Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
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  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Eine Orgel und die Felix-Gurken

    Ein Überblick über die jüdische Gemeinde Stockholms.
    VON IDA SALAMON (TEXT UND FOTOS)

     

    Wenn man im Zentrum von Stockholm auf der Suche nach der Großen Synagoge ist, so erkennt man sie gleich durch ihre für die Umgebung ungewöhnliche, orientalische Architektur. Sie ist in der Nähe eines öffentlichen Parks gelegen, und man geht entlang einer Allee von Kirschbäumen auf sie zu. Wie ein Wegweiser steht zwischen dem Park und der Synagoge das Denkmal für Aaron Isaac, den offiziell ersten Juden in Schweden.

    Die Führung durch die im Jahr 1870 errichteten Synagoge beginnt mit einer Anekdote: Als Aron Isaac um Aufenthaltserlaubnis beim schwedischen König ansuchte, sagte dieser, er könne in Schweden bleiben, wenn er seine Religion ablege. Isaac antwortete, er sei nicht nach Schweden gekommen, um seine Religion zu ändern. Wenn er seinen Glauben nicht behalten könne, werde er auch nicht bleiben.

    Schon König Gustav III. war an jüdischer Emigration nach Schweden interessiert. In einem Brief an seine Mutter schreibt er 1771, im Jahr seiner Krönung zum König von Schweden: „Es ist sicher, dass es für das Land sehr vorteilhaft wäre, wenn so ein fleißiges Volk wie die Juden sich hier niederlassen würde …“ Und so wurde ein Graveur aus Deutschland namens Aaron Isaac der Gründer der jüdischen Gemeinde in Stockholm. Er war der erste Jude, der sich im Jahr 1774 in Schweden niederließ, ohne konvertieren zu müssen.

    Kreiskys Lieblingscousin

    Auch das 20. Jahrhundert kennt einige jüdische Persönlichkeiten, die einen beträchtlichen Beitrag in Schweden geleistet haben, darunter die Nobelpreisträgerin Nelly Sachs, der Politiker und Journalist Stefan Szende und der Unternehmer Herbert Felix, der Lieblingscousin von Bruno Kreisky. Die Marke Felix wurde zuerst in Schweden ein Gütezeichen für Gurken und später für Ketchup. Bruno Kreisky, der ab 1938 im schwedischen Exil war, brachte seinen Cousin Herbert Felix auf die Idee, mit dem Unternehmen auch nach Österreich zu gehen. Im Jahr 1960 wurde „Felix Austria“ mit Sitz in Mattersburg gegründet.

    Wenn wir schon beim Essen sind: Wer in Schweden koscheres Fleisch kaufen will, muss zu Importware greifen. Denn das Schächten, das rituelle Schlachten von koscheren Tieren, ist verboten oder es muss nach einer Sedierung des Tieres erfolgen. Zvi Pesach Frank, Oberrabbiner von Jerusalem, gab in den frühen 1950er-Jahren die Erlaubnis, dass die Tiere betäubt werden können, aber das Fleisch durfte nur von Juden gegessen werden, die in Schweden ansässig waren. In den 1970er-Jahren wurde diese Art von Schächtungen eingestellt.

    Das Gesetz über die Schlachtung von Tieren trat im Jahr 1938 in Kraft. Kritiker des Gesetzes argumentieren, dass es die religiöse Freiheit der schwedischen Bürger, vor allem der Juden und Muslime, verletze. Auf die Frage, ob sich die muslimische Gemeinschaft auch daran halte, antwortet Kantor Maynard Gerber, der auch als Repräsentant der jüdischen Gemeinde gilt, diplomatisch: „Ich glaube, es gibt moslemische Gruppen, die eine Betäubung anwenden könnten.“

    Diskussionen und Versuche, das Gesetz zu ändern, haben bislang viele Male stattgefunden, aber keine Änderung wurde umgesetzt. Trotzdem bezeichnet der Kantor die Beziehungen zwischen der Regierung und der jüdischen Gemeinde als gut.

    In Schweden leben zwischen 18.000 und 20.000 Juden, die Hälfte davon im Großraum Stockholm. Zur Frage, ob viele Juden aus Schweden nach Israel auswandern, sagt Gerber: „Ja, aber nicht so viele wie in den 1970er- und 80er-Jahren“, in der Zeit, als der Antisemitismus in Schweden am stärksten war.

    Das schwedische Komitee gegen Antisemitismus (SCAA) wurde 1983 als Reaktion auf zunehmenden Antisemitismus gegründet. Durch öffentliches Auftreten und in Schulungsseminaren klärt das SCAA über antijüdische Hassverbrechen und antisemitische Propaganda auf.

    Frauen-Tallit

    Kantor Maynard Gerber, ein gebürtiger Amerikaner, der 1975 nach Schweden gekommen ist, bezeichnet sich selbst als Mitglied der Masorti-Bewegung. Es ist eine Bezeichnung für traditionelle, aber nicht strikt orthodoxe Juden – „etwa wie die amerikanischen Konservativen“, meint er. In Stockholm gibt es auch zwei orthodoxe Synagogen, die von der jüdischen Gemeinde unterstützt werden.

    In der großen Synagoge von Stockholm sitzen Frauen und Männer zusammen, da sich das neue konservative Judentum für eine Gleichberechtigung von Männern und Frauen einsetzt. Frauen tragen sogar eine Art von Tallit, einen Gebetsmantel.

    Noch eine Besonderheit schmückt die große Synagoge vom Stockholm: Wie in den deutschen Reform-Synagogen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gibt es hier eine Orgel; früher wurden die Gottesdienste von Orgelmusik begleitet, die von einem nichtjüdischen Musiker am Freitagabend und an den großen Feiertagen gespielt wurde. „Ich sang mit der Orgel bis vor etwa fünf oder sechs Jahren und habe es sehr genossen“, berichtet der Kantor über seine ungewöhnliche Erfahrung.

    Beim Seitenausgang der Synagoge liegen, eingebettet in Pflastersteine des ehemaligen Budapester Ghettos, eiserne Schienen. Sie stehen symbolisch für die Züge, die die Juden in die Konzentrationslager transportiert haben und führen bis zum nahegelegenen Wallenberg-Denkmal. Eine etwa einen Meter hohe Granitkugel trägt als Inschrift den Namen des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der tausende ungarische Juden vor dem Tod bewahrte. Auf der gegenüberliegenden, zur Synagoge gerichteten Seite des Denkmals wurde der Name Aaron Isaac eingraviert. Rund um die große Kugel steht in 24 verschiedenen Sprachen: „Der Weg war gerade, als Juden in den Tod geschickt wurden. Der Weg war voller Kurven, Gefahren und Hürden, als die Juden versuchten, ihren Mördern zu entkommen.“

    Ida Salamon

    Ida Salamon

    Die NU-Chefin vom Dienst ist in Belgrad geboren, wo sie Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie studierte. Sie ist im Jüdischen Museum Wien in den Bereichen Sponsoring, Marketing und Veranstaltungsmanagement tätig.
    Ida Salamon

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