Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Rezension
  • SCHLAGWöRTer: , ,
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Ein Jahrhundert in 99 Songs

    Eine Musik-Anthologie von Wolfgang Kos.
    VON OTMAR LAHODYNSKY

    Das 20. Jahrhundert anhand von 99 wegweisenden Songs darzustellen, ist ein ehrgeiziges Projekt. Wolfgang Kos, Historiker, Musik-Journalist auf Ö1 und ehemaliger Direktor des Wien Museums, hat es gewagt. Und das Ergebnis ist durchaus gelungen. Der Bogen spannt sich von der Operetten- Arie Ich bin eine anständige Frau aus der Lustigen Witwe von Franz Lehár – einer der ersten Gassenhauer aus dem Jahr 1905 – bis zum senegalesischen Weltmusik-Vertreter Youssou N’Dour mit dem Song Birima aus dem Jahr 1999. Dazwischen beschreibt Kos die von ihm ausgewählten Musikstücke, die auf ihre Art Geschichte machten oder einen Trend auslösten. Kos wählte nur Songs aus, daher verzichtete er auf Werke von Pink Floyd. Mit Strange Fruit hat Billie Holiday 1939 die Lynchjustiz an Afroamerikanern eindringlich angeprangert. Zur selben Zeit erscheint Lili Marleen, der „Hit des Zweiten Weltkriegs“ (Kos), der auch in den USA durch Marlene Dietrich zum Schlager wurde. 1938 haben Hermann Leopoldi (Musik) und Fritz Löhner- Beda (Text) mit dem Buchenwald-Lied das KZ-Grauen der NS-Zeit dokumentiert.

    Lust zum Nachhören

    Die Auswahl von 1945 bis 1960 reicht vom Existenzialisten-Chanson Les feuilles mortes von Jacques Prévert bis zum Bossa-Nova-Hit Desafinado von Antônio Carlos Jobim und Mendonça, der für eine eigenständige Musikrichtung steht, mit der sich junge brasilianische Musiker in den Fünfzigerjahren vom Samba emanzipierten.

    Edith Piafs trotzige Ode Non, je ne regrette rien leitet das Kapitel der wilden Sechziger ein: Bob Dylan wird mit der Wende-Hymne The Times They Are A-Changin’ gewürdigt, dazu noch My Generation von The Who, Leonard Cohens Lied über seine unangepasste Muse Suzanne, James Browns Kampfansage an die weiße Herrschaft Say It Loud – I’m Black And I’m Proud, der Italo-Ohrwurm Azzurro von Paolo Conte und das Beziehungsdrama Me And Bobby McGee, mit dem Kris Kristofferson ein musikalisches Denkmal für Janis Joplin setzen sollte.

    Die Siebzigerjahre eröffnet Joni Mitchell mit dem ersten Umweltsong Big Yellow Taxi, die Sex Pistols stehen mit Anarchy In The UK für die freche Punk-Bewegung. John Lennon hat mit Imagine ein ungewollt religiöses Lied geschrieben, die Village People schufen mit YMCA nicht nur einen Disco- Dauerbrenner, sondern auch ein Coming- out für die homosexuelle Szene.

    Den Abschluss für die Achtzigerund Neunzigerjahre bilden unter anderem Peter Gabriels Lied Biko für den ermordeten Apartheid-Gegner Steve Biko, Falcos Welthit Der Kommissar, Madonna mit Like a Prayer und Bob Dylans Mississippi. Deutsche Songwriter sind mit Wolf Biermanns Ermutigung, Nenas 99 Luftballons, Udo Lindenbergs Sonderzug nach Pankow, Männer von Herbert Grönemeyer und Trans Europa Express von Kraftwerk vertreten. Manche werden Songs von den Doors, Frank Sinatra, Bob Marley, Melina Mercouri oder Vladimir Vissotski vermissen, aber die Auswahl eines solchen Jahrhundert-Kanons bleibt immer subjektiv.

    Das Buch deckt jedenfalls unbekannte Hintergründe von im Gedächtnis gebliebenen Liedern auf und macht Lust zum Nachhören.

     

    Wolfgang Kos
    99 Songs – Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts
    Brandstätter-Verlag, Wien 2107
    320 Seiten, EUR 39,90.

    Otmar Lahodynsky

    Otmar Lahodynsky

    ist EU-Koordinator beim Nachrichtenmagazin profil. Früher Brüssel-Korrespondent und stv. Chefredakteur der Zeitung Die Presse und Außenpolitik- Ressortchef beim Kurier. Präsident der „Association of European Journalists“ (AEJ).
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