Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • „Drei-Religionen- Tour“ des Neuen im Weißen Haus

    Mit einer „Drei-Religionen- Tour“ begann der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika seine Auslandsreisen. Demonstrativ besuchte er die Zentren der drei großen monotheistischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Im Tross der etwa 600 Begleiter von Donald J. Trump waren außer seiner Frau Melania noch seine Tochter Ivanka und deren Ehemann Jared Kushner.
    VON JOHANNES GERLOFF

    © EVAN VUCCI / AP / PICTUREDESK.COM; © EVAN VUCCI / AP / PICTUREDESK.COM

     

    Bereits sein Auftritt in Saudi-Arabien wurde von Israel aus genau beobachtet. Das Königreich bereitete dem im Westen viel belächelten Geschäftsmann einen Empfang, wie er nur „einem König gebührt“. Einen Monat lang hatte der 81-jährige König Salman bin Abdulaziz Al Saud Asien bereist, um führende Repräsentanten von 55 muslimischen Ländern, praktisch die gesamte sunnitische Welt, in Riad zu versammeln. Offen fragten sich Israelis, warum der US-Präsident mit dem Namen „Hussein“ das nicht geschafft hatte?

    Sofort bemerkten israelische Beobachter, dass Melania und Ivanka in Saudi-Arabien keine Kopfbedeckung trugen. Dass die beiden Trump-Frauen beim Papstbesuch ein paar Tage später im Vatikan eine schwarze Kopfbedeckung trugen, macht diese Tatsache zu einer Demonstration. Belustigt bemerkte man, dass der amerikanische Präsident in den arabischen Medien bald nur noch „Abu Ivanka“ genannt wurde, während die sozialen Netzwerke Filmausschnitte herumreichten, die unverhohlen lüsterne Blicke von altehrwürdigen saudischen Scheichs auf die beiden Trump-Damen zeigten.

    Präzedenzlos klar

    Trumps Worte vor dem erlauchten Forum des „Arabisch-islamisch-amerikanischen Gipfels“ waren präzedenzlos klar. So offen war in den königlichen Prunkhallen von Riad wohl noch nie „die Unterdrückung der Frauen, die Verfolgung von Juden und das Abschlachten von Christen“ angeprangert worden. Der Präsident fand eine Sprache, die die Straße versteht. Mit Blick auf den islamistischen Terror sagte er: „Barbarismus wird nie Herrlichkeit erwirken. Hingabe an das Böse wird keine Würde bringen. Wenn Sie den Weg des Terrors wählen, wird Ihr Leben leer und kurz sein. Ihre Seele wird Verdammnis erleiden.“

    Der Abschluss eines 110-Milliarden- US-Dollar-Waffendeals mit dem ölreichen, aber erzkonservativen Wahhabitenkönigreich verursachte in Israel Stirnrunzeln.

    Freundschaftsdemo

    Als der Trump-Tross in Israel eintraf, überschlugen sich die Kommentatoren: „Ganz anders“ sei die Atmosphäre im Vergleich zu allen vorangegangenen Besuchen amerikanischer Präsidenten. Der bekannte TV-Journalist Oren Nahari meinte: „Das ist kein Besuch, sondern eine Demonstration der Freundschaft!“

    Vor Trumps Abschiedsrede im Israelmuseum in Jerusalem begrüßte Benjamin Netanjahu seinen Gast mit der programmatischen Ansage: „Gemeinsam müssen wir diejenigen vernichten, die den Tod verherrlichen, und diejenigen schützen, die das Leben schätzen.“ Trump antwortete mit einer Ansprache, der – so stellten israelische Kommentatoren fest – „jede Ausgewogenheit fehlte“. Der 45. US-Präsident unterstrich „die Verbindungen des jüdischen Volkes mit dem Heiligen Land“ als „uralt und ewig“. Er erzählte, dass er an der Westmauer Gott um Weisheit gebeten habe. Und in Israels zentraler Holocaustgedenkstätte gelobte Trump das obligatorische „Nie wieder!“

    Stehende Ovationen

    Trump brachte weiter seine „Ehrfurcht vor den Errungenschaften des jüdischen Volkes“ zum Ausdruck, um dann zu versprechen: „Meine Administration wird immer zu Israel stehen!“ Die Erklärung: „Irans Führer rufen immer wieder zur Vernichtung Israels auf. Nicht mit Donald J. Trump!“ wurde von den anwesenden israelischen Honoratioren mit stehenden Ovationen quittiert.

    Noch nie, hörte man immer wieder, ist ein US-Präsident so früh in seiner Amtszeit nach Israel gekommen. Das gilt übrigens auch für den Vatikan und wurde dort ebenfalls bemerkt. Als erster amtierender US-Präsident überhaupt besuchte Trump Ostjerusalem, die Altstadt und die Westmauer. Begeistert erinnerten Israels Journalisten daran, dass „Ivanka zum Judentum übergetreten“ sei und jetzt eigentlich „Jael“ heiße.

    Kritisiert wurde in Oppositionskreisen, dass sich Trump weder mit Vertretern der Zivilgesellschaft noch mit Oppositionsführer Jizchak Herzog getroffen habe. Herzog wurde ein kurzer Händedruck bei der offiziellen Begrüßung auf dem Ben-Gurion-Flughafen zuteil.

    In Bethlehem: Friede unmöglich, wenn Gewalt toleriert wird

    Trumps zweiter Besuchstag im Heiligen Land begann in Bethlehem mit einem Treffen mit Mahmud Abbas, dem Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde. Kritisch beobachteten Israelis, dass Trump offensichtlich das Narrativ Obamas übernommen hat, das den israelisch-palästinensischen Konflikt für den Kern aller Konflikte im Nahen Osten hält.

    Dann sagte er „Abu Mazen“, wie Abbas im arabischen Volksmund genannt wird, aber in aller Öffentlichkeit, was er so wohl noch nie von einem westlichen Politiker in seinem eigenen Haus zu hören bekommen hat. „Terroristen und Extremisten, sowie alle, die ihnen Hilfe und Trost zuteil werden lassen, müssen für immer aus unserer Gesellschaft vertrieben werden.“ Und: „Friede kann niemals Wurzeln schlagen in einem Umfeld, in dem Gewalt toleriert, finanziert oder belohnt wird.“

    Terrorismus und Islam

    Dan Shapiro, Botschafter der Obama- Administration in Tel Aviv, beobachtete, dass just in dem Moment, als Trump in Bethlehem mit Abbas zusammentraf, die Nachricht von dem Selbstmordattentat in Manchester die Runde machte. Der amerikanischjüdische Diplomat bemerkte: „Netanjahu hatte nicht ganz Unrecht, wenn er darauf verwies, dass die Familie des Terroristen eine lebenslange Rente beanspruchen könnte, wäre der Selbstmordattentäter Palästinenser und die Opfer Israelis gewesen.“ Fünf Prozent des Gesamthaushalts der palästinensischen Autonomiebehörde werden für Zuwendungen an Terroristen und deren Angehörige ausgegeben.

    Auf seiner gesamten Reise, vor muslimischen wie jüdischen Zuhörern gleichermaßen, in Riad und Bethlehem ebenso wie in Tel Aviv und Jerusalem, wagte Trump Aussagen über den Terror, die aus dem Mund seines Vorgängers nie zu hören waren. In deutlichem Gegensatz zu Obama sieht Trump einen Zusammenhang zwischen Islam und weltweitem Terrorismus. Anders als in seinen früheren Wahlkampfansagen bemühte er sich aber um eine Unterscheidung zwischen der Weltreligion Islam und dem „Islamismus“, der politischen Ideologie, als Ursache des Terrors.

    Erzfeind Iran

    „Niemals wird der Iran eine Atombombe besitzen.“ Donald Trump wurde nicht müde, diesen Refrain zu wiederholen, der allen seinen Gastgebern aus dem Herzen gesprochen war. Die Reiseroute von Riad über Jerusalem und Bethlehem bis in den Vatikan konnte als unmissverständliche Botschaft gegen die schiitische Front verstanden werden, die sich vom Libanon über Syrien und den Irak bis nach Teheran etabliert hat.

    Ganz offensichtlich bemüht sich Trump um eine Rückkehr Amerikas in den Nahen Osten. Er will das Vakuum wieder füllen, das sein Vorgänger hinterlassen hat, und in das vielerorts der Iran unter dem Schirm Russlands eingerückt ist. „Ganz abgesehen von Israel“, so Professor Eugene Kontorovich vom Kohelet Policy Forum, „besaßen die USA zur Zeit der Obama-Administration weniger Glaubwürdigkeit in der arabischen Welt als je zuvor.“

    Und der Friedensprozess?

    Kontorovich meint, dass unter Trump die Karten völlig neu gemischt werden könnten. „Bislang hat man von Israel erwartet, etwas zu bringen. Entsprechend konnte Israel beschuldigt werden, wenn etwas nicht funktioniert hat.“ Diese Denkweise sei Trump völlig fremd. „Seit er im Amt ist, hat die israelische Friedensbewegung ‚Schalom Achschav‘ mindestens vier oder fünf Berichte darüber veröffentlicht, was Israel alles falsch macht. Keiner hat das Weiße Haus interessiert.“

    Trump hat Erwartungen im Blick auf die arabische Welt. Er wurde nicht müde, König Salman von Saudi-Arabien als „wirklich weisen Mann“ zu preisen. Mehrfach betonte er, die Palästinenser wünschten Frieden. Allerdings – und das unterscheidet ihn maßgeblich von anderen westlichen Politikern – will er Israel offensichtlich keine Vorschriften machen.

    Nicht Träume, sondern Tachles

    Trump spricht weniger über Träume und Werte, sondern als Geschäftsmann über das, was ausgehandelt werden kann. Er scheint bemerkt zu haben, dass sich in der arabischen Welt in den vergangenen Jahren vieles grundlegend verändert hat. Länder wie der Jemen oder der Libanon haben aufgehört zu existieren.

    Trump scheint auch bemerkt zu haben, dass die Hauptsorge der arabisch- sunnitischen Länder heute der Iran ist. Kontorovich glaubt: „Wenn Trump einen härteren Kurs gegen den Iran einschlägt, kann er seine Botschaft auf den Tempelberg verlegen und die Saudis würden ihn noch immer zu ihrem Mann des Jahres ernennen.“

    So bleibt es spannend. „Die Palästinenser haben gelernt: Je mehr man Nein sagt, desto mehr bekommt man künftig angeboten. Eine Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem würde ihnen signalisieren, dass sie etwas zu verlieren haben“, ist Kontorovich überzeugt. Das, was man bislang unter „Friedensprozess“ verstanden hat, wurde vor dem „Arabischen Frühling“ und vor dem Aufstieg der schwarzen Flagge des Islamischen Staats konzipiert. „Israel würde einen großen Fehler begehen, würde es Langzeitpläne mit Abbas schmieden. Er ist alt …“ – und keineswegs populär bei seinem Volk.

    Was nicht erwähnt wurde

    Für eine Beurteilung von Trumps erster Auslandsreise vielleicht wichtiger als die Statements könnte das sein, was er nicht gesagt hat. Trump hat mit keinem Wort „die Grenzen von 1967“ erwähnt, niemals von einem „Rückzug aus besetzten Gebieten“ oder einem „Ende der Besatzung“ gesprochen. Die „Zweistaatenlösung“ oder ein „palästinensischer Staat“ wurden ebenso wenig erwähnt wie die Forderung an Israel, seine Siedlungstätigkeit einzuschränken.

    Offensichtlich hat der Geschäftsmann, der so breitspurig daherkommt, Bewegung in das amerikanische diplomatische Corps gebracht, was sich auch am Sprachgebrauch offizieller Medien während des Präsidentenbesuchs zeigen lässt. So wurde beispielsweise Trumps Rede vom Weißen Haus mit dem Standort „Jerusalem, Israel“ angekündigt, was später zu „Jerusalem“ korrigiert wurde. Ebenso wurde das ursprüngliche „Palestine“ während seines Bethlehem-Besuchs zur „Palestinian Authority“.

    Der Status Jerusalems ist innerhalb der US-Regierungsbürokratie umstritten. So könnte es durchaus passiert sein, wie ein Kommentator der Jerusalem Post anmerkte, dass Präsident Trump, abgesehen von den kurzen Zwischenstopps bei der Ankunft und beim Abflug auf dem Ben-Gurion-Flughafen, bei diesem Besuch überhaupt nicht offizielles Staatsgebiet Israels betreten hat – je nachdem, wie ernst man stehende Definitionen nimmt.

    Alles offen

    Alle diese Beobachtungen sollten allerdings nicht zu vorschnellen Schlussfolgerungen verführen. Es ist zu früh, den Kurs der Regierung Trump einschätzen zu wollen. Gewiss ist, dass vieles anders wird. Gleichermaßen berechtigt ist aber die Warnung des ehemaligen US-Botschafters Shapiro, Trump sei unberechenbar: „Niemand kann sich darauf verlassen, dass eine gute Beziehung zu ihm bis morgen hält – und falls sich etwas ändert, erfährt man es womöglich über Twitter.“

    Johannes Gerloff

    Johannes Gerloff

    hat in Tübingen, Vancouver und Prag evangelische Theologie studiert und lebt seit 1994 mit seiner Familie in Jerusalem.
    Johannes Gerloff

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