Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Jüdische Identität | Nr. 06 (3/2001) - Chanukah 5762
  • Ein bisschen juedisch?

    Werner Hanak, Kurator des Jüdischen Museums in Wien, beschreibt die Begegnung mit einer Gruppe von Juden in New York. Sie wollten wissen, wie er als Nicht-Jude in dieser Position arbeiten kann. Ein Ding der Unmöglichkeit? Oder die beste Voraussetzung? Ein Erfahrungsbericht.
    Von Werner Hanak

    Eigentlich fuhr ich nach New York, um die Ausstellung “Style and Humor” über die Modedesignerin Lucie Porges und den Cartoonisten Paul Peter Porges zu eröffnen. Doch die New Yorker Premiere dieser Ausstellung, die wir am Jüdischen Museum in Wien im letzten Jahr gezeigt hatten, war am fatalen 11. September 2001 angesetzt.

    Am Tag nach der Katastrophe versuche ich zu erkunden, ob irgendeiner meiner anderen Termine stattfinden würde. Ein schwieriges Unterfangen, denn niemand weiß so genau, was er oder sie am nächsten Tag wirklich machen wird. Mein nächstes Treffen ist bei CLAL (Center for Learning and Leadership), einem New Yorker jüdischen think tank, in dem wichtige Fragen zur Zukunft gestellt und diskutiert werden, etwa zur Globalisierung oder Genforschung. Im Büro von CLAL in der Park Avenue hebt heute niemand ab, was mich nicht wundert, da keine U-Bahnen fahren und viele Menschen in Brooklyn wohnen. Glücklicherweise erfahre ich aber über die voice mail von Shari Cohen, die mich zu dem Treffen eingeladen hatte, dass der Termin mit “Werner Hanak, Curator of the Jewish Museum Vienna” wie geplant, am 13. September stattfindet. Ich bin froh, in all der Konfusion einen Fixpunkt zu haben und beschließe, mich auf das Treffen vorzubereiten. Auf der Homepage www.clal.org öffne ich die Biographien der dreizehn ständigen MitarbeiterInnen. Ich finde Politikwissenschaftler, Philosophen, Kulturwissenschaftler und sieben Rabbiner. Zu meiner Überraschung arbeiten hier orthodoxe und konservative Rabbiner zusammen, sogar eine Rabbinerin aus der Reformbewegung ist mit dabei.

    Am nächsten Tag sitzen einige der Mitarbeiter im fensterlosen Seminarraum um mich herum und ich präsentiere mein Konzept der 1999 in Wien gezeigten Ausstellung “Eden-Zion-Utopia. Zur Geschichte der Zukunft im Judentum”. Die Anwesenden hören mir konzentriert zu, und doch merke ich bald, dass mein Zukunfts-Projekt nur ein Punkt auf der heutigen Tagesordnung ist. Zweites Thema ist meine Person selbst. “Werner is a non-Jewish Curator in a Jewish Museum”, teilt Shari ihren Kollegen mit und es ist nun offensichtlich, dass diese Tatsache für New York, wo über zwei Millionen Juden leben, etwas sehr Ungewöhnliches ist: Wie ich in das Museum gekommen sei. Warum ich mich dafür entschieden hätte. Was die Juden in Wien dazu sagten. Und die Nichtjuden. Ob es in Europa ein offeneres Konzept innerhalb des Judentums gebe. Ob ich Christ sei.

    Hier im Seminarraum des New Yorker Jewish Center for Learning and Leadership finde ich mich zum erstenmal in meiner neunjährigen Laufbahn als Kurator des Jüdischen Museums in jener Situation wieder, in die ich so oft andere Menschen gebracht habe. Denn ein Großteil meiner Arbeit besteht aus Fragen. Fragen an Künstlerinnen, Emigranten, Remigrantinnen, Überlebende, ihre Angehörigen, ihre Freunde. Antworten auf die Fragen der CLAL-Mitarbeiter sind nicht leicht zu finden: Nein, Judaistik studiert habe ich nicht. Theaterwissenschaft. Meine Diplomarbeit habe ich über die jüdischen Theater in der Praterstraße geschrieben. Ich habe mich im Museum vorgestellt, als ich noch Student war. Dann haben wir das Haus eröffnet und ich bin hineingewachsen, habe Ausstellungen konzipiert. Über das Judentum habe ich in der Schule in Religion und Geschichte gelernt. Juden habe ich keine gekannt. Mein Vater ist evangelischer Pfarrer. Meine Mutter hat in der Entwicklungspolitik gearbeitet. Meine beiden Großväter waren Mitglieder der NSDAP. Mit meinen Gesprächspartnern stimme ich überein, dass dies alles keine Voraussetzungen für eine Karriere in einem österreichischen jüdischen Museum sind. Oder doch? Es ist schwierig, denn oft scheinen mir die Antworten auf die Frage, warum ich im Wiener Jüdischen Museum arbeite, einleuchtend und klar. Ich kann die Chronologie erklären: Wie ich auf das Thema meiner Diplomarbeit kam. Wie über die Beschäftigung mit dem jüdischen Theater der Leopoldstadt mein Interesse für die Juden in Wien gewachsen ist. Wie ich mich dann im Museum vorgestellt habe. Ich kann auch den Faden verfolgen, der sich daraus ergibt, dass ich ein Kind oder besser ein Enkel der “Tätergesellschaft” bin und nun versuchen möchte, den Dialog mit Juden wieder aufzunehmen. “Vielleicht wünsche ich mir, dass meine Großeltern mehr wie Lucie und Paul Peter Porges gewesen seien, dass sie auf der richtigen Seite gewesen wären”, sage ich und halte den von mir gestalteten Ausstellungskatalog über die beiden New Yorker Künster, die aus Wien vertrieben wurden, in die Runde. “Vielleicht bin ich auf der Suche nach neuen Großeltern”, höre ich mich noch sagen, währe n d mir das gleichzeitig auch eine unzure ichende Antwort zu sein scheint. Das Gespräch dauert über drei Stunden und meine intensive Suche nach Antworten ist ermüdend. Ob ich vorhabe zu konvertieren, lautet dann noch eine Frage. Ich verneine, aber es wird mir an diesem Nachmittag immer klarer, dass meine Identität in den Jahren meiner Arbeit am Jüdischen Museum, der Beschäftigung mit der jüdischen Religion und Kultur und in den vielen Begegnungen mit Juden wohl eine jüdische Dimension bekommen hat.

    “Ein bisschen jüdisch?” Das klingt zu absurd und ich schüttle den Kopf. Als wir das Meeting beenden, versprechen wir einander, in Kontakt zu bleiben und verabschieden uns. Ich trete hinaus auf die Park Avenue, im Süden der Stadt raucht es, manche U-Bahnlinien fahren wieder. Ich nehme den Zug hinauf an die Upper Westside. Die Gesichter und Gespräche der letzten Stunden ziehen an mir vorbei. Das was ich meine Identität nenne, scheint einem steten Wandel zu unterliegen. Einem Wandel, den ich nur selten wahrnehme – am ehesten fern von zu Hause.

     

    Zur Person

    We rner Hanak, geb. 1969, ist seit 1993 Kurator am Jüdischen Museum Wien. In dieser Funktion gestaltete er laufend Ausstellungen, leitet die Bibliothek des Museums und ist Lehrbeauftragter am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Uni Wien.

    Werner Hanak-Lettner

    Werner Hanak-Lettner

    Chefkurator am Jüdischen Museum Wien mit großer Liebe zur Musik, insbesondere zum Sound des 18.-21. Jahrhunderts. Kuratierte sowohl "quasi una fantasia. Juden und die Musikstadt Wien" als auch die Mozartwohnung und das Haydnhaus in Wien.
    Werner Hanak-Lettner

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