Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Sichrovsky mit der Morgenpost | Nr. 10 (4/2002) - Kislev 5763
  • “…fast surrealistisch würde ich sagen”

    Das unglaubliche Leben des Martin Vogel. Ein Porträt zum 80. Geburtstag.
    VON WERNER HANAK

    Denke ich an Martin Vogel, denke ich immer auch an einen Anruf, den ich vor fast zehn Jahren erhielt. Der Anrufer war nervös und fragte mich, ob ich bei mir im Jüdischen Museum einen Stoß alter Fotografien und Dokumente gefunden hätte, allesamt Material zu der Ausstellung über Aron Menczer und die Jugend Alijah, die in den kommenden Wochen im IKG Gemeindezentrum eröffnen würde. Ich war damals erst kurze Zeit am Museum und hatte gerade erst von jener Organisation erfahren, mit der etlichen Jugendlichen nach 1938 die Flucht nach Palästina gelungen war. Dem Herrn am anderen Ende der Leitung konnte ich leider nicht weiterhelfen: „Nein, Herr Dr. Vogel“, sagte ich, „die haben wir sicher nicht, die können nicht hier sein“. „Das ist furchtbar “ , hörte ich ihn sagen, worauf unser Gespräch ein schnelles Ende fand.

    Martin Vogel war bei dieser Ausstellung und der Reunion der ehemaligen JUAL-Kinder, die nach 50 Jahren aus allen Teilen der Welt für ein paar Tage nach Wien kamen, um sich wieder einmal zu sehen, Kommunikator, Organisator und Leihgeber. Wochen nach dem Anruf, bei dem ich als junger Museumsmitarbeiter erstmals eine sehr genaue Ahnung erhalten hatte, welchen emotionalen Wert Dinge der Erinnerung für Menschen besitzen können, wurde die Ausstellung im Gemeindezentrum eröffnet . Die Fotos waren inzwischen aufgetaucht und Martin Vogel hielt eine Rede. Er erinnerte an jene Tage im Herbst 1942, als Aron Menczer nur noch wenige Tage in Wien vor seiner Deportation nach Theresienstadt verblieben waren und er seinen Stellvertreter Martin Vogel mit der Abfassung eines Protokolls über die letzten Tage der Jugend-Alijah in Wien betraute. Dieses Protokoll vergrub dann Martin Vogel mit der technischen Hilfe seines Chawer Ernstl Schindler am 1. Tor des Zentralfriedhofes. Beide Burschen wussten damals nicht, ob sie überleben würden und so wollten sie die Geschichte ihrer Bewegung für spätere Zeiten irgendwie konservieren.

    Einige Jahre nach der Aron-Menczer-Ausstellung widmete das Jüdische Museum dem Dichter und Kabarettisten Peter Hammerschlag eine Personale. Abermals sprach Martin Vogel bei einer Eröffnung, denn er war der uns einzige bekannte Mensch, der Hammerschlag im Wien des Jahres 1942 noch gesehen hat. Sie waren sich in der Leopoldstadt als Zwangsarbeiter in der Leergutsammelstelle der Wehrmacht begegnet. So erfuhr auch ich erstmals etwas über das Leben des Martin Vogel in jener Zeit also, als die JUAL aufgelöst war, und die Juden Wiens, die die Flucht bisher nicht geschafft hatten, in immer größere r Zahl deportiert wurden. Martin Vogel ist ein Sohn eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter. „Meine Mutter“, sagt er, „hat mir zweimal das Leben geschenkt. Einmal, als sie mich geboren hat und ein zweites mal, als sie uns nicht verlassen hat, obwohl sie die Nazis unglaublich unter Druck gesetzt haben“. In der Leergutsammelstelle hatte Vogel ab 1941 gemeinsam mit seinem Vater gearbeitet. Ab September 1941 musste er den gelben Stern tragen, seine Arbeit ist von schwerster körperlicher Art. Zuerst muss er gemeinsam mit anderen Juden Bäume mit untauglichen Mitteln roden, dann jahrelang schwerste Gegenstände schleppen. „Die meisten Wehrmachtsangehörigen verhielten sich mir gegenüber anständig, ganz anders hingegen die älteren, zum Arbeitsdienst eingezogenen Zivilisten“. Hier erinnert er sich an Schläge mit einer Fahrradpumpe und an den Kommandanten, der den Schläger mit den Worten „in meiner Dienststelle wird niemand g’schlagen!“ zurechtgewiesen hat.

    Ab 1943 muss ist er immer wieder nach Kledering. Ein Erlebnis lässt ihn dabei nicht mehr los. Ein zum Arbeitsdienst eingeteilter Soldat, der ihm manchmal von seiner Essensration etwas zusteckt, holt, nachdem er sich sicher ist, dass ihn niemand beobachtet, aus seiner Brusttasche drei Fotos. Das erste Foto zeigt eine Eisenstange, auf der Menschen aufgehängt sind. Das zweite nackte, leblose Körper in einem Graben. Das dritte nackte Menschen, die vor dieser Grube stehen. „Darüber darf s t du nicht sprechen,“ sagt der Soldat und deutet ihm als Warnung die Geste der Enthauptung, „das machen sie mit euch in Polen“.

    Martin Vogel sagt, er hätte viel Glück in seinem Leben gehabt. Bis zum Ende des Krieges blieb er Zwangsarbeiter, wurde nicht deportiert. Als er vor Brunners Schreibtisch in der Castellezgase stand, rettete ihn der „Ariernachweis “ seiner Mutter.

    1998 half ich Natalie Lettner einen Radiobeitrag über jüdische Kindheit in Wien im Jahr 1938 zu gestalten. Martin Vogel erklärte sich für eine Interview bereit und erzählte uns über ein Kapitel in seinem Leben, das zeigt, wie dehnbar und relativ der Begriff „Glück“ in Bezug auf das eigene Leben doch ist. Zusammen mit einem nichtjüdischen Totengräber musste er zur Zeit der zahlreichen Aushebungen einige Monate jeden Morgen am Zentralfriedhof mit einem Leiterwagen durch die Israelitische Abteilung (1.Tor) gehen und die leblosen Körper jener verzweifelten jüdischen Verfolgten aufsammeln, die sich in den Grüften versteckt und schließlich selbst das Leben genommen hatten.

    Als ich vor einigen Wochen wieder einmal ein Interview mit Martin Vogel führen durfte, diesmal für Deborah Jensen aus New York, die einen Film über den Judenstern und die Farbe Gelb dreht, lernte ich wieder einen neuen Teil seiner Biografie kennen. Als ich ihn nach jenem Tag fragte, an dem er den gelben Stern zum ersten Mal abgenommen hatte, konnte er mir keine konkrete Antwort geben. Doch ich sah ein Leuchten in seinem Gesicht und er ließ sich sehr viel Zeit mit seiner Antwort. Dann sagte er, dass er in dem Moment, als alles im Chaos versank, als die russischen Artilleriegeschütze einschlugen, ganz langsam das Stadium des „Untermenschens“, des „Parasiten“ hinter sich gelassen hat. „Da war so etwas wie das Genießen des Wiedermenschwerdens. Es war fast surrealistisch, würde ich sagen. Da stand die Tür zu einem Kühlhaus offen, das nicht mehr kühlte und am Ende des Raum stand einer in Uniform und hielt als einzige Beleuchtung eine Fackel hoch. Ich nahm mir ein riesiges Stück von einem Ochsen und ich hab’ es mir wie einen Mantel über die Schultern gehängt. Dann sagte einer ‚wart Bürscherl, ich hilf dir’. Draußen erkannte ich, als ich unter meinen Beinen durchschaute, die schwarze SS-Uniform meines Helfers. Dann wurde unser Haus überhaupt zum SS-Stützpunkt und wie die Juden in der Förstergasse an diesen Tagen hätte ich von dem SSler, der von meiner Mutter zu trinken haben wollte und wusste, dass wir Juden waren, erschossen werden können. Und plötzlich stand der kleine mongolische Soldat vor mir, von dem ich noch das Bajonett in meinem Bauch spüre, und nur eine russische Zwangsarbeiterin, die mich kannte, konnte ihn überzeugen, dass ich, der ich im wehrfähigen Alter war, nicht zu den Wehrwölfen gehörte.“

    Der Sportklub Hakoah, dessen Leichtathletiksektion Martin Vogel nach 1945 aufbaute, war ihm in jener Zeit eine enorme Stütze, als die „Ordnung wiederhergestellt“ worden war und das Leben für ihn plötzlich nichts mehr von der Euphorie der Tage im Chaos hatte. „Man konnte auf der Straße dann in jedem einen Menschen sehen, der einen bis vor einem halben Jahr noch umbringen konnte, oder der einem die Auslöschung wünschte.“ Insbesondere als ehemaliger zionistischer Jugendfunktionär hat Martin Vogel immer wieder daran gedacht, Wien zu verlassen.

    Wegen seiner Eltern, die inzwischen alt geworden waren, und die er unterstütze, blieb er. Extern holte er die Matura nach, 1957 promovierte er zum Dr. jur. Nicht ohne Stolz betont er: „als hundertprozentiger Werkstudent “ . Diesen Stolz verstehe ich noch besser, als er mir erzählt, wie er das Geld nebenher für sich und auch für seine Eltern verdiente. Als Verkehrspolizist 1945, danach als Kassier bei der Gas-Koks-Fabrik. 1946 ist er für wenige Tage Sekretär des Präsidenten der Kultusgemeinde, dann wird er Verwalter der Rückkehrheime und Wohnungsreferent in der IKG. „Es war ein traurige, aufreibende Aufgabe, zudem war die Unterstützung durch die Kultusgemeinde für mein Studium sehr gering, kein einziges Mal konnte ich unter Tags die Uni besuchen.“ 1953 stirbt sein Vater, 1955 seine Mutter. 1954 heiratet er seine Frau Rita Maria, mit der er heute noch verheiratet ist. Sie haben zwei Töchter, Alice und Trixi. Stolz sind die Vogels auch auf die Enkeltochter Julie, sie ist die Tochter Alice und Walter Klein.

    1957, Martin Vogel hat gerade promoviert , fängt er bei der Stadt Wien an, wo er in verschiedenen Dienststellen tätig ist. Schließlich landet er beim Kontrollamt der Stadt Wien, wo er 1984 als stellvertretender Kontrollamtsdirektor in Ruhestand tritt. Ruhestand? Nun, damit ist es so eine Sache. Denn Martin Vogel lässt sich bald überreden, die Kontrolle bei verschiedenen Organisationen ehrenamtlich aufzubauen. Auf die Uni, die er jetzt auch unter Tags besuchen kann, geht er auch wieder und inskribiert Kunstgeschichte.

    Jetzt sitze ich Martin Vogel gegenüber im Cafe Bräunerhof und lasse mir sein Leben durch den Kopf gehen. Er liest sich gerade durch, was ich bisher geschrieben habe und hilft mir, meine Lücken zu füllen. Auf meine Bitte, mir sein Geburtsdatum zu verraten, sagt er: „Wie alt ich bin, wollen Sie wissen? Ich begehe nächstes Monat meinen 80. Geburtstag! Aber ich sehe dem ganz gelassen entgegen.“ Ich bin überrascht, denn ich kenne keinen so athletischen 80jährigen. „Denn wissen Sie, Herr Magister“, sagt er zu mir, „als ich 70 wurde, bekam ich alle Zustände, denn ein 70-jähriger war für mich immer von einer anderen Welt. Jetzt bringt mich nichts mehr aus der Ruhe.“

    Oft sind mir Menschen in meinem Berufsleben begegnet, die höflich oder freundlich waren . Und je mehr Erfahrung man sammelt, desto häufiger merkt man, dass man mit den höflichen Menschen nicht automatisch besser auskommt. Nicht so mit Martin Vogel, denn selten ist mir jemand begegnet, der gleichzeitig höflich, korrekt, offen und so warm-herzig ist.

    Werner Hanak-Lettner

    Werner Hanak-Lettner

    Chefkurator am Jüdischen Museum Wien mit großer Liebe zur Musik, insbesondere zum Sound des 18.-21. Jahrhunderts. Kuratierte sowohl "quasi una fantasia. Juden und die Musikstadt Wien" als auch die Mozartwohnung und das Haydnhaus in Wien.
    Werner Hanak-Lettner

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