Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Interview
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Maschek | Nr. 64 (02/2016) - Siwan 5776
  • Eine gefährliche Zeit

    Alan Dershowitz, einer der bekanntesten Strafverteidiger der USA und Inhaber des Felix-Frankfurter- Lehrstuhls für Rechtswissenschaften an der Harvard University, war zu Besuch in Wien. Mit Danielle Spera sprach er über die Herausforderungen, vor denen die Juden in Europa und in den USA stehen.
    FOTOS: SONJA BACHMAYER

    NU: Wie würden Sie die Situation der Juden in den USA beschreiben?

    Dershowitz: Die amerikanischen Juden waren nie zuvor so erfolgreich und einflussreich wie heute. Aber: Jüdische Studenten an den amerikanischen Universitäten, besonders wenn sie Israel unterstützen, stehen heute vor großen Herausforderungen. Viele Professoren sind antiisraelisch eingestellt, nicht so arg wie an britischen oder französischen Universitäten, doch auch an vielen US-Universitäten hat sich die Situation verschlechtert, was die Haltung gegenüber Israel betrifft. Die Stimmen jener, die Israel die Legitimation absprechen wollen, werden täglich lauter. Im Gegensatz zu jenen, die sich für Israel aussprechen. Ich bin stolz darauf, Israel zu verteidigen. Bei meinen öffentlichen Auftritten werde ich immer wieder ausgebuht oder niedergebrüllt, wenn ich über Israel spreche. Diese Menschen sind an meinen Gedanken über Israel nicht interessiert, sondern wollen uns verstummen lassen. Das werden wir aber nicht zulassen.

    In der jüngsten Zeit entwickelt sich aus den anfänglichen Diskussionen offenbar eine Auseinandersetzung, die sich immer mehr verhärtet.

    Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Studenten unterstützt Israel, auch wenn sie manchen Entscheidungen der israelischen Politik kritisch gegenüberstehen. Etwa 20 Prozent der jüdischen Studenten sind stark gegen Israel eingestellt. Studenten, die links der politischen Mitte stehen, ich würde sie als Hardliner bezeichnen, sind häufig Anhänger von Noam Chomsky und übernehmen seine Thesen, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Das Schlimmste ist, dass Israel anders betrachtet wird als andere Länder. Es gibt keine BDS-Bewegungen (Anm. d.Red.: „Boycott, Divestment and Sanctions“) gegen China, gegen Russland, Griechenland oder Ungarn mit seinem aufkommenden Faschismus. Also dieses Herausgreifen von Israel empfinde ich als wirklich verstörend.

    Ist es nicht ein Alarmsignal, wenn sich doch so viele jüdische Studierende kritisch gegenüber Israel äußern?

    Es ist ganz in Ordnung, wenn man Israel oder bestimmten Entscheidungen der israelischen Regierung kritisch gegenübersteht. Doch wenn man beginnt, Israel als einzigen Staat in den Fokus der Kritik zu rücken oder sogar eine Zerschlagung des israelischen Staates fordert, dann geht das zu weit.

    Sind die Gegensätze noch überbrückbar?

    Es gab ernsthafte Bestrebungen, die verfeindeten Gruppierungen zusammenzubringen, auch ich habe mich darum bemüht. Dann entstand J-Street. Meiner Ansicht nach hat JStreet den Graben noch verbreitert. J-Street hat nicht nur die israelische Siedlungspolitik angegriffen, was absolut legitim ist, sondern auch das Recht Israels auf Selbstverteidigung. Die Bewegung hat auch dem so problematischen Abkommen mit dem Iran zugestimmt.

    In der amerikanischen Tagespolitik steht derzeit der Wahlkampf im Vordergrund.

    Ja, wir machen uns natürlich Gedanken, wie die Haltung der beiden Kandidaten gegenüber den amerikanischen Juden oder Israel ist. Bei Hillary Clinton wissen wir es. Sie ist eine Unterstützerin Israels, des Rechts auf Selbstverteidigung und gleichzeitig – wie die meisten Amerikaner – kritisch gegenüber der Siedlungspolitik. Bei Donald Trump haben wir nicht die geringste Idee. Er könnte Israels bester Freund oder schlimmster Feind sein. Er ist völlig unberechenbar, vielleicht auch ein Grund, weshalb er in den Vorwahlen so weit gekommen ist. Konservative glauben, dass er konservativ ist, Moderate glauben, er sei moderat, es ist absolut unmöglich, herauszufinden, wofür er steht. Zunächst einmal ist Trump über den Nahen Osten nicht wirklich informiert. Seine außenpolitische Erfahrung beschränkt sich darauf, in Russland einen Schönheitswettbewerb abgehalten zu haben. Hillary Clinton dagegen ist sehr routiniert. Sie kennt den Nahen Osten und seine Dynamik genau, kennt die Protagonisten. Daher wird Hillary breite Unterstützung aus den Reihen der amerikanischen Juden bekommen, auch wenn es vielleicht den einen oder anderen gibt, der Trump wählen wird.

    Und wie entscheiden Sie sich?

    Für mich steht seit langem fest, dass Hillary meine Favoritin ist. Ich bin mit ihr befreundet und habe sie bereits 2008 im Wahlkampf gegen Obama unterstützt.

    Kommen wir zu den Herausforderungen, vor denen Europa heute steht. Wie betrachten Sie Europa heute?

    Wir sehen sowohl von links als auch von rechts Extremisten im Vormarsch. Beide haben etwas gemeinsam: Sie hassen Juden und sie hassen Israel, dazwischen wird die jüdische Bevölkerung aufgerieben. Vor allem im akademischen Bereich können wir in Europa eine verstärkte Tendenz zum linken Rand beobachten, der die Unterstützer Israels immer mehr unter Druck setzt. Bei den rechten Parteien gibt es Unterschiede, so sind beispielsweise in Ungarn die Faschisten antizionistisch eingestellt. In anderen Ländern dagegen ist die Rechte proisraelisch. Es sind das gefährliche Feinde und gefährliche Freunde. Es wäre erschütternd, wenn sich jüdische Gemeinden mit diesen rechten Gruppierungen verbünden, zum Beispiel beim Umgang mit dem Islam oder den Flüchtlingen.

    Dieses Phänomen ist in Österreich zu beobachten. Die FPÖ ist in der Unterstützung von Israel besonders engagiert.

    Dass die Linke sich so gegen Israel gewendet hat, das ist unverständlich. Israel steht für viele Forderungen der Linken: Menschenrechte, Frauenrechte, Rechte von Homosexuellen. Ich sehe mich als liberaler Unterstützer von Israel. Ich bin durch und durch ein Liberaler. Dennoch werde ich als Konservativer verunglimpft. Es ist eine Tragödie, dass Israel zu einem Streitthema zwischen Rechten und Linken wurde, es wäre wichtig, wenn beide Seiten hinter Israel stünden, durchaus kritisch gegenüber der israelischen Politik. Wir konstatieren jedenfalls, dass in konservativen Kreisen die Unterstützung für Israel wächst.

    Was bedeutet das für die jüdischen Gemeinden?

    Es ist eine gefährliche Zeit für Juden in Europa. Daher ist es besonders wichtig, dass es Israel gibt, als einen Ort, wohin junge Menschen gehen können, wenn sie das wollen. Doch es ist meine Hoffnung, dass Juden weiterhin ein produktives Leben in Europa haben können. Ich bin ein starker Unterstützer der Diaspora- Gemeinden. Glücklicherweise gibt es in Europa starke jüdische Gemeinden, auch in Wien. Es ist wichtig, dass wir in vielen Ländern der Welt jüdisches Leben haben.

    Wie fühlen Sie sich in Wien?

    Ich liebe Wien. Es ist eine wunderbare Stadt mit einer großen jüdischen Geschichte. Es war jedoch so viele Jahre lang eine furchtbare Stadt. Auch wenn Österreich sich von der Opferthese entfernt hat, muss es sich weiter mit seiner Geschichte auseinandersetzen und darf die Vergangenheit nie vergessen.

     

    Alan Dershowitz, geboren 1938 in Brooklyn, New York, ist einer der bekanntesten Rechtsanwälte der USA, politischer Aktivist und Publizist. Er lehrt Rechtswissenschaften an der Harvard University. Dershowitz hat mehrere Bücher veröffentlicht und schreibt seit 2005 Beiträge für die Huffington Post.

    Danielle Spera
    Das NU-Gründungsmitglied ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Davor war sie ORF-Journalistin und Moderatorin. Sie studierte Publizistik- und Politikwissenschaft.
    Danielle Spera

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