Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Eine musikalische Sprache für “Stadt ohne Juden”

    © HARALDHOFFMANN.COM

    VON MARTIN RUMMEL

    Es gibt sie noch, die kleinen Sensationen. 2015 meldete sich beim Österreichischen Filmarchiv ein französischer Sammler, der auf einem Flohmarkt in Paris die wahrscheinlich einzige erhaltene Kopie der bisher als verschollen geltenden Fragmente des im Juli 1924 erstmals gezeigten Films Stadt ohne Juden gefunden hatte. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Hugo Bettauer aus dem Jahr 1922, und Hans Moser (1880–1964), verheiratet mit der Jüdin Blanka Hirschler, ist in dem Streifen als antisemitischer Parlamentarier zu sehen – nach Das Baby und Hoffmanns Erzählungen erst seine dritte Leinwandrolle.

    Dank einer erfolgreichen Crowdfunding- Kampagne des österreichischen Filmarchivs im Dezember 2016, durch die die notwendigen Mittel für die aufwendige Digitalrestaurierung aufgebracht werden konnten, wird nun im Herbst 2018 bei der Viennale eine zweite Uraufführung des Films stattfinden. Der kürzlich verstorbene Leiter der Viennale, Hans Hurch, beauftragte die österreichische Komponistin Olga Neuwirth, für diesen Anlass zur Komplettfassung des Stummfilms Musik zu komponieren. Neuwirth, die seit den 1990er-Jahren Musik zu Filmen schreibt und produziert, hat in diesem Genre zuletzt internationales Aufsehen mit ihrem Soundtrack zu dem vielfach preisgekrönten Streifen Goodnight Mommy (Ich seh ich seh) von Veronika Franz und Severin Fiala erregt.

    Über die bevorstehende Aufgabe sagt Olga Neuwirth: „Die Stadt ohne Juden ist eine Satire gegen den Antisemitismus aus dem Jahr 1924. Der Film enthält viel zurückgewonnenes, ,verlorenes‘ Material nach Hugo Bettauers präzisem und analytischem Buch über den österreichischen Antisemitismus in den 1920er-Jahren, an dem sich eigentlich bis heute nicht viel verändert hat. Es erschien 1922 und ist ein unglaublich hellseherisches Buch, das ich erstmals gelesen habe, als ich 19 war. Für mich ist es ein sehr berührender Zufall, dass ich nun, so lange Zeit später, gebeten wurde, die Musik zu dem Stummfilm nach dem Bettauer-Roman zu schreiben. Bettauer (dessen erste Frau ebenfalls Olga hieß) wurde 1925 von einem frühen Nazi-Parteimitglied ermordet.“

    Eine beschädigte und unvollständige Version des Films – wahrscheinlich jene zensierte oder selbstzensierte, die 1933 in Amsterdam als Demonstration gegen das Deutsche Reich gezeigt wurde –, wurde bereits 1991 vom holländischen Filmmuseum entdeckt und restauriert sowie von Gerhard Gruber, Adula Ibn Quadr und Peter Rosmanith mit Musik untermalt. Es ist zu erwarten, dass die neue/alte Fassung mit dem ursprünglichen Ende des Films nicht nur die Botschaft des Films wieder politisiert, sondern auch Szenen enthält, die die verschiedenen sozialen Sphären des jüdischen Lebens im Wien der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts beschreiben.

    „Ein akut aktuelles Thema“

    Olga Neuwirth über ihre Arbeit für Die Stadt ohne Juden weiter: „Ich danke den Auftraggebern für ihr Vertrauen in mich für diese wichtige politische Aussage gegen Antisemitismus in einer Zeit, in der die von Bettauer beschriebenen Strukturen und Mechanismen des Antisemitismus wieder überall offen zu sehen sind – ein akut aktuelles Thema … es wäre so viel mehr zu sagen, aber ich muss jetzt zuerst einmal eine musikalische Sprache finden …“

    Wem als eingefleischtem Olga-Neuwirth- Fan die Zeit bis zur Aufführung von Stadt ohne Juden oder der Uraufführung von Orlando (nach Virginia Woolf) an der Staatsoper im Dezember 2019 zu lang wird, der darf sich inzwischen auf das Erscheinen einer CD mit Orchesterwerken im Herbst und, im Frühjahr 2018, auf ein Tondokument von American Lulu aus dem Theater an der Wien freuen. Olga Neuwirth ist nicht nur ohne Zweifel eine der bedeutendsten Komponistinnen der Gegenwart, sondern auch eine gesellschaftskritische Stimme, die aus der österreichischen und internationalen Kunstszene nicht wegzudenken ist.

    Martin Rummel

    Martin Rummel

    Der Cellist ist international als Solist und Kammermusiker tätig. Als leidenschaftlicher Musikvermittler ist er Eigentümer und Mastermind von „paladino media“.
    Martin Rummel

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