Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Ein Nachmittag mit Rita Rosenthal

    Rita Rosenthal ist vermutlich die älteste Bewohnerin von Washington Heights, des ehemaligen Emigrantenviertels deutscher und österreichischer Juden in New York. Am 4. Dezember 2016 wurde sie 106 Jahre alt.
    VON PETER WEINBERGER (TEXT UND FOTO)

    Rita Rosenthal ist im Dezember 106 Jahre alt geworden.
    NU wünscht bis 120!

     

    Rita ist eine sehr gepflegte alte Dame, stets adrett angezogen – sie legt Wert darauf, einmal in der Woche zum Friseur zu gehen – und spielt immer noch Bridge. Auch beim YM & YWHA (Young Men & Young Women Hebrew Association) von Washington Heights und Inwood, das 1917 eines der allerersten in jüdischen Gemeinschaftszentren in New York gegründet wurde und kurz „Y“ genannt wird, hat sie lange ausgeholfen. Rita war 34 Jahre lang mit dem Modeschmuckhändler Walther Rosenthal (verstorben 1976) verheiratet. Ihr ältester Sohn verstarb 2001. NU hat sie an einem Nachmittag besucht und versucht, sie über ihr Leben sprechen zu lassen. Die Unterhaltung erfolgte auf Englisch, wie mit den meisten Emigranten.

    NU: Rita, Sie wurden 1910, also noch vor dem Ersten Weltkrieg geboren, haben Sie noch Erinnerungen daran?

    Rosenthal: Ja, das ist richtig!

    Rita kehrt in der der Erinnerung sofort zurück nach Nürnberg, wo ihre Familie lebte und erzählt, dass ihr Vater und sein Bruder Fahnen aufgehängt haben. „An das erinnere ich mich“, betont sie.

    1933, als die Nazis die Macht übernehmen, waren Sie bereits 23, also erwachsen.

    Als Hitler kam, war ich 22 und ich wusste, was kommen würde. Es gab wenig, das mich hielt.

    Und wann haben Sie Deutschland verlassen?

    1937. Ich kam direkt nach New York. Mein Vater hatte zwei ältere Brüder, die schon 1888 nach Amerika gekommen waren. Der Ältere war bereits verstorben, der andere lebte in Pennsylvania. Er konnte nicht ein Affidavit für die ganze Familie ausstellen. Er hat es für meinen Bruder und für mich getan. Mein Bruder war zehn Jahre jünger als ich. Eine Cousine kam dann 1938.

    Stimmt es, dass Sie nun bereits fast 80 Jahre lang in New York leben?

    Ja, ich lebe jetzt 79 Jahre lang in New York. Hier, wo ich jetzt wohne, lebe ich erst seit 1999, davor in Inwood [15-20 Minuten zu Fuß davon entfernt]. Ich bin dort viel zu lang geblieben. Es war allerdings sehr bequem, das „Y“ zu erreichen.

    Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Washington Heights voll mit Emigranten war?

    Ja, am Anfang war es schrecklich!

    Sie erzählt, wie sie Leute aufgesucht hat, die in Briefen genannt wurden, und die Geld spendeten, sodass sie ebenfalls ein Affidavit ausstellen konnte.

    Haben Sie nach dem Krieg oder auch noch davor einen Beruf ausgeübt?

    Ja, als ich kam, hatte ich verschiedene kleine Jobs hier und dort, es war nicht einfach.

    Sie kehrt in ihren Erinnerungen nach Deutschland zurück und erzählt, dass die Firma ihres Vaters 1936 von Nürnberg nach Berlin verlegt wurde, „weil irgendjemand sie für nichts haben wollte. Die Olympischen Spiele waren vorbei und das war es auch schon. Da hat es angefangen. … Ja, also ich hatte einen Job da und dort.“

    Von den aufgestellten Fotografien lässt sich schließen, dass Sie eine große Familie hier haben.

    Ja, das ist richtig, es sind hauptsächlich meine Enkelkinder.

    Haben Sie hier geheiratet?

    Ja, ich habe hier geheiratet, 1942. Mein Mann entkam erst nach der Kristallnacht. Er hat immer gesagt [sie lacht]: Dass wir verheiratet sind, verdanken wir dem Führer. Sein Englisch war fürchterlich. Da habe ich zu ihm gesagt, aber du liest doch die [New York] Times, worauf er geantwortet hat, Englisch kommt entweder aus dem Deutschen oder aus dem Lateinischen. Neun Jahre Latein sind ausreichend, um alles zu verstehen. Sein Englisch war wirklich fürchterlich. Von einem Abend an haben wir allerdings dann nur Englisch zu Hause gesprochen, davor Deutsch.

    Haben Ihre Kinder Deutsch sprechen gelernt?

    Das war sehr eigenartig. Mein älterer Sohn Peter konnte Deutsch sprechen, er hat es beibehalten, mein jüngerer Sohn Tom hat es niemals gewollt. Er hat es gehasst! … Als mein Vater kam, war er damals bereits 66 Jahre alt, meine Mutter konnte zumindest ein bisschen Englisch.

    Erinnern Sie sich an die Zeit nach dem Krieg?

    [Rita antwortet indirekt] Da hat es jemanden gegeben, der nach seiner Entlassung aus der Armee während des Krieges ein kleines Geschäft mit Broschen und Silbersachen aufgemacht hat. Dort hatte ich eine Ganztagsstelle, bis 1946, bis zur Geburt meines ersten Sohns.

    Ihr Mann, war der auch in der Armee?

    Nein, der war schon zu alt dafür. Er war sehr enttäuscht, denn er wollte unbedingt mit dabei sein.

    Haben Sie Ihre deutsche Staatsbürgerschaft zurückbekommen?

    Nein, habe ich nicht, ich habe ja die amerikanische gehabt.

    Wie lautete Ihr Mädchennamen?

    Horn.

    Sind Sie jemals zurück nach Deutschland gefahren?

    Ja, einmal, und das war dann genug.

    Und jetzt, sprechen Sie gelegentlich noch Deutsch?

    Ja, ich lese immer noch auch auf Deutsch. Ich habe noch ein paar deutsche Bücher, die ich seinerzeit mitgebracht habe. Emil Ludwig, zum Beispiel. Der hat eine großartige Biografie von Napoleon geschrieben, 1928 erschienen. Er hat auch ein Buch über den Kaiser [Wilhelm] geschrieben.

    Gibt es hier in der Nachbarschaft jemanden, mit dem Sie gelegentlich Deutsch sprechen?

    Es hat jemanden direkt im Haus gegeben. Jetzt sind es noch zwei bis drei. Da gibt es eine Frau auf Nummer 620 [Washington Avenue] und eine, die jetzt in einem Heim ist. Die ist 1914 geboren. Aber in meinem Alter?

    Gehören Sie einer jüdischen Gemeinde an?

    Ja, dem Hebrew Tabernacle.

    Das ist sehr „moderat“.

    Ja! Ursprünglich gehörte ich einer anderen Gemeinde an, auf der 182. Straße, die ist allerdings orthodox geworden. Ich bin dort aus einem einzigen Grund eine Zeit lang geblieben, nämlich, weil der vorangegangene Rabbiner verstorben ist und es niemanden mehr gegeben hat, der Kaddisch für Verstorbene gesprochen hätte. Ich weiß, den Orthodoxen nach darf eine Frau nicht Kaddisch sagen, aber ich habe mir meine eigenen Regeln gemacht.

    Und jetzt, gehen Sie gelegentlich ins Tabernacle?

    Ich bin regelmäßig jeden Samstagvormittag gegangen, 2012 bin ich allerdings gefallen und gehe seitdem mit einer Gehhilfe. Es wird immer schlechter, ich werde älter und älter!

    Spielen Sie immer noch Bridge?

    Ja, gelegentlich noch. Das letzte Mal, als ich gespielt habe, habe ich erbärmlich schlecht gespielt.

    Seit wann spielen Sie Bridge?

    Ich habe erst sehr spät angefangen, in den Neunzigerjahren.

    Peter Weinberger

    Peter Weinberger

    war bis 2008 Professor für Allgemeine Physik an der TU Wien und ist seitdem Gastprofessor an der New York University. Er ist auch literarisch tätig.
    Peter Weinberger

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