Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Franz Jossele im heiligen Land

    Von den Spuren der Habsburger in Jerusalem.
    VON FERDINAND ALTENBURG

     

    Neben dem 100. Todestag von Kaiser Franz Joseph I. jährt sich heuer, 2016, auch die Grundsteinlegung des Österreichisch- ungarischen Pilgerhauses in Jerusalem zum 160. Mal. Mit dem heutigen Österreichischen Hospiz verbunden ist eine weitgehend in Vergessenheit geratene, nicht zu unterschätzende Beziehung: die der Habsburgermonarchie zum Heiligen Land.

    Erste Initiativen

    An der Isolation Palästinas seit den Kreuzzügen hatte sich auch seit der Zerschlagung des Mamelukenreiches durch die Osmanen und die folgende Eroberung der Region 1516 kaum etwas geändert. Erst der Frieden von Zitvatorok 1606 zwischen dem Heiligen Römischen und dem Osmanischen Reich, der einen fast 17-jährigen Konflikt beenden sollte, öffnete ein Stück weit die Tür zum Orient. Dieser Annäherung ist es zu verdanken, dass 1615 ein Handelsabkommen zwischen Österreich und dem Osmanischen Reich zustande kam. Es folgte die Gründung der Ersten Österreichischen Orientkompagnie, deren Verdienste allerdings nie an jene ihrer britischen und holländischen Vorbilder herankommen sollte.

    Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges und der Gegenreformation gelangte nun auch Jerusalem wieder in die Wahrnehmung des christlichen Abendlandes, und so kam es, dass in Wien und anderen europäischen Städten Generalkommissariate des Heiligen Landes eröffnet wurden, die es sich zur Aufgabe machten, für die Instandhaltung und Renovierung der heiligen Stätten durch Franziskanermönche Spenden zu sammeln.

    Diesem unbeholfenen Stolpern gen Osten wurde allerdings mit dem zweiten Türkenkrieg ein jähes Ende gesetzt.

    Die Orientalische Frage

    Erst mit dieser Krise im Jahr 1840 erfuhr die Region Palästina jenen Wandel zur modernen Bühne westlicher Großmächte, auf der es sich zu behaupten galt – sowohl in imperialen als auch religionspolitischen Angelegenheiten: eine Ausgangslage, der sich auch das heutige Israel nicht entziehen konnte.

    Muhammad Ali Pascha, Gouverneur des osmanisch beherrschten Ägypten, nützte den zunehmenden Machtverfall am Bosporus, sagte sich los von Sultan und Großwesir und marschierte mit seinen Truppen nach Norden, durch Palästina, Syrien, ja bis nach Anatolien. Um die Stabilität in der Region zu wahren, rückte unter der Führung Großbritanniens eine neue Heilige Allianz, an der sich auch Österreich mit mehreren Truppenverbänden beteiligte, an der Seite der Osmanen gegen Muhammad Ali und seine französischen Verbündeten ins Feld. Die Ägypter wurden erfolgreich aus der Levante vertrieben und das Osmanische Reich fand sich nun vom Wohlwollen der westlichen Mächte abhängig. Diese hatten bei einer Konferenz in London noch vor dem Beginn der Offensive über den Status Palästinas debattiert. Preußen hatte die Vision von Jerusalem unter europäischem Kollektivprotektorat, die Briten liebäugelten mit der Idee eines unabhängigen christlichen Staates in Palästina unter einem von der gesamten Christenheit anerkannten Fürsten, während Russland sich wiederum für die Vormachtstellung der griechischorthodoxen Kirche einsetzte. Indes plädierte Metternich für einen Verbleib unter osmanischer Herrschaft, nicht zuletzt, um Aufruhr in der muslimischen Welt zu vermeiden. Mehr als den österreichischen Bedenken ist es wohl dem Ausbleiben einer Einigung zu verdanken, dass die Region nicht damals schon einen Schlag mit dem Lineal erfuhr, wie knappe 80 Jahre später durch das Sykes-Picot-Abkommen.

    Friedliche Kreuzritter

    Wurden Fantasien von territorialer Kontrolle der Region Palästina zwar nun vollends verworfen, blieb dem Westen neben der Erschließung von Märkten noch die religiös-kulturelle Einflussnahme. Ermöglicht wurde diese durch die Öffnung Jerusalems unter einem nun gefügigen Osmanischen Reich. Es bot sich diplomatischer Spielraum und zahlreiche Konsulate wurden eingerichtet. Nach England, Frankreich, Sardinien und den USA eröffneten auch die Österreicher 1849 zögerlich, ja fast aus Gruppenzwang ihr Vizekonsulat in Jerusalem. Als Vizekonsul wurde Josef Pizzamano entsandt. Auf diesen Venezianer sind die meisten Akzente in Jerusalem und dem Umland zurückzuführen, die Österreich-Ungarn in den folgenden Jahren setzen sollte. Es folgte bald die Emanzipation vom Generalkonsul in Beirut, Pizzamano wurde offiziell Generalkonsul für Palästina.

    Jerusalem war damit näher gerückt, was für einen neuen Schub an Frömmigkeit in Österreich sorgte. Die erneut ins Leben gerufenen Kommissariate sammelten in Europa wieder reichlich Spenden. Da aus Österreich die meisten Gelder nach Jerusalem flossen, bemühte man sich, den Franzosen, die seit jeher die Führung der ansässigen Katholiken für sich beanspruchten, eben diese streitig zu machen. Gelingen sollte dies allerdings nie. Das änderte wenig daran, dass sich Pizzamano tatkräftig ans Werk machte, Österreich auf dieser heiligen Bühne entsprechend zur Schau zu stellen. Vorzeigeprojekt für dieses Bestreben wurde nun das bereits erwähnte Österreichisch- ungarische Pilgerhospiz. Die Errichtung des Gebäudes im Stil der Ringstraßenpalais mitten in der Altstadt, an der Via Dolorosa, war zwar von allerlei Schwierigkeiten begleitet, es galt jedoch nach der Fertigstellung als Monument kaiserlicher Präsenz und handfestes Symbol der österreichisch- ungarischen Interessen. Neben der Beherbergung von Reisenden widmete sich die Monarchie auch deren Transport. Der Österreichische Lloyd eröffnete als erste Dampfschifffahrtsgesellschaft einen Liniendienst nach Haifa. Auch das Postwesen in der Region wurde von Österreich dominiert, schließlich wurde der österreichische Postdienst in der Levante von allen in der Region aktiven Parteien und der lokalen Bevölkerung genutzt und für seine Effizienz und Zuverlässigkeit gepriesen.

    Mazzesinsel am Mittelmeer – die Schutzmacht Österreich

    Die meisten christlichen Pilger, so fromm sie auch sein mochten, mussten irgendwann wieder abreisen. Viele Juden aus der Donaumonarchie allerdings entschlossen sich zu bleiben. Anfangs gewährte Pizzamano nur jenen Einwanderern konsularischen Schutz, die ihre österreichische Staatsbürgerschaft einwandfrei nachweisen konnten. Mit der Zeit und dem Hintergedanken, durch eine größere Schutzgemeinde an Einfluss zu gewinnen, verlieh man den allseits begehrten konsularischen Schutz – er entzog den Träger ein Stück weit der osmanischen Jurisdiktion – bald schon freizügiger. Somit kam es, dass auch zahlreiche russische Juden, deren Heimatland noch keine diplomatische Vertretung in Palästina etabliert hatte, unter den Schutz der Donaumonarchie kamen. Es dauerte nicht lang, bis ganze Gemeinden, namentlich Safed und Tiberias, nachzogen. Auf knappe 100 österreichische Christen kamen schließlich 1700 Juden, die österreichische Protektion genossen. Die jüdische Gemeinde erhielt auch finanzielle Zuwendungen der Monarchie. Mit Geldern aus Österreich und Pizzamanos Vermittlung bei den osmanischen Behörden konnten die Pariser Rothschilds ein dringend benötigtes Spital, eine Leihkasse, eine Mädchen- und eine Handwerksschule in Jerusalem einrichten – alle unter konsularischem Schutz Österreichs. Das Bestreben der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, eine modernsäkulare jüdische Schule in Jerusalem zu schaffen, wurde ebenfalls von Pizzamano tatkräftig unterstützt, obwohl das Unterfangen von orthodoxer, meist galizischstämmiger Seite starken Widerstand erfuhr. Viele wohlhabende Wiener Juden wollten sich in jenen Jahren in Jerusalem verewigen und stifteten Armenwohnungen für jüdische Pilger und Neuankömmlinge. Bau und Instandhaltung dieser Unterkünfte wurden ebenfalls vom Generalkonsulat überwacht und gefördert.

    Die Pilgerfahrt des Kaisers

    Höhepunkt des österreichischen Wirkens in Palästina war wohl der Besuch Kaiser Franz Josephs, der es sich anlässlich der Eröffnung der Suezkanals 1869 nicht nehmen ließ, nach Jerusalem zu pilgern. Nach einem Zwischenstopp in Konstantinopel, bei dem sich die beiden bröckelnden Vielvölkerstaaten in gewohnt imperial-eskapistischer Natur zuprosteten, ging es per Schiff nach Jaffa und von dort aus mit einer vom Sultan zur Verfügung gestellten, 600 Kamele starken Karawane auf einer eigens gebauten Straße nach Jerusalem. Sogar ein vier Zentner schweres Bett aus purem Silber wurde mitgeschleppt, um jeden Abend für den Kaiser auf- und morgens wieder abgebaut zu werden. Kurz vor der Stadt stieg der Kaiser vom Pferd und durchschritt zu Fuß, in der Rolle eines frommen Pilgers, das Tor nach Jerusalem. Als erstes gekröntes Staatsoberhaupt seit 600 Jahren wurde er von der gesamten Bevölkerung jubelnd in Empfang genommen. Die verschiedenen Heiligtümer wurden besichtigt und allerlei Segen empfangen, genächtigt wurde selbstverständlich im Hospiz. Beim Rundgang im jüdischen Viertel vor der Abreise soll der Kaiser auf eine leerstehende Baustelle mit der Frage gedeutet haben, warum jene Synagoge denn kein Dach habe. „Aus Respekt vor Eurer Majestät zog sie den Hut“, soll die Antwort gelautet haben. Der Hut wurde gestiftet.

    Vom Zerfall zur Gegenwart

    Mit dem Tod Pizzamanos 1860 wurde es zusehends ruhiger um das österreichische Konsulat in Jerusalem. Der Krimkrieg und der Krieg gegen Preußen lenkten die Aufmerksamkeit auf andere Regionen, und schließlich zog der Erste Weltkrieg einen endgültigen Schlussstrich unter die österreichische Palästinapolitik. Nach dem Abzug der osmanischen Truppen und einiger k.u.k.-Grenadiere aus der Region war Palästina bis 1948 britisches Mandatsgebiet. Was bleibt, ist neben der Botschaft das nach turbulenter Geschichte wiedereröffnete Hospiz, ein österreichisches Kulturforum in Tel Aviv und ein Repräsentationsbüro in Ramallah. Möchte man von etwas wie einer Schutzgemeinde sprechen, wäre das heute wohl die der Palästinenser. Das Hospiz beschäftigt vorwiegend arabische Christen und betreibt mehrere Bildungsprojekte, während das Repräsentationsbüro sich Infrastrukturprojekten in den Autonomiegebieten widmet.

    Die Monarchie jedenfalls ist Geschichte, auch wenn man im Österreichischen Pilgerhospiz einen anderen Eindruck bekommen könnte. Ihre Auslandspolitik bleibt ein verstecktes Kleinod der Geschichte, das es verdient, alle Jubeljahre abgestaubt, betrachtet und geschätzt zu werden.

     

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    Ferdinand Altenburg

    Ferdinand Altenburg

    ist Zivildiener und schreibt für NU.
    Ferdinand Altenburg

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