Der große Verkehr zieht anderswo vorbei. Wer den Weg dennoch findet, den erwarten ein paar Stunden in einer anderen Zeit. Mit koscheren Bier- und Weinverkostungen, aber auch mit Führungen wird diese ins Hier und Jetzt gebracht. Auch eine traditionelle Bäckerei gibt es, das eine oder andere Restaurant hat jüdische Küchenklassiker auf der Karte, und das ehemalige Armenhaus samt dazu adaptierten Wohnungen wurde zum „Hotel Joseph 1699“ umfunktioniert – das Jahr bezieht sich auf den ältesten Gebäudeteil, was nicht nur eine lange Geschichte, sondern auch viel Flair verspricht.

    Eine Übernachtung im „Hotel Joseph 1699“ nehmen wir uns für unseren nächsten Besuch vor. Denn eigentlich waren wir ja auch wegen der romanischen Kirche abgebogen. Die hatte jedoch zu. Vom jüdischen Viertel wussten wir vorher nichts. Tief beeindruckt setzten wir unseren Weg jedoch fort, froh, dieses kleine, mährische Geheimnis gefunden zu haben – bei dem es sicherlich noch mehr zu entdecken gibt.

     

    Allgemeine Information:
    www.mesto-trebic.cz/de/

    Hintere Synagoge
    Öffnungszeiten: Mo–So, 9.00-17.00 Uhr

    Jüdischer Friedhof
    Besuchszeiten:
    Täglich von Sonntag bis Freitag

    Hotel im jüdischen Viertel:
    Hotel Joseph 1699
    www.joseph1699.cz

    Brigitte Krizsanits

    Brigitte Krizsanits

    studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien und war anschließend in Wien und Prag in der Erwachsenenbildung tätig. Seit 2010 ist sie freie Journalistin und publizierte unter anderem die Bildbände Das Leithagebirge. Grenze und Verbindung und Eisenstadt.
    Brigitte Krizsanits

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