Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Interview
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  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Frau Ministerin Tausendsassa

    Eine Ministerin mit enormem Fachwissen, politischem Verstand, hervorragenden Sprachkenntnissen und stets freundlichem Auftreten. Peter Menasse hat ein Gespräch mit Pamela Rendi-Wagner, der Ressortchefin für Gesundheit und Frauen, geführt.
    FOTOS: MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER

     

    NU: Beim Empfang zum israelischen Unabhängigkeitstag haben Sie Ihre Rede in Iwrit begonnen, bevor Sie ins Englische und dann ins Deutsche gewechselt sind. Wie gut haben Sie die Sprache denn während Ihrer Zeit in Israel erlernt?

    Rendi-Wagner: Mein Mann und ich haben fast ein halbes Jahr vor seinem Antritt als österreichischer Botschafter in Israel im November 2007 mit Hebräisch-Stunden begonnen. Da haben wir drei bis vier Mal die Woche vor der Arbeit Unterricht genommen, um dann in Israel von Anfang an ein paar Worte sprechen zu können. Dort angekommen haben wir das an den Wochenenden fortgesetzt. Insgesamt habe ich fast vier Jahre lang meine Hebräisch-Stunden absolviert, aber zum flüssigen Sprechen im Alltag bin ich nie wirklich gekommen. Das liegt wohl daran, dass wir dort meist von der englischsprachigen diplomatischen Community umgeben waren und dann auch an der Uni Englisch die Alltagssprache war. Selbst dort, wo wir gewohnt haben, gab es viele Israeli, die sehr gut Englisch konnten.

    Sie haben bei diesem Empfang, der im Semperdepot stattgefunden hat, einen medizinischen Einsatz geleistet. Wie kam das?

    Kurz nach den Reden, gerade als das Buffet eröffnet wurde und die Botschafterin und ich noch fotografiert wurden, ist es passiert. Ich habe plötzlich schräg hinter mir eine ältere Dame liegen gesehen und bin im verinnerlichten medizinischen Reflex sofort hingeeilt. Ein zufällig anwesender Sanitäter und ich haben Erste Hilfe geleistet. Wir konnten die Frau stabilisieren und der Rettung übergeben. Ich habe inzwischen mit der Frau korrespondiert, auch mit ihrer Tochter und ihrer Enkeltochter. Es geht ihr besser, aber sie ist altersentsprechend nach diesem Vorfall noch schwach und befindet sich derzeit in Rehabilitation.

    Sie haben seit Ihrer Promotion vor etwas mehr als zwanzig Jahren als Forscherin gearbeitet, waren Universitätsprofessorin, Frau des Botschafters, Spitzenbeamtin und sind jetzt Ministerin. Das sind vermutlich alles spannende Jobs, aber welcher ist der spannendste?

    Alles war gut zur richtigen Zeit. Mir geht heute keine der früheren Tätigkeiten ab. Es war immer alles zu dem Zeitpunkt richtig, als es stattgefunden hat. Retrospektiv gesehen war alles spannend – und wer weiß, was die Zukunft noch bringen wird.

    Sie werden möglicherweise nur knapp ein Jahr Bundesministerin gewesen sein. War es ein Fehler, sich trotz des Risikos berufen zu lassen?

    Diese Entscheidung war auch von den Emotionen rund um das Ableben meiner Vorgängerin Sabine Oberhauser beeinflusst. Das war keine einfache Situation. Aber, was die rein fachliche und sachliche Seite dieser Entscheidung betrifft, so war es für mich schon klar, dass ich das gerne machen will. Die Themen aus dem Gesundheitsbereich sind dieselben, mit denen ich als Beamtin gearbeitet, die ich zum Teil selbst initiiert habe. Wenn man dann die Chance nicht annimmt, diese Dinge politisch umzusetzen, dann würde das so sein, als ob man vor der Ziellinie Halt macht. Aus dieser Ambition heraus habe ich letztendlich entschieden, wobei mir auch nicht viel Zeit blieb. Ich hatte genau 24 Stunden Zeit zu überlegen und die Frage mit meiner Familie zu besprechen. Mein Mann war klar dafür, die Kinder eher skeptisch, aber wir haben uns dann eben auf ein Ja geeinigt.

    Sie haben zwei Töchter?

    Ja, eine davon ist in Israel geboren. Damit ist sie eine Zabarit, das heißt zu Deutsch Kaktus. So werden Menschen genannt, die in Israel geboren worden sind.

    Sie haben beide anspruchsvolle Berufe, Sie als Ministerin und ihr Mann, der aktuell Kabinettchef bei Bundesminister Thomas Drozda ist. Wir funktioniert denn da das Familienmanagement?

    Einfach ist bei uns kein Tag. Es geht aber durch partnerschaftliches Zusammenarbeiten. Wir planen gemeinsam jeden Tag durch. Nichtsdestoweniger braucht es aber auch systemische Rahmenbedingungen. Ich bin da sicher in einer besonderen Situation, die nicht mit der von vielen anderen Frauen vergleichbar ist. Deswegen ist es mir als für Frauenfragen zuständige Ministerin wichtig, die ganztägige Kinderbetreuung in Österreich auszubauen und zu verbessern, damit sich Frauen mit gutem Gewissen für eine Karriere entscheiden können, ohne dass es zu Lasten der Kinder geht. Heute gibt es in Österreich noch große regionale Unterschiede. In manchen Landesteilen sind die Kindergärten im Sommer zwei Monate lang geschlossen oder sperren generell um 13 Uhr. Da kann keine Mutter wirklich einem Beruf nachgehen.

    Noch einmal zurück zu Israel. Sind Ihnen aus Ihrer Zeit dort persönliche Kontakte geblieben?

    Ja natürlich, sowohl berufliche als auch private. Das war doch eine lange Zeit. Ich habe dort nicht nur die Aufgaben als Frau des Botschafters wahrgenommen, sondern auch mein eigenes berufliches Leben geführt. Ich konnte an der Universität Tel Aviv arbeiten. Schon, bevor wir nach Israel gingen, habe ich über die Wissenschafts-Community Kontakte zu den Institutionen gesucht, um meine Berufsoptionen auszuloten. Am Ende hatte ich fünf konkrete Berufsangebote in Jerusalem, in Tel Aviv und vom Weizmann-Institut. Das war ein schönes Willkommen aus der israelischen Berufswelt. Ich habe mich dann für die Tel Aviv Universität entschieden.

    Israel ist in vielen Wissenschaftsbereichen sehr avanciert. Wie ist das in Ihrem Fachgebiet, der Medizin und speziell der Immunologie und Tropenmedizin?

    Ich habe Israel, was den medizinischen Sektor betrifft, als wirklich fortschrittlich empfunden, auch was die Versorgung der Patientinnen und Patienten betrifft. Ich habe dort ein Kind zur Welt gebracht und, wie das mit kleinen Kindern so ist, auch immer wieder Mal ärztliche Betreuung gebraucht. Das war vom Niveau der Versorgung her immer auf hohem Standard, ähnlich wie in Österreich. In manchen Bereichen der Wissenschaften ist man Österreich sogar überlegen. Auf dem Gebiet der Epidemiologie, also dort, wo es um die Erforschung der Verbreitung von Infektionskrankheiten und deren Bekämpfung geht, ist man zum Teil weiter, als wir hier in Österreich. Da konnte ich mich in Israel wissenschaftlich gut entfalten und Erfahrungen mitnehmen.

    Sie haben soeben einen Gesetzesvorschlag vorgelegt, der die Ehe von gleichgeschlechtlichen Partnern ermöglichen soll. Ist es nicht so, dass da bei Ihrem Koalitionspartner die junge, jetzt bestimmende Fraktion einen sehr alten Standpunkt einnimmt?

    Ich habe diesen Vorschlag in meiner Rolle als Frauen- und Gleichstellungsministerin vorgelegt. Bundeskanzler Christian Kern hat sich schon mehrfach für die „Ehe für alle“ stark gemacht. Die SPÖ hat hier in den letzten Jahren zwar einiges erreicht, zuletzt die Öffnung der Standesämter, aber der letzte Schritt, jener der kompletten Gleichstellung ist noch nicht getan. Die legistische Zuständigkeit liegt an sich bei Justizminister Wolfgang Brandstetter. Von ihm kam aber keine Initiative, woraufhin wir uns jetzt entschlossen haben, einen Gesetzesentwurf vorzulegen, den wir dem Justizminister und dem ÖVP-Obmann Sebastian Kurz übermittelt und das auch öffentlich verkündet haben. Die Zeit ist reif, die Diskriminierung zu beenden. Was die Strömungen in der ÖVP betrifft, konnte man in den letzten Monaten registrieren, dass es so viele Gruppierungen gibt, dass man sie nicht mehr wirklich einordnen kann. Schauen wir mal, welchen Weg die neue ÖVP in dieser Frage beschreiten wird.

    Das Gesundheitssystem ist sehr komplex. Lassen sich da überhaupt sinnvolle Kompromisse denken – bei so vielen Playern und so vielen unterschiedlichen Interessen?

    In meiner Zeit, in diesen drei Monaten, bevor die ÖVP die Koalition für beendet erklärt hat, konnten wir viel erreichen. Wir haben sieben Gesetze in dieser kurzen Zeit umgesetzt, das ist schon ein Erfolg. Ich höre aber auch jetzt nicht auf weiterzuarbeiten. Wir verhandeln noch weiter zu wichtigen Weichenstellungen für das österreichische Gesundheitssystem, wie zum Beispiel den Ausbau der regionalen Gesundheitszentren „Primärversorgung neu“. Wir können jetzt nicht einfach eine Stopptaste drücken, nur weil wir in einigen Monaten Neuwahlen haben.

    Würden Sie auch in einer Koalition Ihrer Partei mit der FPÖ als Regierungsmitglied zur Verfügung stehen?

    Diese Frage wird oft gestellt, aber es gibt richtige Zeitpunkte, um solche Fragen zu beantworten. Und dieser Zeitpunkt ist jetzt nicht gegeben.

    Glauben Sie, dass Österreich ein Mediator in Nahost-Friedensgesprächen sein könnte? Wäre heute eine Initiative im Geiste Kreiskys möglich?

    Außenpolitik ist nicht mein Fachgebiet, da kann ich nur meine private Meinung dazu sagen. Die Rahmenbedingungen haben sich seit der Zeit von Bruno Kreisky grundlegend verändert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Rolle Österreichs bei der Friedensvermittlung wie zu seinen Zeiten vorstellbar ist. Das soll aber nicht heißen, dass Österreich keine proaktive Rolle im Rahmen von Initiativen der Außenpolitik der Europäischen Union spielen könnte.

    Meine vier Jahre in Israel haben mir gezeigt, wie dringend notwendig eine Friedenslösung ist. Auch wenn man eine skeptische Haltung zur Siedlungspolitik einnimmt, muss man wissen, dass man diese Politik nicht über einen Kamm scheren kann. Gerade in den israelischen Kontexten muss man immer genau hinschauen und die Umstände sehr differenziert betrachten.

    In der SPÖ gibt es sehr israelkritische Positionen. Viele von uns Juden meinen, dass hier versteckter Antisemitismus im Spiel ist. Gibt es interne Diskussionen in der Partei, an denen Sie sich auch beteiligen?

    Ich kann Ihnen klar sagen, dass ich solche angeblichen Strömungen nicht verspüre und vernehme. Für mich ist die Haltung der sozialdemokratischen Partei durch den jüngsten Besuch von Bundeskanzler Kern in Israel sehr gut dargestellt. Er hat klare Worte über die Rolle Österreichs in der Shoa gefunden, und er war auch als einziger ausländischer Staatsmann bei der Gedenkfeier in Yad Vashem. Wir haben eine besondere Verantwortung, was Israel betrifft, und das spielt in unserer bilateralen Beziehung zu Israel auch eine große Rolle.

    Wenn Sie zehn Jahre nach vorne schauen, wo wollen Sie dann sein, was wollen Sie dann sein?

    Hmmm. Wo ich sein will? Ich setze mich lieber mit dem Hier und Jetzt auseinander. Wir können die Zukunft nur zu einem Teil gestalten. Wenn mich jemand vor zehn Jahren, als wir nach Israel gegangen sind, gefragt hätte, was ich einmal machen wollte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass ich Ministerin für Gesundheit und Frauen werden würde. Diese Wege und Optionen, die sich zwischenzeitlich aufgetan haben, konnte ich damals einfach nicht kennen. Ich bin für die Zukunft offen. Wenn eine Türe aufgeht und es scheint dort der richtige Weg zu beginnen, dann soll man durchgehen. Ich möchte in zehn Jahren jedenfalls genau so viel Freude an meinem Job haben, wie an dem jetzigen.

     

    Pamela Rendi-Wagner wurde im März 2017 zur Bundesministerin für Gesundheit und Frauen berufen. Die Wissenschaftlerin hat 1996 in Wien promoviert und wechselte dann an die „London School of Hygiene and Tropical Medicine“, wo sie ein Masterstudium absolvierte und ein klinisches Diplom in Tropenmedizin erwarb. Sie kehrte 1998 als Universitätsassistentin nach Wien zurück, wo sie sich 2008 mit dem Thema „Prävention durch Impfungen“ habilitierte.

    Anschließend war sie in den Bereichen Infektionsepidemiologie, Vakzinprävention und Reisemedizin tätig. In einer ihrer Forschungsarbeiten wies sie nach, dass ein Intervall von drei Jahren für die Zeckenschutzimpfung nicht notwendig ist, sondern dass Folgeimpfungen alle fünf Jahre ausreichen.

    Pamela Rendi-Wagners Mann Michael Rendi wurde 2008 zum österreichischen Botschafter in Israel ernannt (siehe dazu NU 35 vom Jänner 2009). Rendi-Wagner arbeitete in dieser Zeit als Gastprofessorin im „Department of Epidemiology and Preventive Medicine“ an der Tel Aviv University.

    Im März 2011 wurde sie zur Leiterin der Sektion III für Öffentliche Gesundheit und medizinische Angelegenheiten berufen. Sechs Jahre später folgte schließlich die Ernennung zur Ministerin.

    Pamela Rendi-Wagner und Michael Rendi haben zwei Töchter.

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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