Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Großmeister am Jazzklavier

    Bis heute füllt er in Russland die Konzertsäle der großen Städte: Jazz-Pianist Leonid Chizhik. Katrin Diehl spricht mit dem Star, der in München und Weimar auch als Professor für Jazz-Klavier wirkt.
    VON KATRIN DIEHL (TEXT)
    UND MIKE GANGKOFNER (FOTO)

     

    Was wird aus einem Kind, das Fähigkeiten besitzt, die Erwachsenen zum Staunen bringen? Was, wenn dieses Kind sich als Spezialist in Sachen Freiheit erweist und auf alles pfeift, insbesondere auf Musiknoten? Freiheit macht aus allem mehr. Ihr Gebrauch ist persönliches wie öffentliches Statement. Demonstriert von einem Kind? Erstaunlich.

    NU: Erinnern Sie sich an ein „Erweckungserlebnis“, das Sie zum Jazz gebracht hat?

    Chizhik: Nun ja, ich war ein musikalisches Kind und meine Eltern, besonders meine Mutter, förderten das auch. Mit sechs Jahren kam ich als Frühbegabung an die staatliche Musikschule in Charkow (Ukraine), wo ich meine Lehrer bald sehr forderte. Ich konnte alles, was ich gehört hatte, nicht nur sofort ohne Noten spielen, sondern das Gehörte auch sofort variieren, über die musikalischen Themen eigene Improvisationen setzen. Ich war ein Kreator von Kindesbeinen an, befreite mich vom Notenblatt und verlangte nach dieser Befreiung. Heute wie damals empfinde es als ein großes Glück, dass die Erwachsenen meine eigenwillige Richtung nicht nur bewundert, sondern auch akzeptiert haben. Es ist für ein Kind besonders, wenn es wahres Interesse von Erwachsenen spürt. Das macht etwas mit einem Kind. Das setzt energetische Impulse frei, die weit tragen. Mit elf Jahren habe ich dann zum ersten Mal echten Jazz im Radio gehört. Der Empfang war nicht besonders, aber das hat nichts gemacht. Ich war infiziert. Für die anderen Sachen, die man so zu lernen hat, Bach, Beethoven, Mozart, musste ich üben wie alle. Fürs Improvisieren nicht. Und das ist bis heute so geblieben. Ich setze mich hin und gebe wieder, was ich in mir höre.

    Später sind Sie mit 17 Jahren nach Moskau, haben Klavier und Komposition studiert …

    … und weiter gejazzt.

    Jazz und Sowjetunion, was war das für ein Verhältnis?

    Jazz passte natürlich nicht ins System und ebenso natürlich hat er stattgefunden. Es gab eine kleine, aber feine Jazzszene, die mehr oder weniger im Verborgenen gearbeitet hat. Weil das Publikum aber immer interessierter wurde, habe ich mich Anfang der 70er- Jahre getraut, mein eigenes Trio zu gründen. Das rief dann die Kulturbehörden auf den Plan.

    Und wie haben Sie sich gerettet?

    Ach, das war so ein Spiel. Man musste etwas sagen, was so und so klang, und jedem war klar, was man eigentlich dachte. Jaja, der Jazz ist die Musik der vom Klassenfeind unterdrückten Schwarzen, nicht wahr? Es hat jedenfalls funktioniert, und damit war ich tatsächlich der erste sowjetische Musiker, der professionell mit Jazz auftreten durfte. Nach einigem Hin und Her haben die Herren dann auch noch auf Zensur und die ganze Vorabstempelprozedur verzichtet. Ich hatte die Freiheit, die ich brauchte. Ende der Achtziger hat sich dann aber die Stimmung im Land zunehmend verschlechtert. Es war, als würde man von einer großen, grauen Masse niedergedrückt. Antisemitismus und Nationalismus nahmen zu. Da habe ich beschlossen, zu gehen, zusammen mit meiner Familie, meinen Flügeln, meinen Bildern und meinen Büchern.

    Sie haben begonnen, Jazz zu lehren, eine Musikrichtung, die man landläufig als die Musik der Afroamerikaner bezeichnet.

    Eine sehr oberflächliche Beschreibung, wenn ich das sagen darf. Jazz war von Anfang an transnational. Im amerikanischen Schmelztiegel waren alle Kulturen zuglassen, das machte aus dem Jazz eine organische Mischung. Wahrscheinlich sind es einfach die afrikanischen Elemente dieser Musik, die dem Europäer am meisten auffallen. Und tatsächlich waren es ja auch die Schwarzen, die sich, nachdem man ihnen alles genommen hatte, mit dem Jazz wieder eine eigene, neue Kultur „gebaut“ haben. Aber aus was? Aus dem kulturellen, europäischen wie asiatischen Konglomerat ihrer Umgebung.

    Da konnte das Jüdische nicht fehlen. Welcher Einfluss auf den Jazz kam aus dieser Richtung?

    Zunächst einmal ein recht pragmatischer. Juden waren die ersten in Amerika, die schwarze Menschen eingeladen haben zu spielen: auf Hochzeiten, zu den Feiertagen, bei ihren Partys. Außerdem haben sie den Schwarzen Instrumentalunterricht gegeben, ihnen gezeigt, wie man nach alter Schule Klarinette oder Klavier spielt. Daneben gab es aber auch noch den inhaltlichen, essenziellen Einfluss. Wir Juden sind Weltbürger. Das bringt ein Lebensgefühl mit sich, das mit Unbegrenztheit zu tun hat, etwas, das jeder Improvisation zugrunde liegt.

    Wobei Jazz ja nicht nur aus Improvisation besteht. Ich kann in die Musikalienhandlung gehen, mir Noten von Gershwin kaufen und die mehr oder weniger beschwingt vom Blatt spielen.

    Lassen Sie es mich so sagen, und vielleicht kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor: Beim Jazz gibt es zwei Kulturen, die schriftliche und die mündliche. Die Hochzeit der schriftlichen Kultur des Jazz ist für meine Begriffe vorbei, wie sich ganz generell sagen lässt, dass jede schriftliche Kultur eigentlich nicht mehr adäquat ist für unsere moderne Zeit. Sie ist zu langsam, kann nicht schnell genug reagieren. Das Schriftliche hat viel erreicht, aber jetzt stirbt es ab, wird abgelöst von der mündlichen Kultur. Und das ist – schaut man zurück – natürlich auch eine Art Wiederkehr. Die schriftliche Kultur existiert ja im Vergleich zu der ihr vorgelagerten mündlichen Kultur nur für kurze Zeit.

    Die mündliche Kultur steht also für die Möglichkeit, sofort auf den jetzigen Moment reagieren zu können. Ist das die absolute Improvisation?

    Ja, so könnte man sagen. Denn sehen Sie: Was sind Noten? Noten sind Dokumente, die wir reproduzieren können. Wir erkennen darin unverrückbare Meisterwerke. Wenn wir eine Sonate von Beethoven spielen, dann holen wir etwas nach oben, was es schon gibt. Und jetzt stellt sich die Frage: Braucht unsere Welt die zehntausendste Interpretation dieser Beethoven-Sonate? Ich denke, dass es irgendwann reicht. Es ist genug. Wenn Menschen wieder und wieder Klassik konsumieren, dann hat das etwas mit ihrer Urangst vor dem Sterben zu tun, mit der Urangst vor dem absolut Neuen. Sie sagen sich, wenn ich etwas höre, was ich schon kenne, dann bin ich noch am Leben. Was dagegen ist die Improvisation? Sie spielt mit der Angst, sie ist die Angst, sie ist das Risiko, sie ist die Unendlichkeit. Es gibt ja tatsächlich unendlich viele Möglichkeiten, diesen oder jenen Ton zu wählen. Was uns seltsamerweise wieder zum Leben zurückführt. Leben ist improvisieren. Wir reagieren so oder so auf Farben, Worte, Fragen… Man kann nichts wiederholen. Jede Wiederholung ist eine Lüge.

    Dennoch hat Improvisation – sagen wir im Jazz – nichts mit Willkür zu tun.

    Sie ist das Gegenteil. Sie ist professionell. Man muss alles beherrschen, Stilistik, Komposition, Form, Harmonie, muss richtig artikulieren. Im Jazz gibt es sehr viele Leute, die technisch perfekt sind, aber das ist dann auch schon alles. Es fehlt an Künstlern, die weiter und weiter gehen, die über das Unterbewusste einen nonverbalen Dialog mit der Welt beginnen. Für mich stellt es keine Aufgabe dar, das Spektrum, das der Jazz bietet – Mainstream, Bebop, Free Jazz – zu demonstrieren. Ich möchte ein Unikat schaffen. Wenn ich im Voraus weiß, was passieren wird, verliere ich jegliches Interesse an dem, was ich tue. Ein Ton, der mich selbst überrascht, ist für mich ein Zeichen von oben und die Möglichkeit, alles zu verändern.

     

    Der aus einer jüdischen Familie stammende Leonid Chizhik wurde 1946 in Chișinău (Moldawien) geboren. Nach seinem Studium am Gnessin-Institut in Moskau machte er in den 70er-Jahren als „Großmeister am Jazzklavier“ eine für die Sowjetunion einmalige Karriere mit Auftritten in aller Welt. Seit 1991 lebt und lehrt Leonid Chizhik in München und Weimar.

    Katrin Diehl

    Katrin Diehl

    ist nach ein paar Semestern an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg nach München an die Deutsche Journalistenschule gewechselt. Seitdem lebt sie dort und ist als freie Journalistin tätig
    Katrin Diehl

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