Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Maschek | Nr. 64 (02/2016) - Siwan 5776
  • Gettogether in the Ghetto

    War er vor etwas mehr als 70 Jahren noch das jüdische Ghetto von Budapest, ist der siebte Bezirk heute als die größte Partymeile der Stadt bekannt. Beim Flanieren ist vielen Touristen wohl kaum bewusst, wie viele Juden hier die letzten Stunden vor ihrer Deportation verbrachten.
    VON SAMUEL MAGO (TEXT)
    UND IRINA SPATARU (FOTOS)

    Wenn man es in Budapest eilig hat, greift man selbst als Student gerne auf ein Taxi zurück. Sie sind schnell und billig – vorausgesetzt man studiert und lebt nicht hier. Der Taxifahrer fragt wohin, ich sage zur Großen Synagoge. Neben Stadtführern finde ich im Sitz vor mir gleich einen Flyer für den Gozsdu Udvar, „the most popular and trendy location of the Budapest nightlife“. Direkt hinter der zweitgrößten Synagoge der Welt stehen hunderte Menschen vor heruntergekommenen Häusern Schlange, um nach ungarischer Art zu feiern. – Was hätten die jüdischen Großmütter nur über die betrunkenen Touristen gesudert.

    Ich frage den Chauffeur, ob er denn viele Kunden in das Viertel fahren würde. Er nickt entschieden, und erzählt mir, wie sehr die Touristen den billigen Palinka lieben würden, der für uns Ungarn dort ja nicht gerade billig sei. Und wissen die Leute denn eigentlich, dass dort früher das jüdische Ghetto war, frage ich ihn. Die meisten nicht, glaubt er und fügt kopfschüttelnd hinzu, was für schrecklich dunkle Zeiten das doch gewesen seien und wie sich in diesem Land noch immer nichts geändert habe. Die Menschen würden so prekär leben wie schon lange nicht mehr, Rassismus und Antisemitismus seien heute auch stärker denn je. „Meine Familie wurde auch deportiert damals“, erzählt er mir, als wäre es das Normalste auf der Welt. Wir biegen in die Dohány utca ein. Ich frage ihn, ob sie Juden waren, und er sagt nein – Roma. Wir sind bereits angekommen und trotzdem bleibe ich noch im Taxi sitzen. Er erzählt mir geschätzte zwanzig Minuten lang seine Familiengeschichte und ich ihm meine, bevor ich ihm ein westeuropäisches Trinkgeld gebe und entgeistert aus dem Wagen steige. Meine Freunde warten schon vor dem Tempel. Was für ein morbider Ort zum Feiern.

    Zwischen König und Tabak

    Schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts lebte und wirkte auf dem Grund des heutigen siebten Bezirkes die jüdisch-orthodoxe Elite Budapests – wohl nur ein Bruchteil der jüdischen Bevölkerung der Stadt. Immer mehr Juden siedelten sich zwischen der Königsgasse (Király utca) und der Tabakgasse (Dohány utca) im Herzen der ungarischen Hauptstadt an, sodass sich in diesem Stadtteil ein jüdisches Viertel bildete. In den 1850er Jahren wurde schließlich die bis dato größte Synagoge Europas und zweitgrößte der Welt erbaut. In der Tabakgasse beheimatet, wurde sie umgangssprachlich schon immer Tabaktempel genannt.

    Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten im Viertel auch zahlreiche Nicht-Juden. Erst im Jahre 1944 erklärten die Nationalsozialisten – besser gesagt die ungarischen Pfeilkreuzler – das Gebiet zum Großen Ghetto. In nur drei Monaten wurde die jüdische Bevölkerung dort auf 70.000 gedrittelt. Die meisten Juden blieben nicht lange hinter den neu errichteten Mauern des Ghettos, sondern wurden kurz nach ihrer Ankunft von dort aus in Konzentrationslager in Deutschland, Österreich und Polen deportiert. Die Mauern wurden in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Krieg Stück für Stück abgerissen.Einige Juden zogen in das Viertel zurück, die meisten Überlebenden teilten sich allerdings gleichmäßig auf die anderen Bezirke Budapests auf.

    Vom Ruin zur Ruinenbar

    Die Stadtverwaltung kümmerte sich unter sowjetischer Besatzung kaum um die Häuser, die auf dem Grund des ehemaligen Ghettos standen. Die Gegend verwahrloste langsam, die Bewohner verarmten oder zogen weg. Den Grundbesitzern waren die Häuser nicht einmal einen Abriss wert, und so standen viele Gebäude jahrelang komplett leer. Die Königsgasse hatte längst an Prunk und Pomp verloren und war alles andere als königlich, während der Tempel und die umgebenden Gassen als Touristenattraktion erhalten blieben und immer wieder restauriert wurden. Auch hatte die Große Synagoge ihre Bedeutung für die ungarischen Juden nicht verloren. Nur die Gassen zwischen König und Tabak waren, wie es schien, jedem gleichgültig geworden.

    Durch die Idee einiger Freunde sollte 2001 schließlich aus einem der heruntergekommenen Mietshäuser etwas werden, das die ungarische Partyszene vollkommen neu definieren würde. In der Kazinczy utca öffnete das Szimpla Kert als erste Ruinenbar Budapests seine Tore. Auf sie folgten dutzende weitere, und aus dem verkommenen Ghetto entwickelte sich langsam eine blühende Oase für trinkfreudige Hipster, junge Pester und allerlei Touristen. Die alten jüdischen Restaurants rückten wieder in den Vordergrund, Ateliers und kleine Museen wuchsen reihenweise aus den Häusern. Der Trick lag darin, die Mauern der alten, bürgerlichen Mietshäuser und damit auch die typische Architektur Budapests aus der Zeit der Monarchie beizubehalten, dahinter jedoch aus den Wohnungen große Räume für ein großes Publikum zu schaffen – mit großem Erfolg. Bereits nach wenigen Jahren waren die kaum beworbenen, versteckten Ruinenbars Insidertipps für Touristen in Feierlaune. Hatten die Taxis die Gassen dieser Gegend früher gemieden, stehen sie heute in ihnen Schlange.

    Ein neues Hungaricum

    Es ist Freitagabend. Die orthodoxen Juden eilen nach dem Gebet aus dem Tempel nach Hause, die angetrunkenen Hipster in die Ruinenbars dahinter. Unter Bart und Hut sind sie manchmal kaum zu unterscheiden. Noch etwas benommen vom Gespräch mit dem Taxifahrer biege ich, in Begleitung einiger Freunde, in eine lichtdurchflutete Passage ein, über deren Eingang „Gozsdu Udva“ (Gozsdu-Hof) steht. Dicht gedrängt gehen die Besucher an dutzenden Restaurants, Cafés, Ateliers und Ramschläden vorbei. Wir holen uns einen gespritzten, ungarischen Fröccs und gehen weiter in die Kazinczygasse.

    Wir reihen uns in die meterlange Schlange, die sich vor dem Szimpla auftut. Die Gebäude um uns herum haben sich seit 1945 kaum verändert. Der Putz bröckelt von den Fassaden, wenn er überhaupt noch dran ist. Einschusslöcher verzieren seit dem Krieg oder spätestens der Revolution 1956 die Mauern zahlreicher Häuser, und es riecht überall nach Kanalisation, Schweiß und Bier. Man hört kaum ein ungarisches Wort auf den Straßen und ich frage mich ständig, was diese jungen Menschen und meine Freunde dazu bringt, sich hier anzustellen.

    Doch dann kommen wir hinein und die Atmosphäre ist unvergleichbar. Am ehesten erinnern die Stimmung und die Einrichtung vielleicht noch an Kreuzberg in Berlin, doch das mitteleuropäische, Budapester Flair macht das Lokal einzigartig – und doch ist alles simpel. Vom Plafond der Ruinenbar hängt ein altes Fahrrad neben einigen verbeulten Diskokugeln, einer Gitarre und einer Bass-Drum, der für Shishas wirbt. Umgeben von Pawlatschen und kleinen Stiegenhäusern fühlt man sich wie auf einem osteuropäischen Low-Budget-Straßenfest. Kein Lampenschirm, kein Sessel, kein Barhokker und kein Tisch gleicht dem anderen. Im Innenhof steht ein roter Trabant – ein Auto, das als Wahrzeichen des Gulaschkommunismus gilt –, der zur Sitzbank umfunktioniert wurde. Die Menschen tanzen auf den Gängen des ersten Stocks genauso dicht gedrängt wie im Eingangsbereich und im Innenhof. Der Palinka ist billig und gut, die Stimmung dementsprechend.

    So morbide das Feiern auf dem Grund des ehemaligen Ghettos zunächst auch erscheinen mag, so kafkaesk und befreiend fühlt es sich schlussendlich an. Für die meisten Feiernden sind diese Häuser wohl einfach nur fantastische Locations, um etwas zu erleben, was man zu Hause nicht unbedingt erleben würde. Als junger Jude – und als ungarischer vielleicht noch mehr – feiert man hier allerdings nicht nur ausgelassen mit Freunden und Bekannten. Man feiert wohl auch die Tatsache, dass man an diesem Ort, dem Symbol des ungarischen Holocaust, heute nach 70 Jahren wieder getrost leben, lachen und feiern kann. „Do you remember?“ – dröhnt die Frage von „Earth, Wind and Fire“ aus den Verstärkern von der Decke. Wir nicken, heben unsere Gläser und sagen L’chaim.

    Samuel Mago

    Samuel Mago

    Der Linguistik-Stundent ist in Budapest geboren und hat jüdische und Roma Wurzeln. Er ist freier Journalist und engagiert sich als Roma-Aktivist im Verein Romano Centro.
    Samuel Mago

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