Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Rezension
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Gefangen im Teufelskreis

    Die US-amerikanische Historikerin Ilana Fritz Offenberger hat eine umfangreiche Studie zur Lage der Wiener jüdischen Bevölkerung und der Arbeit der IKG in den Jahren der Naziherrschaft vorgelegt.
    VON VERA RIBARICH

    Ilana Fritz Offenberger, Historikerin an der University of Massachusetts, Dartmouth, USA, kam ursprünglich über die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte zum Thema ihres Buches, als sie 1998 bei einem Wienbesuch im Staatsarchiv die „Arisierungs“-Papiere für jenes Wohnhaus fand, das ihr Urgroßvater Heinrich Offenberg im dritten Bezirk besessen hatte. Nun, fast 20 Jahre später, ist in der Reihe „Palgrave Studies in the History of Genocide“ ihre Studie The Jews of Nazi Vienna, 1938–1945: Rescue and Destruction erschienen.

    Das Anliegen ihres Buches, dem umfassende wissenschaftliche Recherchen auch vor Ort in Wien zugrunde liegen, ist zum einen, das Alltagsleben der Wiener Jüdinnen und Juden in den Jahren zu beschreiben, die dem Genozid vorangingen. Offenberger setzt sich intensiv und anhand vieler Zeitzeugnisse mit den Wochen des „Anschluss“-Pogroms auseinander, beschreibt detailliert die psychischen Folgen des Straßenterrors und der ersten Verhaftungswellen und Transporte nach Dachau.

    Beraubung und Vertreibung

    Einen großen Teil des Buches nimmt die als Folge der Entrechtung und Entmenschlichung eintretende Fluchtbewegung ein. Die bürokratische Mechanik der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“, die das in Wien erstmals in dieser Form angewandte „System Eichmann“ der Beraubung und Vertreibung umsetzte, wird detailreich und auch für nicht einschlägig vorgebildete Leser nachvollziehbar dargestellt. So macht die Autorin unter anderem deutlich, warum so viele Familien, der Logik der vielen bürokratischen Hürden – Visa, Genehmigungen, Bescheinigungen, Quoten – folgend, nicht gemeinsam die Stadt verließen und zerrissen wurden. Auch der Bedeutung der Unterstützungskomitees im Ausland widmet Offenberger Raum.

    Vor allem aber beschreibt sie präzise die unentrinnbare Rolle, die der IKG in diesem System zufiel. In diesem Zusammenhang verweist die Autorin mehrfach auf Doron Rabinovicis Studie Instanzen der Ohnmacht und zeigt eindringlich auf, in welchem Teufelskreis die IKG in ihrem Bemühen um die Rettung möglichst vieler jüdischer Menschen gefangen war. „Rescue“ – das war die Rettung von etwa zwei Dritteln der jüdischen Bevölkerung Wiens –, doch ihr steht „Destruction“ – die Vernichtung so vieler anderer – gegenüber, wie es im Untertitel des Buches heißt.

    Offenberger diskutiert die ethischen Implikationen der Kooperation der IKG mit den Herrschern und kommt zum Schluss: „The question of how and why … the Jewish leaders handled their situation as they did … is complex and subjective, but does not substantiate moral judgment.“

    Wichtig ist ihr auch, die Vorstellung zurechtzurücken, Jüdinnen und Juden seien nur passive Opfer gewesen. Im Vorwort heißt es dazu programmatisch: „The Jews of Nazi Vienna, 1938– 1945: Rescue and Destruction washes away that image. It documents the resilience of the Jews; their struggle to survive on a daily basis … and it illuminates previously unrecognized or unacknowledged acts of resistance, persistence and rescue.“

     

    Ilana Fritz Offenberger
    The Jews of Nazi Vienna, 1938–1945: Rescue and Destruction
    Palgrave Macmillan, 2017
    321 Seiten, EUR 106,99

    Vera Ribarich

    Vera Ribarich

    ist freischaffende Übersetzerin, Dolmetscherin und Lektorin in Wien.
    Vera Ribarich

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