Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Für eine moderne jüdische Identität

    VON MARTIN ENGELBERG

    Bekanntlich stehen im Herbst Neuwahlen in Österreich an. Das bedeutet – sogenannte – gute und schlechte Nachrichten für die jüdische Gemeinschaft. Die wichtigste gute Nachricht ist: Mit Christian Kern oder Sebastian Kurz haben zwei Persönlichkeiten die besten Chancen, Bundeskanzler zu werden, deren Sympathie für die jüdische Community und für den Staat Israel unbestritten ist. Irritieren wird jedoch wohl so manches Gemeindemitglied die Tatsache, dass die FPÖ mit einer hohen Wahrscheinlichkeit Teil der nächsten Regierung sein wird. Egal, ob unter einem Bundeskanzler Kern oder Kurz.

    Möglicherweise kommt in dieser Frage der jüdischen Gemeinde und Israel eine gewisse Bedeutung zu. Dabei könnte sich die Gemeindeführung in den zu erwartenden, nationalen und internationalen Chor der Empörten einreihen und gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ protestieren und lobbyieren. Die Situation wird sich jedoch grundsätzlich von der Zeit der schwarz-blauen Regierung unterscheiden. Einerseits wird die Aufregung bei weitem nicht so groß sein wie im Jahr 2000. Außerdem könnte die SPÖ ebenso gut wie die Liste Kurz/ Volkspartei mit den Freiheitlichen koalieren.

    Es befände sich also in jedem Fall ein beträchtlicher Teil der Gemeindemitglieder in Erklärungsnotstand, warum denn eine Koalition der FPÖ mit der jeweils anderen Partei jetzt so verwerflich sein soll. Aber es gäbe sicher eine sehr lautstarke Lobby in der Gemeinde, die heftig gegen eine Regierungsbeteiligung der FPÖ protestieren würde – egal, ob unter den Sozialdemokraten oder unter Sebastian Kurz und seiner Liste. Es wird also keine leichte Aufgabe für die Gemeindeführung. Noch dazu angesichts der im November anstehenden Kultusgemeinde- Wahlen. Man wird hier keine einzige Stimme verlieren wollen, geht es doch auch in der Kultusgemeinde möglicherweise um neue Mehrheiten bei der Wahl der zukünftigen Präsidentschaft.

    Die Option einer aktiveren, gestaltenden politischen Beteiligung der jüdischen Gemeinde ist aufgrund der Haltung und der Möglichkeiten der derzeitigen Führung nicht zu erwarten und auch gar nicht angeraten.

    Für jüdische Menschen, die sich als Teil der österreichischen Zivilgesellschaft sehen, sollte es jedoch als Individuen bei dieser Wahl einen besonderen Anreiz geben, sich einzubringen. Schließlich hat die bevorstehende Nationalratswahl das Potenzial, besonders spannend zu werden. Höchstwahrscheinlich wird es ein sogenannter Richtungswahlkampf. Es wird um die wichtigsten wirtschaftsund gesellschaftspolitischen Fragen zur Zukunft Österreichs gehen: um die Höhe der Steuern und Abgaben, der Pensionen, um die Liberalisierung oder Nicht-Liberalisierung vieler Märkte, eine Reform des Bildungssystems und vieles mehr. Aber auch und nicht zuletzt um die Flüchtlingsfrage und das Thema der Integration.

    Diese Wahl böte also für jüdische Menschen in Österreich eine besonders interessante Gelegenheit, sich politisch zu engagieren. Im Rahmen der Definition einer modernen jüdischen Identität ginge es gar nicht mehr um die Fokussierung auf das Thema Antisemitismus und ein Aufschreien bei tatsächlichen oder vermeintlichen antisemitischen Vorfällen. Die jüdische Tradition hat so viel mehr zu bieten: bewährte und realistische ethische Grundsätze, ein hohes Maß an Intellektualität und Klugheit, die Fähigkeit zu differenzieren, Lebensfreude und Witz und vieles mehr. Die jüdische Gemeinde Wien kann wunderbare Beispiele gelungener Integration vorweisen. Zuerst die Generation der Schoa-Überlebenden, die sich hier in den Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem Nichts wieder eine lebendige und erfolgreiche Existenz erschufen. Dann die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die sich inzwischen ebenfalls bestens integriert haben, die Handwerker oder erfolgreiche Geschäftsleute wurden und deren gut ausgebildete Kinder und Enkelkinder inzwischen zunehmend auch akademische Berufe ergreifen.

    Diese Tugenden im gesamtösterreichischen Kontext einzubringen wäre ein großartiger Entwicklungsschritt für die jüdische Gemeinschaft, den es mit aller Kraft zu unterstützen gilt.

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.
    Martin Engelberg

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