Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
  • SCHLAGWöRTer: , ,
  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Gipfelerlebnisse eigener Art

    Die neue Kletterhalle The Bloc in Jerusalem feiert das erste Jahr ihres Bestehens.
    VON MATHIAS KREMPL (TEXT UND FOTO)

     

    Erste Seillänge: Ein Jubiläum

    Jerusalem weist in seiner mehrtausendjährigen Geschichte gewiss eine lange Liste von Errungenschaften auf, die hier erzielt wurden. Der Alpinismus dürfte dabei aber eher auf den hinteren Plätzen gereiht sein, wie ich als hobbymäßiger Bergbegeisterter vor Antritt meines Stipendiums mit Unbehagen mutmaße. Umso erfreulicher ist es daher, dass kürzlich die im modernen Stadtzentrum gelegene, neue Kletterhalle The Bloc ihren ersten Geburtstag feierte. Schon der Name der Halle ist Programm, handelt es sich doch um die erste Kletterhalle direkt im Zentrum, wie der bestimmte Artikel des Hallennamens stolz preisgibt. Und Bloc weist auf den Charakter der Halle als Boulderlocation hin. Das Jubiläum ist der passende Anlass für den nachfolgenden Erfahrungsbericht.

    Zweite Seillänge: Die Schlüsselstellen

    Nachdem wir uns einen Überblick darüber verschafft haben, auf welchen „Berg“ uns diese vorliegende Anstiegsskizze führt, geht’s hurtig weiter. Besonderes Lob verdienen die kreativen Routen, auf denen die Schwerkraft nicht nur schnupperkletternden Kippaträgern ihre Kopfbedeckung raubt, sondern auch täglich trainierende Klettersüchtige um ihre Frisur bringt. Da findet man schwierige „Dächer“ in Durchgängen zwischen zwei Hallenräumen, knifflige klassische Anstiege durch „Verschneidungen“ in den Raumecken, „Dynamos“, die athletisches Anspringen des nächsten Klettergriffs erfordern, und Plattenklettereien mit lästigen abschüssigen „Auflegern“– und kleinen Leisten-Griffen, die nicht nur geeignet sind, den Kletterladies ihre Fingernägel, sondern auch die Ringbänder zu kosten. Daneben kommen auch die Anfänger mit einfacheren Linien nicht zu kurz.

    Die tolle Atmosphäre ist nicht nur den Hallenbetreibern zuzuschreiben, sondern auch dem israelischen Sportsund Kampfgeist zu verdanken, der hier auf allen Leistungsniveaus präsent ist. Das entsprechend historisch und kulturell geprägte Publikum macht es nahezu zur Selbstverständlichkeit, dass ich so lange gemeinsam mit dem mir bislang unbekannten und erst ein halbes Jahr klettererfahrenen Ido an den Finessen der anspruchsvollen lilafarbenen Route im mittleren Raum feile, bis das gemeinsame Kletterprojekt mit dem Schwierigkeitsgrad 7a geknackt ist – der Schwierigkeitsgrad entspricht in etwa dem der Klagemauer, wenn man sie mit Steigeisen erklettert, ohne dabei die Gebetszettel zu berühren. So wird im Bloc also auch die Einzelsportart regelmäßig zum sozialen Erlebnis. Auch die Fitnessnische wird stark frequentiert, und zwar von der überwiegenden Mehrheit der Besucher, eine abschreckende Wirkung des einen oder anderen Muskelträgers fällt daher eigentlich kaum ins Gewicht. Und – dieser Punkt ist wieder auf das Konto der Betreiber zu verbuchen – auf die in Jerusalem sonst so weit verbreitete Eigenheit, dass das öffentliche Leben am Schabbat weitgehend schläft und etwa die meisten Öffis und Bars geschlossen haben, wird zugunsten der Kundenorientiertheit verzichtet. Auch sonst sind die Öffnungszeiten (meist bis 23 Uhr) recht angenehm und dem mediterranen Rhythmus angepasst.

    Dritte Seillänge: Die Verhauer

    Jede Medaille hat auch ihre Kehrseite und der Schekel des Bloc ist davon nicht ausgenommen, weshalb auch darüber gesprochen werden muss. Nicht ganz lupenrein scheint die Routenbewertung zu sein, welche in der aus den USA stammenden VSkala angegeben ist. Denn die Bewertung fällt einerseits teilweise etwas heterogen aus, andererseits dürften tendenziell die Schwierigkeitsgrade tatsächlich eher niedriger sein, als sie angegeben sind. Ein Side-Effekt dessen, dass die Halle offenbar auch anderen recht gut behagt, ist das zeitweise recht rege Gewusel. Dieses kann dann dem Klaustrophoben zwar nicht solche Magenschmerzen bereiten, wie die engen Gassen der Altstadt zu Gebets-Stoßzeiten; es hat aber durchaus das Potenzial, die rücksichtsvolle Klettererin ihren Fokus stärker auf die Warteschlange unten richten zu lassen, als auf ihre eigentliche Aufgabe, und bereitet zugleich den umsichtig unten Wartenden in Angst vor dem drohenden Unheil von oben ähnliche Nackenschmerzen vom Raufschauen, wie sie sonst der Sicherer beim Seilklettern kennt. Ein an und für sich sehr erfreulicher Punkt, der sich in diesen Berichtsabschnitt verirrt hat, ist der mindestens monatliche Routenwechsel. Dieser wird mit einer derartigen Emsigkeit betrieben, dass bisweilen das Setzen der Routen sogar während des Betriebs vonstattengeht. Der Nichtisraeli schließlich, welcher wegen der Sicherheitskontrollen an allen Ecken und Enden der Stadt gut beraten ist, immer seinen Reisepass bei sich zu tragen, könnte das Fehlen von Schließfächern monieren.

    Vierte Seillänge: Der Rastplatz

    Ganz im Sinne einer erfolgreichen Bergtour ist auch für die nötige Erholung gesorgt. Ins Auge fällt schon beim Zahlen am Eingang der Bierzapfhahn, der den monetären Charakter der Kasse gleich entschärft und ihr gleichsam den Anschein eines Bartresens verschafft. Regelmäßige Events wie Reisevorträge samt Freibier sowie ein Wuzzeltisch sorgen für die verdiente Abwechslung nach absolviertem Training und in den Pausen, offene Wettbewerbe spornen zum Training an. Und wer bei den Verhauern außer der Orientierung sonst noch was verloren hat, ist dank unter Verschluss gehaltenem Lost and Found bestens beraten. Unterm Strich ist die höchst positive Bilanz zu ziehen, dass The Bloc schon im ersten Jahr ihres Bestandes zu einer regelrechten Institution geworden ist. In dieser Halle können Gipfelerlebnisse einer eigenen Art erkraxelt werden, und sie ist aus der kleinen, aber umso lebhafteren Kletterszene der Stadt schon jetzt nicht mehr wegzudenken – möge sie noch viele weitere Geburtstage feiern!

     

    Glossar

    Eine Seillänge stellt beim seilgesicherten Erklettern von hohen Bergwänden einen in der Regel 30-50 m hohen Abschnitt in einer Mehrseillängenroute dar, von dessen unterem und oberem Ende aus die Kletterin einer Seilschaft ihre Partnerin mit dem Kletterseil sichert.

    Bouldern bezeichnet in der Szene das Klettern in Absprunghöhe ohne Seilsicherung und stellte schon im ausgehenden 19. Jahrhundert im französischen Fontainebleau-Massiv mit seinen phantastischen Blöcken eine spezielle Disziplin dar.

    Schlüsselstellen sind die klettertechnisch anspruchsvollsten und spannendsten Stellen in einer Kletteroute.

    Verhauer stellen in einer Mehrseillängen- Kletterroute Stellen dar, an denen erfahrungsgemäß häufig die Orientierung verlorengeht.

    Mathias Krempl

    Mathias Krempl

    ist Universitätsassistent am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte, Projektmitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte (beide Universität Wien), ehrenamtlicher Ausbildner der Bergrettung (Ortsstelle Wien) und Instruktor Hochtouren (ÖAV Freistadt).
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