Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Ein Künstler mit Adelsprädikat

    Vor 75 Jahren, am 15. März 1942, starb der Wiener Komponist Alexander Zemlinsky im amerikanischen Exil.
    VON MARTIN RUMMEL

    Zemlinskys Familiengeschichte exponiert die Absurdität des rassischen Vorurteils wie kaum eine andere: Sein Großvater väterlicherseits, Anton Semlinsky, kam aus dem damaligen Ungarn (der heutigen Slowakei, was die Schreibweise des Namens erklärt) nach Wien und begründete mit seiner Frau einen zutiefst katholischen Haushalt, dem Zemlinskys Vater Adolf entstammte. 25-jährig trat dieser 1870 aus der katholischen Kirche aus und fand eine neue spirituelle Heimat in der türkisch-israelitischen Gemeinde. Der Mode der Zeit folgend, ungarisierte Adolf seinen Familiennamen zu „Zemlinszky“ und fügte – er wollte schließlich Schriftsteller werden – gleich noch ein adeliges „von“ hinzu. Zemlinskys Mutter Clara, halb jüdisch und halb muslimisch, und Adolf von Zemlinszky heirateten 1871 – diese Tatsache brachte Adolf und seine neue Familie in die sephardische Gemeinde in Wien.

    Fest in jüdischen Kreisen verwurzelt

    Im selben Jahr, am 4. Oktober 1871, wurde „Alexander von Zemlinszky“ geboren und durchlief eine ganz normale Jugend in der Leopoldstadt: zwei Jahre in der Midrasch Eliahu in der Novaragasse, dann in der allgemeinen Volksschule. Im Alter von 13 Jahren wurde er zum Klavierstudium ins Konservatorium aufgenommen, wo er unter anderem bei Robert Fuchs und Anton Bruckner Theorie studierte. Daneben spielte er Klavier und Orgel in der Synagoge. Knapp vor seinem Studienabschluss am Konservatorium 1892 begann er ernsthaft zu komponieren und zog schon bald Johannes Brahms’ Wohlwollen auf sich. Sein op. 1 aus dem Jahre 1891 wurde bei Breitkopf & Härtel verlegt, und – auf Brahms’ Empfehlung hin – sein Klarinettentrio op. 3 bei Simrock in Leipzig.

    Befeuert durch die Dreyfus-Affäre (1894), war der Antisemitismus im deutschnationalen Wien des Karl Lueger in vollem Schwung. Zemlinszky trat 1899 aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus, wurde zunächst Freimaurer und konvertierte 1906 zum Protestantismus. Er änderte seinen pseudo-ungarischen Namen zu „Alexander Zemlinsky“ und führte das vermutlich unrechtmäßige Adelsprädikat fortan nur noch als Teil seines Künstlernamens als Dirigent. Und weil schon aus „Alexander von Zemlinszky“ Alexander Zemlinsky geworden war, machte er sich auch gleich jünger: Sein offizielles Geburtsdatum war fortan der 4. Oktober 1872.

    Trotz seines Austritts aus der Kultusgemeinde blieb Zemlinsky fest in jüdischen Kreisen verwurzelt: Seine Schwester Mathilde heiratete 1901 Arnold Schönberg (dessen einziger wirklicher Musiklehrer Zemlinsky war), und Zemlinsky wurde Kapellmeister am Carltheater in der Leopoldstadt. Berühmt wurde seine Affäre mit seiner nur acht Jahre jüngeren Schülerin Alma Schindler, die ihn prompt zugunsten Gustav Mahlers verließ. Es heißt, dass Zemlinskys Oper Der Zwerg (nach Oscar Wilde) durchaus autobiografische Züge trage: Zemlinsky war nur 1,59 m groß, und die scharfzüngige Alma Schindler-Mahler- Werfel-Gropius, die ihn wohl auch nicht heiraten wollte, weil sie nicht Mutter von jüdischen Kindern sein wollte, beschrieb ihn äußerlich als „eine Carricatur – kinnlos, klein, mit heraus quellenden Augen“. Zemlinsky heiratete zunächst 1907 Ida Guttman, geboren in Brno 1880, die ihm eine Tochter gebar, und nach ihrem Tod 1929 seine langjährige Geliebte Louise Sachsel.

    Zur falschen Zeit am falschen Ort

    Nach dem 12. März 1938 bemühte sich Zemlinsky um einen Ariernachweis, doch die Heiratsurkunde seiner katholischen Eltern und seine eigene Geburtsurkunde, die beide in der Kultusgemeinde aufbewahrt waren, wurden von der Gestapo konfisziert. So blieb Zemlinsky und seiner zweiten Frau nur die Ausreise nach Amerika. Durch die Ereignisse geschwächt und gebrochen, starb Zemlinsky 1942 in Larchmont, New York. Seine Witwe Louise, geboren 1900, überlebte ihn um fünfzig Jahre und starb vor 25 Jahren, am 19. Oktober 1992.

    Mit seinem Schwager Arnold Schönberg, der 1941 amerikanischer Staatsbürger wurde, hatte sich Zemlinsky über Detailfragen der Zwölftonmusik schon früher zerstritten. Zemlinskys Schwester, Mathilde Schönberg, war bereits am 18. Oktober 1923 verstorben; Nuria Nono-Schoenberg (*1932), der Rechtsanwalt Ronald Schoenberg (*1937) und Lawrence (*1941) sind Kinder seiner zweiten Frau, Gertrud Kolisch, die Schönberg neun Monate später heiratete.

    Alexander (von) S/Zemlins(z)ky, direkter musikalischer Nachfahre von Johannes Brahms, war wohl zeitlebens zur falschen Zeit am falschen Ort, und alle Assimilationsversuche seines Vaters an die jeweiligen Gegebenheiten sind ebenso kläglich gescheitert wie seine eigenen.

    Martin Rummel

    Martin Rummel

    Der Cellist ist international als Solist und Kammermusiker tätig. Als leidenschaftlicher Musikvermittler ist er Eigentümer und Mastermind von „paladino media“.
    Martin Rummel

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