Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Entwurzelt, vergessen: Leo Perutz im Exil

    Einst in seiner Heimat gefeiert, geriet der österreichische Schriftsteller Leopold Perutz im Exil in Vergessenheit. Erst langsam wird er von Literaturwissenschaft und deutschsprachigem Publikum wiederentdeckt. Heuer jährt sich sein Todestag zum 60. Mal.
    VON FELIX MICHLER

    © GIL OR, ATELIER/ÖNB-BILDARCHIV/PICTUREDESK.COM

     

    Die Beschäftigung mit dem Außenseiter Leopold Perutz lohnt: Seine Romane beweisen für ihr Genre seltene Qualität und Vielschichtigkeit, sind reißerisch angelegt und genial durchdacht. Oft erzählt er von den Abenteuern bedeutender Persönlichkeiten wie Leonardo da Vinci oder Johannes Kepler, lässt diese, mit einer gewissen Ironie, unglaubliche Abenteuer erleben. Dabei versteht es Perutz, Mythen und Legenden, Anekdoten und volkstümliche Erzählungen, historische Fakten und nicht zuletzt all das, was seiner eigenen Fantasie entspringt, in einem Text zu bündeln.

    Erfolg in einem untergehenden Wien

    Perutz ist im Wien der Zwischenkriegszeit durchaus erfolgreich: Seine Romane und Drehbücher, fantastische und Kriminalliteratur, verkaufen sich gut; die Kritiker, darunter Kurt Tucholsky, der die neu erscheinenden Werke immer wieder rezensiert, sind ihm wohlgesonnen. Regelmäßig verkehrt er mit Kollegen wie Torberg und Polgar, führt Korrespondenzen mit Brecht und Musil. Auch Adorno und Hitchcock verfolgen seine Veröffentlichungen mit Interesse. Er gilt als disziplinierter Kaffeehausgeher – beinahe täglich trifft man ihn dort –, und wenn er nicht schreibt, ist er in oftmals hitzige Diskussionen mit angesehenen Mitgliedern der Wiener Gesellschaft verwickelt. Kurz, er ist eine bekannte Persönlichkeit in der Stadt. Doch aufgrund seiner jüdischen Herkunft muss Perutz Ende der 1930er- Jahre mit seiner Familie fliehen. Über Italien kann er schließlich nach Tel Aviv auswandern. Und obwohl es ihm materiell an nichts fehlt, gerät er hier in eine schwere Schaffenskrise.

    Tel Aviv

    Die einst erfolgreichen Werke finden in Europa keinen Absatzmarkt mehr, der jüdischen Bevölkerung in Palästina fehlt schlicht das Interesse an einem weiteren Diaspora-Schriftsteller. So verlaufen bereits begonnene Projekte im Sand oder stehen zumindest still; Perutz schreibt viele Jahre lang an einem Roman, der auf der „Mayflower“ spielen soll, verbringt deshalb viel Zeit mit Bibliotheksrecherchen, doch mehr als Fragmente davon sind nicht erhalten. Es wird viele Jahre dauern, bis sich andere Ideen zu etwas entwickeln, was auch tatsächlich in den Druck gehen kann. So wird in den nächsten 20 Jahren neben dem posthum publizierten Der Judas des Leonardo nur noch ein großes Werk veröffentlicht werden, eine in den Notizbüchern lange Zeit als „Meisls Gut“ bezeichnete Novellensammlung, die in Prag, der Geburtsstadt des Schriftstellers, spielt: Nachts unter der steinernen Brücke.

    „Nachts unter der steinernen Brücke“

    In vielen Aspekten ist die Novellensammlung ganz nach Perutz’scher Art. Erneut beweist er die Fähigkeit, Reales mit Fantastischem zu vermischen, lässt historische Personen Dinge erleben, die so unwahrscheinlich wie originell sind – und macht es seiner Leserschaft nicht allzu leicht, der Handlung zu folgen. Denn jene ist wieder einmal selbst herausgefordert, mitzudenken und zu entwirren, was auf den ersten Blick als Netz lose verbundener Anekdoten und Episoden aus dem Leben verschiedener Menschen erscheint, sodass am Ende eine schlüssige und chronologische Handlung sichtbar wird. Perutz schildert die Begebenheiten um Kaiser Rudolf II., den reichen Mordechai Meisl und den Rabbi Löw, erzählt, wie die Schicksale dieser Menschen auf verschiedene Weisen miteinander verknüpft sind. Auch gibt er Stimmen vom Rand der Gesellschaft, Landstreichern und zum Tode Verurteilten, eine Bühne, deren Erlebnisse erst auf den zweiten Blick wichtig für das Verständnis der Handlung sind. Und trotz des Witzes, mit dem Perutz seine Geschichten erzählt, entbehrt das Werk nicht einer gewissen Tragik. Denn der Kaiser verliebt sich in Meisls Ehefrau; da er die Jüdin nicht heiraten kann, besucht er sie von nun an mit Hilfe des Rabbis im Traum. Dieser Ehebruch aber hat verheerende Folgen für die jüdische Gemeinschaft Prags. Der Versuch des Rabbi, die alte Ordnung wiederherzustellen, scheitert; und alles gerät nur noch mehr außer Kontrolle.

    Die Veröffentlichung des Buches im Jahr 1953 ist für den Autor ein sehr emotionales Ereignis. Schon in den 1920er-Jahren finden sich erste Aufzeichnungen dazu in seinen Notizbüchern; es ist ein Text, der Perutz immer wieder Kopfschmerzen bereitet, oft lässt er das Projekt für Monate ruhen, um sich ihm später mit neuer Begeisterung zu widmen; und umso schmerzhafter sind die Reaktionen, die auf die lange Zeit der Arbeit folgen. Zwar wird das Buch von Kritikern hoch gelobt; Markt findet es zunächst aber keinen. Noch dazu geht der Verlag in Konkurs.

    Nachspiel

    Mit Hilfe von Jorge Luis Borges können einige Romane schließlich ins Spanische übersetzt und in Südamerika vertrieben werden, wo besonders Der Marques de Bolibar Erfolg hat. Im deutschsprachigen Raum wird Perutz erst in den letzten Jahren wiederentdeckt, anlässlich seines 50. Todestages erschien eine Neuauflage im dtv-Verlag, der Germanist Hans-Harald Müller veröffentlichte zur ungefähr selben Zeit eine Biografie.

    Im Exil lernt Perutz Jerusalem zu schätzen. In einem Brief an den Schauspieler Otto Schmöle schwärmt er von der Altstadt mit ihren engen Gassen und dem orientalischen Charme – umso mehr missfällt ihm die Verwestlichung der Stadt nach der Staatsgründung. Tel Aviv wird ihm immer fremd bleiben. Sobald es wieder möglich ist, unternimmt er Reisen nach Mitteleuropa, schließlich auch nach Österreich. Doch seine Zukunft in Europa sieht er nüchtern. Nach dem Krieg schreibt er an seinen Bruder: „Lieber Paul, glaubst Du wirklich im Ernst, daß meine Bücher 1946 im neuen Deutschland erscheinen werden? (…) Wird es denn in diesem Deutschland außer Schrebergärten noch etwas geben. Verleger? Zeitungen? Filmgesellschaften? Und wenn ja, – werden sie noch meinen Namen kennen?“ Dennoch nimmt er einige Jahre nach Kriegsende zusätzlich die österreichische Staatsbürgerschaft wieder an. Von nun an lebt er sowohl in Israel als auch in Österreich. 1957 stirbt er in Bad Ischl.

    Biegt man heute von der Ben-Gurion- Allee in die Rehov Gottlieb ein, so findet man sich vor dem Haus wieder, in dem Perutz in seinen Exiljahren gelebt hat. Es scheint, als hätte sich der Staat Israel genauso wenig mit Perutz anfreunden können wie der Schriftsteller mit seiner neuen Heimat. Denn der Erfolg seiner Werke bleibt hier auch nach seinem Tod überschaubar. An seinem Wohnhaus findet sich bis heute keine Tafel, die an Perutz erinnert.

     

    Leopold Perutz (1882-1957) war ein österreichischer Schriftsteller und Versicherungsmathematiker. Zu seinen wichtigsten Werken zählen neben Nachts unter der steinernen Brücke auch Der schwedische Reiter und Der Meister des jüngsten Tages.

    Felix Michler

    Felix Michler

    ist Zivildiener und lebt zurzeit in Jerusalem.
    Felix Michler

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