Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Jenö Eisenberger | Nr. 11 (1/2003) - Nissan 5763
  • Gedächtnisforschung und Erinnerung

    Der 73-jähringe Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel verweigerte eine Ehrung des offiziellen |Österreich. Stattdessen initiierte er ein Symposion zum Thema “Österreich und Nationalsozialismus” und diskutierte im Jüdischen Museum.
    Von Werner Hanak

    Das Auditorium des Jüdischen Museums war trotz des Streiks an diesem 3. Juni 2003 übervoll. Zahlreiche Ärzte, Psychoanalytiker und Therapeuten waren gekommen, um den Nobelpreisträger Eric Kandel in seiner GeburtsstadtWien sprechen zu hören. Jenen Eric Kandel, dessen erklärte Lebensaufgabe die Erforschung der biologischen Grundlage von Lernen, Erinnern und Gedächtnis ist. Kandel schaffte seinen wissenschaftlichen Durchbruch mithilfe der Meeresschnecke Aplysia, einem Lebewesen, das mit seinem einfachen Nervensystem besonders gut für die Erforschung des Lernverhaltens und der Gedächtnisbildung auf molekularer Ebene geeignet ist. Mithilfe umfangreicher Versuchsreihen konnte er mit seinem Team die Mechanismen erhellen, die die Grundlagen der Lernprozesse bilden. Seine Erkenntnisse waren wesentlich für das Verstehen der Funktionen des menschlichen Gehirns.

    Dass seine eigenen, dramatischen Kindheitserinnerungen jedoch der Auslöser für seine Gedächtnisforschungen war, beschreibt er in seiner Autobiografie: „Mein letztes Jahr in Wien war ein wichtiger Faktor für mein ausgeprägtes Interesse am Mechanismus der Erinnerung. Ich bin, wie viele andere, überrascht, wie tief sich die traumatischen Erlebnisse meiner Kindheit in meine Erinnerung eingebrannt haben.”

    Der am 7. November 1929 in Wien geborene Eric Kandel wird als 10-Jähriger aus Österreich vertrieben. Heute sagt er: „Die Wiener waren die Schlimmsten, keiner, wirklich keiner hat uns hier geholfen. Nicht einmal die Kinder aus meiner Klasse sprachen mehr mit mir.” Das Trauma, ausgeschlossen und verfolgt zu sein, verfolgt ihn selbst noch in New York, wo er 1939 ankommt. In der ersten Schule, die er in Brooklyn nach seiner Ankunft besucht, sind zwar hauptsächlich jüdische Kinder. Doch da die meisten von ihnen blond und nach Nazidiktion „arisch” aussehen, wird er so unsicher, dass er beschließt, über den Sommer mit seinem Großvater Hebräisch zu üben, um im Herbst in die Jeschiwa in Flatbush einzutreten. Erst dort beginnt er sich wohl zu fühlen und hier beginnt auch seine amerikanische Karriere, die ihn dann über ein Literaturstudium am Harvard College und ein Studium der Psychoanalyse an der Medical School an der New York University zur Gründung des Center for Neurobiology and Behavior an der Columbia University führen wird.

    Kandels Beziehung zu Österreich bleibt gespannt. Als er im Jahr 2000 gemeinsam mit zwei Forscherkollegen den Nobelpreis erhält, fragt Bundespräsident Thomas Klestil bei ihm an, wie er ihn denn von österreichischer Seite ehren könnte. Kandel, ein durch und durch kreativer und produktiver Mann, lehnt eine offizielle Ehrung ab und schlägt stattdessen ein Symposium vor. Titel: „Österreich und der Nationalsozialismus – die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung.” Dieses fand schließlich Anfang Juni an der Wiener Universität statt.

    Vom offiziellen Österreich will Kandel auch heute nicht vereinnahmt werden, das betont er immer wieder: „Mein Nobelpreis ist kein österreichischer”, sagt Kandel, „er ist ein amerikanischer. Ein amerikanisch-jüdischer.” Doch auch ein amerikanisch-jüdischer Nobelpreisträger fühlt sich nicht berufen, auf alle Fragen auch Antworten zu wissen. Bei der Diskussion im Jüdischen Museum erzählt er folgende Geschichte: „Als ich eine Woche nach der Nobelpreisbekanntgabe einen Vortrag über meine wissenschaftliche Arbeit in Italien hielt, fragt in der anschließenden Diskussion ein Mann: ,Und was ist mit dem Palästinenserproblem?’ – Sie sehen also”, sagt Kandel, „es ist ganz normal, dass man als Nobelpreisträger alles Mögliche gefragt wird, aber wir sind nur für das Gebiet ausgezeichnet, auf dem wir geforscht haben.”

    Werner Hanak-Lettner

    Werner Hanak-Lettner

    Chefkurator am Jüdischen Museum Wien mit großer Liebe zur Musik, insbesondere zum Sound des 18.-21. Jahrhunderts. Kuratierte sowohl "quasi una fantasia. Juden und die Musikstadt Wien" als auch die Mozartwohnung und das Haydnhaus in Wien.
    Werner Hanak-Lettner

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