Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Sebastian Kurz | Nr. 57 (3/2014) - Elul 5774 / Tischri 5775
  • Gemeinsam gegen Brundibár

    Nach dem Attentat auf das Jüdische Museum in Brüssel haben sich moslemische Intellektuelle und Künstler getroffen, um den terroristischen Akt auf das Schärfste zu verurteilen und sich dann spontan entschlossen, ein Zeichen gegen den Terrorismus zu setzen.
    VON FRANZ A. PICHLER

    Wunsch der islamischen Terroristen ist es, ganz Europa in Angst und Schrecken zu versetzen. Das imaginäre Kalifat des „Islamischen Staates“ wirft seinen Schatten auf uns. Vor Jahren haben wir noch über einen Assistenten der „Freien Universität Brüssel“ den Kopf geschüttelt, als dieser sich in einer öffentlichen Veranstaltung für „Sharia4Belgium“, also die Einführung der Scharia in Belgien einsetzte.

    All das geht mir durch den Kopf, als ich vor dem verschlossenen Jüdischen Museum in Brüssel stehe, über das ich vor einem Jahr in NU berichtet habe. Seit kurzem macht ein Polizist vor dem Gebäude Dienst. Keine Blumen vor dem Gebäude, die sonst so belebte Straße wirkt wie ausgestorben. Erst wenn die Auslieferung des algerisch-französischen Täters nach Belgien erfolgt und eine Rekonstruktion der Tat vor Ort ermöglicht, wird das Museum wieder seine Tore öffnen.

    Mein alter Bekannter Samir
    Zum Glück habe ich rechtzeitig eine Verabredung getroffen, um über die Kontakte zwischen der arabischen und der jüdischen Gemeinschaft in Brüssel zu sprechen: Mein alter Bekannter heißt Samir Bendiramed, er ist Musiker und Mozart-Fan. Ich habe ihn anlässlich einer von ihm geleiteten Opernaufführung in einer der bevölkerungsreichsten Gemeinden von Brüssel, in Moolenbeek, kennengelernt. In der Zwischenkriegszeit lebten dort jüdische Einwanderer, heute werden die abgewohnten Räume von Einwanderern aus Nordafrika, vor allem aus Marokko und Algerien, besiedelt.

    Samir ist belgischer Staatsbürger mit algerisch-marokkanischen Wurzeln. Er ist in Algerien mit der auch heute noch typischen andalusischen Musik aufgewachsen, die auf das von Mauren, Juden und Christen bevölkerte Spanien des ausgehenden Mittelalters zurückgeht. Bereits 2005 hat Samir unter dem Titel Musica universalis ein Konzert mit jüdischer und arabischer Musik veranstaltet. Als Schlusspunkt für das Programm, an dem auch Mitarbeiter des Jüdischen Museums mitwirkten, hatte Samir die Krönungsmesse von Wolfgang Amadeus Mozart gewählt.

    Heute arbeitet er unter anderem an einem von der Europäischen Kommission geförderten Projekt, das in drei europäischen Städten – Liverpool, Pisa und Brüssel – das Thema der West Side Story neu aufgreifen und dieses mit Einwanderkindern zur Aufführung bringen wird.

    Kurze Zeit nach dem Attentat auf das Jüdische Museum hatten sich moslemische Intellektuelle und Künstler aus Belgien und Frankreich zusammengefunden, um den terroristische Akt scharf zu verurteilen. Was tun gegen diesen Terrorismus, der die moslemischen Gemeinden in ganz Europa diskreditiert? Samir und seine Freunde haben sich dann spontan entschlossen, ein Zeichen zu setzen. Sie wollen mit Kindern in den Schulen von Moolenbeek, die vorwiegend von arabischen Einwanderern besucht werden, die Kinderoper Brundibár zur Aufführung bringen.

    Kinderoper „Brundibár“ im Kampf gegen den Terrorismus
    Organisatorisch betreut wird das Projekt vom Maghrebinischen Forum („Espace Magh“) in Brüssel, das regelmäßig kulturelle Veranstaltungen für die Bewohner dieses Stadtviertels anbietet. Der Leiter des „Espace Magh“, Najib Ghallale, spricht neben Arabisch und Französisch auch Hebräisch. Die Mitglieder sind Einwanderer aus dem Maghreb, darunter auch maghrebinische Juden, die großteils Mitglieder der UPJB (Union Progressiste Juive de la Belgique) sind. Die Schulkinder sollen zuerst mit der Geschichte der Kinderoper und natürlich mit den Ereignissen im KZ Theresienstadt vertraut gemacht werden: Brundibár war vom tschechischen Musiker Hans Krása ursprünglich 1938/39 für einen Wettbewerb konzipiert worden, konnte das Werk dann jedoch wegen des Einmarsches der Wehrmacht nicht mehr realisieren. Erst 1943 konnte der Komponist seine Oper aufführen, allerdings unter den erschreckenden Bedingungen des KZ Theresienstadt, wo er interniert war. Das KZ bestand ab 1940 im ehemaligen österreichisch-ungarischen Militärlager in Theresienstadt. Es beherbergte insgesamt 140.000 Deportierte, von denen 100.000 in Auschwitz ermordet wurden. Die mitwirkenden Kinder und Familienangehörigen verschwanden laufend, insgesamt haben nur vier Kinder das Lager überlebt. Kinderzeichnungen von damals veranschaulichen das Lagerleben. Es gelang der Propaganda-Abteilung der Nazis jedoch, die Vertreter des Roten Kreuzes bei einem Kontrollbesuch zu täuschen, indem sie das Lager kurzfristig zum Ferienidyll stilisierten, nachdem sie vorher alte und kranke Menschen in andere Vernichtungslager deportiert hatten. Im Propagandafilm Theresienstadt wurde ein Ausschnitt aus der Oper gezeigt, kurz nach der Aufführung wurden jedoch die Mitwirkenden sowie der Komponist Hans Krása ebenfalls deportiert und ermordet.

    Die Oper handelt von zwei Kindern, Annette und dem kleinen Joe, die den Vater verloren haben und nun für die kranke Mutter sorgen müssen. Die bettelarmen Kinder versuchen durch ihren Gesang auf der Straße Geld zu verdienen. Aber der Leierkastenmann Brundibár vertreibt sie. Schließlich gelingt es den herbeigeeilten Kindern aus der Nachbarschaft mit Hilfe von drei Tieren den bösen Mann zu verjagen. Die Handlung ist auch eine Anspielung auf die Nazis, die durch gemeinsames Handeln vertrieben werden sollten.

    Soziale Lage der arabischen Einwanderer
    Angesichts der explosiven Situation im Nahen Osten und der Schwierigkeiten der arabischen Einwanderer wünscht sich Samir, dass die Musik Grenzen überwinden möge, wo Politiker und Diplomaten scheitern. Zur sozialen Lage der arabischen Einwanderer in Brüssel meint Samir, dass diese Einwanderer, auch wenn sie ihre Bildung und Qualifikationen mit Diplomen nachweisen können, mit zahlreichen Benachteiligungen rechnen müssen. Um den einheimischen Arbeitsmarkt zu schützen, wird in Brüssel neben Französisch auch die Beherrschung der flämischen Sprache verlangt, was von den jungen Einwanderern nur selten erfüllt wird. Die jungen Einwanderer fühlen sich oft als Opfer, auch wenn es einigen gelingt, sich aus ihrer schwierigen Lage zu befreien: Die zahlreichen Gemeindepolitiker arabischer Herkunft legen davon ein beredtes Zeugnis ab.

    Der Brüsseler Musiker Samir Bendiramed versucht mit Hilfe der Musik Brücken über die Gräben zu bauen, die sich vor allem zwischen den jüdischen und arabischen Einwohnern von Brüssel aufgetan haben. Nichts hält Samir dagegen vom Einsatz der Staatsgewalt als Reaktion auf das Attentat. So ist Samirs abschließende Bemerkung zu verstehen, als er erzählt, dass der weit rechts stehende flämische Bürgermeister von Antwerpen, Bart de Wever, der jüdischen Gemeinde seiner Stadt Schutz durch das Militär angeboten habe. Die angesehenen jüdischen Bewohner Antwerpens haben diesen Vorschlag dankend abgelehnt.

    Franz Pichler

    Franz Pichler

    Langjähriger Beamter im Wissenschafts- und Außenministerium, lebt derzeit in Wien.
    Franz Pichler

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