Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Julya Rabinowich | Nr. 44 (2/2011) - Siwan 5771
  • Ein liebevolles, aber etwas verstaubtes Kleinod

    Das kleine, sehr persönliche Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt ist das älteste seiner Art – und inzwischen selbst beinahe museumsreif.
    Von Barbara Tóth (Text und Fotos)

    Es sind nur ein paar Schritte weg von der touristischen Hauptattraktion Eisenstadts, dem prächtigen Schloss der Fürsten Esterházy, vorbei am Landesmuseum, und dann ums Eck auf einen kleinen Platz, von dem eine schmale Gasse wegführt, in der sich geduckte Barockhäuser aneinanderschmiegen. Den Torbogen zur Gasse ziert ein Judenstern, der Platz selber heißt „Jerusalemplatz“ und das Hinweisschild „Jüdisches Museum“ ist unübersehbar.

    Eisenstadt bekennt sich zu seinem jüdischen Erbe, das wird an jeder Ecke deutlich. Ein wenig historischer Stolz schwingt vielleicht auch noch mit, schließlich war das 1972 eröffnete Jüdische Museum in Eisenstadt das erste seiner Art nach dem Zweiten Weltkrieg – und voller Selbstbewusstsein nannten die Initiatoren es „Österreichisches Jüdisches Museum“. Die Initiatoren, das waren damals der Vorstand des Institutes für Judaistik an der Universität Wien, Kurt Schubert, und der burgenländische Landesrat Fred Sinowatz, späterer Bundeskanzler, oft unterschätzt und wegen seiner Rolle in der Kurt-Waldheim-Affäre politisch auch nicht unumstritten.

    Das Museum selbst ist in einem historischen Haus untergebracht, dem sogenannten „Wertheimerhaus“, einem repräsentativen Anwesen mit einem großen Innenhof. Samson Wertheimer (1658–1724) war als Bankier des Kaisers wohlhabend, als Landesrabbiner von Ungarn aber auch der Sache so verbunden, dass er sich eine eigene Synagoge baute. Sie befindet sich im ersten Stock des Hauses, man betritt sie über eine Doppelholztür von einem Pawlatschengang aus – rechter Flügel für die Männer, linker für die Frauen. Wie einen versteckten Schatz, ein wunderschöner Raum, unerwartet und deswegen sehr berührend.

    Eine aktuelle Ausstellung gibt es bedauerlicherweise nicht, erfährt man im Büro, das sich seit den 1970er-Jahren wohl kaum wesentlich verändert hat. Die Dauerausstellung und die beiden jüdischen Friedhöfe sind jedoch zu besichtigen, den Schlüssel gibt es im Büro. Keine aktuellen Ausstellungen, und das im Liszt-Jubiläumsjahr? Das verwundert, aber wer die liebevoll, aber doch unglaublich konventionell und verstaubten Ausstellungsräume im ersten Stock besucht, bekommt eine Ahnung, warum.

    Hier werden brav und nachvollziehbar die Festtage des jüdischen Jahres erklärt, danach folgen die wichtigen Riten im Laufe eines gläubigen, jüdischen Lebens mit den dazugehörigen Gegenständen. Ein Raum widmet sich jüdischen Tugenden, etwa der Gelehrsamkeit. Eine Schultafel und eine alte Schulbank stehen im Raum, Kinder können sich hinsetzen und anhand des hebräischen Alphabets ihren Namen von rechts nach links schreiben. In der Ecke steht ein Computer mit weiteren Informationen, der selbst schon gut in ein ITMuseum passen würde. So stellt man sich ein Volkskundemuseum am Land vor. Der so wichtige Bezug zum Burgenland wird erst in den letzten Räumen hergestellt – da ist die ausgezeichnet aufbereitete Homepage des Museums inzwischen weit informativer und moderner gestaltet. Hier kann man etwa die eindrucksvollen Erinnerungen Meir Ayalis an seine Kindheit in der Judengasse Eisenstadts in voller Länge nachlesen. Der allerletzte Raum ist abgedunkelt, eine Hitlerfahne und stilisierte Blumen – für die Konzentrationslager, in denen Juden ermordet wurden – erinnert an die Nazi-Verbrechen. Es wirkt ein wenig so, als hätte diese Installation eine Schulklasse gestaltet. Die Lichtstrahler – sind es solche? – im Boden lassen sich nicht einschalten. Es bleibt der Eindruck: Dieses Museum ist bei aller Liebenswürdigkeit inzwischen selbst zum Museum geworden. Schade, denn ein Blick auf die, wie schon erwähnt, sehr übersichtlich gestaltete Homepage zeigt, welches Spektrum ein Jüdisches Museum in Eisenstadt auch abdecken könnte. Da ist zum einen die spannende Geschichte des burgenländischen Judentums, die eng verbunden mit der Geschichte der beiden wichtigsten Fürstenhäuser, der Esterházys und der Batthyánys ist und natürlich mit der geopolitischen Lage Burgenlands zwischen Österreich und Ungarn. Viele Fragen der Gegenwart ließen sich auch in Form einer Dauerausstellung daran anknüpfen. Was ist eine Schutzmacht? Wer wird dazu? Wie verhält sich eine Mehrheit zur Minderheit? Was sind Grenzregionen, welche Konflikte entstehen dort?

    Die ersten sicheren Spuren von Juden auf dem Gebiet des Burgenlandes finden sich im 13. Jahrhundert. Im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts wächst die Gemeinde rasant, einige der 1670 aus Wien von Kaiser Leopold I. vertriebenen Juden gründen die jüdische Gemeinde Eisenstadt. Am bekanntesten unter den jüdischen Gemeinden des Burgenlandes, das bis 1921 zu Ungarn gehörte, sind die sogenannten „Sieben-Gemeinden“, hebräisch: „Scheva Kehillot“ (Kittsee, Frauenkirchen, Eisenstadt, Mattersdorf (bzw. -burg), Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz), die alle unter dem Schutz der mächtigen Familie Esterházy standen. Im heutigen Südburgenland gab es fünf jüdische Gemeinden unter dem Schutz der Fürsten Batthyány, darunter Güssing und Stadtschlaining. Heute leben laut Museum in Eisenstadt zwei, in ganz Burgenland 12 jüdische Familien.

    Wer das Museum im Wertheimerhaus besucht, sollte unbedingt die beiden Friedhöfe besichtigen. Sie sind – wie so oft – die letzten stummen und eindrucksvollen Zeugen der einst blühenden jüdischen Gemeinde, nicht hinter Mauern abgeriegelt, sondern nur mit einem einfachen Zaun geschützt und derzeit eingezwängt zwischen mehreren Baustellen. Ein Seniorenheim wird renoviert, ein Krankenhaus in Eisenstadt neu errichtet. Auch hier, wie beim Museum, stellt sich die Frage, wie Eisenstadt mit diesem Ort der Erinnerung in Zukunft umgehen möchte. An die in den 1970er-Jahren begonnene Pionierarbeit der Sichtbarmachung jüdischer Lokalgeschichte gehört dringend angeknüpft – mit den Mitteln der Gegenwart.

    JÜDISCHES MUSEUM EISENSTADT
    Unterbergstraße 6
    7000 Eisenstadt
    Telefon: +43 (0)2682 65145
    Mail: info@ojm.at
    Homepage: www.ojm.at
    Öffnungszeiten:
    2. Mai bis 26. Oktober: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr
    27. Oktober bis 1. Mai: Montag bis Donnerstag, 9 bis 16 Uhr; Freitag, 9 bis 13 Uhr.

    Barbara Tóth

    Barbara Tóth

    ist promovierte Historikerin, Buchautorin und Leiterin des Politik-Ressorts der Wiener Stadtzeitung Falter.
    Barbara Tóth

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