Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Drei Rabbiner, eine Gemeinde – die Story

    Es wäre durchaus reizvoll gewesen, vor einem österreichischen Gericht oder einem Rabbinatsgericht den Wahrheitsbeweis für unseren Beitrag „Die Oberrabbiner-Story – Ari beruft Arie“ (NU 66, Dez. 2016) anzutreten bzw. unsererseits gegen den Präsidenten der Kultusgemeinde Klage wegen Verleumdung und Kreditschädigung zu führen. Im Sinne des Friedens in unserer Gemeinde und auf vielfachen Wunsch von NU-Lesern haben wir einem Vergleich zugestimmt, in dem wir der Führung der Kultusgemeinde die Möglichkeit eingeräumt haben, im NU eine Gegendarstellung zu veröffentlichen, die wir nachstehend ungekürzt abdrucken. Die werten Leserinnen und Leser mögen sich angesichts der beiden Texte ein eigenes Bild über den Ablauf und die wahren Hintergründe der Pensionierung des allseits beliebten Oberrabbiners Paul Chaim Eisenberg machen.

     

    Die Bestellung des Oberrabbiners der IKG Wien war ein demokratischer Prozess und erfolgte durch den 24-köpfigen Kultusvorstand. In der letzten NU-Ausgabe wurde das Gegenteil behauptet. Mit dem Beitrag „Die Oberrabbiner-Story“ wurden Unwahrheiten verbreitet, die dem Ansehen von drei Rabbinern und der gesamten jüdischen Gemeinde schaden. Autor war René Wachtel, NU-Herausgeber ist Martin Engelberg. Beide sind Kultusvorsteher, beide gehören der Partei „Chaj“ an.

    Um die diffamierenden Vorwürfe nicht einem noch größeren Personenkreis zugänglich zu machen, nahm die IKG, vertreten durch Präsident Oskar Deutsch, Vizepräsident Chanan Babacsayv und Vizepräsident Dezoni Dawaraschwili von einer Klage Abstand. Man einigte sich auf die Veröffentlichung dieser Zusammenfassung der wahren „Oberrabbiner-Story“:

    Das Jahr 2008: Ein zweiter Rabbiner für Wien

    In NU wurde behauptet, dass Schlomo Hofmeister „völlig überraschend“ als Gemeinderabbiner der IKG angestellt worden sei und dass Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg „nicht einmal informiert gewesen sei“. Das ist unwahr.

    Am 4. März 2008 beschließt der Kultusvorstand einstimmig, einen Jugend- und Gemeinderabbiner anzustellen. Am 23. August 2008 bewirbt sich Hofmeister. Am 2. Oktober 2008 führt er ein erstes Gespräch mit OR Eisenberg. Weitere folgen. Am 4. Juni 2009 wird Hofmeister vom Kultusvorstand zum Gemeinderabbiner der IKG Wien gewählt.

    Hochqualifizierter Gemeinderabbiner gefunden

    NU verbreitete ehrenrührige Gerüchte über Hofmeisters Judentum. Sein Judentum stand nie in Zweifel. Die NU-Berichterstattung steht im Widerspruch zu Regeln des Judentums und der IKG. Um die Privatsphäre von Rabbiner Hofmeister zu wahren und im Sinne der Vereinbarung zwischen IKG und NU bzw. „Chaj“, nehmen wir von einer ausführlicheren Kritik Abstand. Fest steht: Hofmeister ist Gemeinderabbiner der IKG Wien, Landesrabbiner der Steiermark, Mitglied der Europäischen Rabbinerkonferenz, Vorsitzender der Europäischen Vereinigung der Mohalim.

    Jobangebote und Pensionswunsch 2012/2014

    Oberrabbiner Eisenberg erhält 2012 Jobangebote von jüdischen Gemeinden in Deutschland, informiert den damaligen IKG-Präsidenten Ariel Muzicant und später dessen Nachfolger Oskar Deutsch. Beide lehnen ein vorzeitiges Dienstende ab. Den Wunsch, in Pension zu gehen, äußert OR Eisenberg von sich aus – aber erst Ende 2014, als sich sein 65. Geburtstag und damit das gesetzliche Pensionsantrittsalter nähert.

    Das Wiener Rabbinat und Jerusalem

    Nicht unwahr ist die Feststellung, dass es „Differenzen“ zwischen dem israelischen Oberrabbinat und dem Rabbinat in Wien gegeben hat. Diese traten viel früher als 2013 auf und betrafen auch den Europäischen Beit Din in London und die Europäische Rabbinerkonferenz. Ausgangspunkt war, dass das Rabbinat in Jerusalem die Zusammensetzung des für Übertritte zuständigen Beit Din in Wien nicht mehr anerkannte. Später hat das autonom agierende Wiener Rabbinat einige Vorgaben Jerusalems nicht erfüllt.

    Das IKG-Präsidium wurde erst im Jahr 2014 vom Oberrabbinat in Israel über die Differenzen und die Folgen informiert: In Wien ausgestellte Bestätigungen wie z.B. Heiratsurkunden oder Nachweise über halachische Zugehörigkeit wurden außerhalb Österreichs nicht mehr anerkannt. Präsident Deutsch nimmt Gespräche mit dem Oberrabbinat Israels auf, fliegt nach Jerusalem. Zwischen dem Wiener Rabbinat und Jerusalem konnte aber kein Einvernehmen hergestellt werden.

    Ab Ende 2014 suchen Präsident Deutsch und Oberrabbiner Eisenberg in mehreren Gesprächen nach einer Lösung, die nicht nur im Interesse der Gemeinde liegen musste, sondern auch eine für OR Eisenberg wirtschaftlich vertretbare und würdevolle Lösung ist.

    Die Facebook-Gruppe

    Auf Facebook wird die Gruppe „Freunde von Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg“ gegründet. Versuche, von „Chaj“ politisch vereinnahmt zu werden, scheitern. „Parteipolitische Kommentare wurden sofort gelöscht“, erinnern sich zwei Initiatoren, die ATID, der Partei von Präsident Deutsch, nahestehen. „Es ging darum, Eisenberg unsere Freundschaft auszudrücken, da für ihn ein neuer Lebensabschnitt bevorstand.“

    Am 3. Februar stellt Deutsch im IKG-Newsletter klar, dass es allein OR Eisenbergs Entscheidung sei, wann dieser die Pension antreten wird: „Wir werden jegliche Entscheidung unseres hochgeschätzten Oberrabbiner Prof. Paul Chaim Eisenberg respektieren.“ OR Eisenberg bestätigt das.

    2015: OR Eisenberg und sein NachFolger

    Im Frühjahr 2015 die Lösung: Eisenberg bleibt Oberrabbiner des Bundesverbands, ein Nachfolger wird für das Amt des Oberrabbiners der IKG Wien gesucht. Am 1. Juli 2015 setzt der Kultusvorstand, in dem acht Parteien vertreten sind, eine Rabbinerfindungskommission ein. Vorsitzender ist Präsident Deutsch. Die sieben weiteren Mitglieder sind Chanan Babacsayv (Verein bucharischer Juden), Dezoni Dawaraschwili (Verein georgischer Juden), Kultusvorsteher Yaakov Frenkel (Block religiöser Juden), Kultusvorsteher Maurizi Berger (ATID), Ehrenpräsident Ariel Muzicant, Generalsekretär Raimund Fastenbauer und Bob Uri (Tempelvorstand). Der Vorstand des Stadttempels in der Seitenstettengasse nominiert zusätzlich Georg Teichman und Michael Schnarch; beide werden in die Kommission aufgenommen, die neben der Oberrrabbinersuche Jobdescriptions für die drei Rabbiner-Ämter (OR Wien, OR Bund, Gemeinderabbiner Wien) entwickelt.

    Internationale Ausschreibung, demokratische Rabbinerfindung

    Das Amt des Oberrabbiners wurde in österreichischen, deutschen, schweizer und israelischen Zeitungen ausgeschrieben. Es gab neun Bewerbungen, von denen sieben die Kriterien erfüllten. Die IKG hatte u.a. verlangt, dass Kandidaten über mindestens ein abgeschlossenes weltliches Studium verfügen, neben einem Rabbinatsdiplom. Der Kultusvorstand wurde laufend über die Entwicklungen informiert.

    Vier Bewerber lud die Kommission zu nicht öffentlichen Gesprächen ein. Die meisten dieser Rabbiner befanden sich in aufrechten Dienstverhältnissen und haben auf Geheimhaltung bestanden. Arie Folger setzte sich als bester Kandidat durch. Die Kommission beschloss einstimmig, Arie Folger als Oberrabbiner zu empfehlen. Folger stellte sich am 21. Dezember 2015 dem Kultusvorstand vor und wurde mit 90 % der Stimmen (18 von 20 anwesenden Kultusräten) zum Gemeinderabbiner der IKG bestellt. Zu Rosh Hashana 2016/5777 wurde Folger Oberrabbiner der IKG Wien, Eisenberg Oberrabbiner des Bundesverbands.

    Die Europäische Rabbinerkonferenz, Vertreter des Europäischen Beit Din in London sowie das Oberrabbinat Israels gratulieren der IKG Wien. Die IKG verfügt nun über drei renommierte Rabbiner, an die sich jedes Gemeindemitglied wenden kann.

    Von den Mitgliedern der Rabbinerfindungskommission:

    Oskar Deutsch, Chanan Babacsayv, Dezoni Dawaraschwili, Maurizi Berger, Raimund Fastenbauer, Yaakov Frenkel, Ariel Muzicant, Michael Schnarch, Georg Teichman, Bob Uri.

    Dieser Text wurde mit Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg akkordiert.

    * Dokumente, die diesen Bericht belegen, liegen in Kopie im IKG-Generalsekretariat (Seitenstettengasse 2, 2. Stock) auf. Jedes Gemeindemitglied kann sie einsehen. Bitte um Verständnis, dass Kopien oder Fotografien nicht angefertigt werden dürfen.

    Rabbinerfindungskommission

    Rabbinerfindungskommission

    Oskar Deutsch, Chanan Babacsayv, Dezoni Dawaraschwili, Maurizi Berger, Raimund Fastenbauer, Yaakov Frenkel, Ariel Muzicant, Michael Schnarch, Georg Teichman, Bob Uri
    Rabbinerfindungskommission

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