Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
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  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Ein König für die Juden

    Der britische Thronfolger Charles, Prince of Wales, und seine Gemahlin Camilla, Duchess of Cornwall, besuchten im Rahmen ihres Wien-Aufenthaltes das Jüdische Museum Wien. Das britische Königshaus hat heute einen entspannten Umgang mit dem Judentum.
    VON DANIELLE SPERA

     

    Es war ganz sicher die Hochzeit des Jahres: Pippa Middleton, die Schwester von Herzogin Kate, heiratete im Mai den Finanzexperten James Matthews. In einer für ihre Familienverhältnisse bescheidenen (nicht allerdings, was das Budget von fast einer Million Euro betrifft…), exklusiven Zeremonie gaben sie einander das Ja-Wort. Die Society-Vermählung ließ die Gerüchte wieder aufleben, dass Pippa und Kate eigentlich aus einer jüdischen Familie stammen sollen. Bereits anlässlich der ersten Begegnungen zwischen Kate Middleton und Prinz William wurde darüber spekuliert, dass Kates Mutter, geborene Goldsmith, einen jüdischen Vater hätte und damit vielleicht Spuren eines jüdischen Familienlebens in das Haus Windsor einziehen könnten. Spätestens nach der Vermählung von Prinz William und Kate Middleton im Jahr 2011 erreichten die Spekulationen ihren Höhepunkt. Ein namentlich nicht genannter sefardischer Rabbiner aus Israel wurde zitiert, der die Familiennamen der Vorfahren von Kate und Pippas Mutter, Goldsmith, Temple, Harrison oder Myers als „jüdisch“ definierte und die Familie somit auch kascherte. Diese Ansage forderte die jüdische Ahnenforschung heraus. Die Namen Goldsmith, Myers oder Temple kämen durchaus auch bei nichtjüdischen Familien vor.

    Die Vorfahren von Kate und Pippa seien Minenarbeiter gewesen und stammten aus Regionen, in denen es keine jüdischen Gemeinden gab. Die Recherchen der Jewish Genealogy Society endeten mit dem Appell: „Akzeptiert es: Kate ist keine ,Jewish Princess‘“, und die Times of Israel schrieb anlässlich der Geburt von Prinz George: „Middleton, Schmiddelton, der neue Erbe ist nicht jüdisch“.

    Beschneidung als Tradition im britischen Königshaus

    Das britische Königshaus hat alles in allem heute einen entspannten Umgang mit dem Judentum. Zwar ist Königin Elizabeth in ihrer 60-jährigen Regentschaft noch nie nach Israel gereist, doch hat sie vor zwei Jahren das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen besucht, das einzige Konzentrationslager, das 1945 von britischen Truppen befreit wurde. In ihrer Amtszeit hat die Queen zahlreiche Rabbiner und andere jüdische Persönlichkeiten in den Adelsstand erhoben bzw. zu Mitgliedern des House of Lords ernannt. Und Prinzessin Anne ist in zweiter Ehe mit Timothy Laurence verheiratet, der väterlicherseits jüdische Vorfahren hat. Ganz abgesehen davon gibt es im britischen Königshaus die Tradition, dass jedes männliche Baby von einem Mohel (einem religiös ausgebildeten Mann, der nach jüdischem Ritus Beschneidungen vornimmt – im Fall von Prinz Charles war es der Rabbiner Dr. Jacob Snowman) beschnitten wird. Bisher hatte sich lediglich Prinzessin Diana geweigert, dies bei ihren Söhnen William und Harry durchführen zu lassen.

    Am engsten ist vermutlich Prinz Charles mit der jüdischen Gemeinde verbunden. So pflegt er eine herzliche Bekanntschaft mit dem früheren britischen Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks, der gleich alt ist wie er. Bei dessen Pensionierung sagte Prinz Charles in seiner Rede mit dem ihm eigenen Humor: „Wie haben jetzt beide das offizielle Pensionsalter erreicht. Bei Ihnen ist es wohl realistischer als bei mir …“

    Als erster Vertreter der königlichen Familie wohnte Charles der feierlichen Amtseinführung des neuen britischen Oberrabbiners Ephraim Mirvis bei und trug seine ganz spezielle Kippa aus blauem Samt mit seinem aufgestickten Wappen. Und die Biografin des Prince of Wales, Catherine Mayer, ist überzeugt, dass Charles ein guter König für die Jüdinnen und Juden in Großbritannien sein wird, er sei an Religion interessiert mit einer Leidenschaft für religionsübergreifende Initiativen und großer Aufmerksamkeit für die Nahostpolitik. In einem Interview mit dem Jewish Chronicle sagt Mayer: „I’m sure that Charles will be a King for the Jews.“

    Nach einem Besuch in Polen im Jahr 2002 setzte sich der britische Thronfolger persönlich für die Schaffung eines jüdischen Gemeindezentrums in Krakau ein, das er mit seiner Gattin Camilla sechs Jahre später eröffnete. Als Förderer der wichtigen britischen jüdischen Wohlfahrtsorganisation World Jewish Relief hielt er heuer eine Rede, in der er feststellte, dass die schrecklichen Lehren des letzten Krieges zunehmend in Vergessenheit gerieten. Dem möchte er entgegenwirken und setzt sich auch engagiert dafür ein.

    Eine überraschende Nachricht

    Bei seinem Besuch in Wien im April dieses Jahres suchten sich die königlichen Hoheiten Charles und Camilla ganz bewusst das jüdische Museum als eines ihrer Ziele aus und hatten auch den Wunsch geäußert, Wiener Jüdinnen und Juden zu treffen, die die Schoa überlebt hatten. Bei diesem Gespräch ließ Charles mit einer überraschenden Nachricht aufhorchen. Seine Großmutter habe im Zweiten Weltkrieg Juden gerettet. Während die britischen Medien, die die königlichen Hoheiten nach Österreich begleitet hatten, dieses weitgehend unbekannte Faktum groß berichteten, blieb die Enthüllung in der österreichischen Presse angesichts des Trubels um den royalen Besuch unbeachtet.

    In bewegenden Worten sprach er über den Einsatz seiner Großmutter väterlicherseits. Die Mutter von Prinz Philipp, Prinzessin Alice von Battenberg, die mit Prinz Andreas von Griechenland verheiratet war, arbeitete während des Zweiten Weltkriegs in Athen für das Rote Kreuz. Dort versteckte sie die jüdische Familie Cohen vor den Nazis. Alice von Battenberg war von Geburt an taub, und so gab sie vor, nichts zu verstehen, als sie dazu von den Nazis befragt wurde. Für ihren Mut und ihr Engagement wurde Prinzessin Alice 1993 posthum von der israelischen Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem als eine Gerechte unter den Völkern geehrt und ist auch in Jerusalem begraben. „Meine Großmutter war eine einmalige Frau. Sie hat über viele Jahre geheimgehalten, dass sie eine jüdische Familie gerettet hat. Anlässlich des Begräbnisses von Präsident Shimon Peres in Jerusalem habe ich ihr Grab besucht,“ so Prinz Charles.

    Die Geschichte seiner Großmutter bildete den Auftakt zu seinem Gespräch mit Schoa-Überlebenden im Jüdischen Museum Wien. Der britische Thronfolger war dabei besonders daran interessiert, wie jene, die 1938/39 durch einen Kindertransport nach Großbritannien gerettet wurden, bei den britischen Familien aufgenommen worden waren. Ob die Familien ohnedies nett gewesen wären, war eine der Frage, die er an seine Gesprächspartner stellte. Für die Organisation der Kindertransporte nach Großbritannien zeichnete übrigens der 1933 gegründete World Jewish Relief Fund verantwortlich, der heute von Prinz Charles unterstützt wird.

    Bei seinem Besuch im Jüdischen Museum Wien wollte der britische Thronfolger nicht nur über das Thema Holocaust sprechen, sondern auch das Vermittlungsprogramm des Museums für muslimische Flüchtlinge kennenlernen und vor allem mit Betroffenen zusammentreffen. Die Gruppe, die an diesem Tag im Museum Erkenntnisse über die jüdische Geschichte und Gegenwart bekam, bestand aus jungen Menschen aus Afghanistan, die seit etwa einem Jahr in Österreich leben. Alle sprachen hervorragend Deutsch, aber nicht Englisch. Prinz Charles entschuldigte sich für seine mangelnden Deutschkenntnisse und unterhielt sich mit jedem Einzelnen. Ihn interessierte vor allem, wie die jungen Menschen nach Österreich gekommen waren und ob sie mit ihrer Familie flüchten konnten.

    Dass das Jüdische Museum Wien und das Jewish Museum London bereits zusammengearbeitet haben und in Wien die Ausstellung über Amy Winehouse zu sehen war, freute den Prince of Wales, der auch als Schirmherr des Jüdischen Museums London auftritt. Seine Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinde sei so tief, dass Charles gedenke, innerhalb der nächsten drei Jahre zum Judentum zu konvertieren, schrieb die britische Jewish Week am 1. April 2014. Herzogin Camilla würde das unterstützen, und bereits Backkurse für das traditionelle Schabbat- Brot absolvieren. Auch die Queen sei von diesen Plänen ihres Sohnes sehr angetan. Wer allerdings heuer auf die Vollzugsnachricht gewartete hatte, wurde enttäuscht. Diese Meldung der Jewish Week war ein Aprilscherz.

    Danielle Spera
    Das NU-Gründungsmitglied ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Davor war sie ORF-Journalistin und Moderatorin. Sie studierte Publizistik- und Politikwissenschaft.
    Danielle Spera

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