Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Diesen Kuss der deutschen Sprache

    Tomer Gardi zu Gast in Mattersburg.
    VON KATHARINA TIWALD

     

    Wäre es um Aphrodites Genkonstellation etwas anders bestellt gewesen, womöglich hätte sie ausgesehen wie Tomer Gardi: das bunte Hemd fast bis zum Nabel offen, wucherndes, glänzendes Haar auf dem Brustkorb, ein meterlanger, rosafarbener Schal, der gegen die burgenländische Oktoberkälte schützen wird. Und das Gesicht zwischen dunklen Locken, als habe sich ein Vorhang geöffnet.

    In Klagenfurt hat der israelische Schriftsteller mit der – scheinbaren – Anmaßung, auch ein Nicht- Muttersprachler könne deutsche Prosa schreiben, und zwar ohne den Zwang zur (sprach)machtvollen Niederkorrektur aller Fehlerpflänzchen, die Jury in Verwirrung gestürzt: man müsse über die „Einwanderungsbedingungen in die deutsche Sprache“ diskutieren, Gardis Prosa wurde gar als „Tellermine“ beschrieben. In Berlin wiederum wollte sich kein Verlag dem Risiko aussetzen, kaufwilliges Publikum mit Literatur in migrantischem Deutsch zu konfrontieren, obwohl Gardis Roman Broken German im Berliner Schmelztiegel angesiedelt ist und Form und Inhalt einander entsprechen wie Faust und Aug. Es war der Grazer Verlag Droschl, ein verlässlicher Ritter im Einsatz für das literarische Experiment, der dem Autor eine Heimat bot – im „gebrochenesdeutschsprachigesraum“, um Gardis lustvolles Spiel mit Sprache und Heimat zu zitieren.

    Zu Gast im Burgenland

    Am 28. Oktober war Tomer Gardi, als Abschluss einer Lesereise, Gast des burgenländischen PEN-Clubs: die ursprünglichen Fantasien einer längeren Tour zu Neusiedler See und Co, wo Burgenlandherzen weich werden vor lauter Schön, wichen einer konzentrierten Führung zum jüdischen Friedhof in Eisenstadt und der Synagoge durch Johannes Reiss, der das Jüdische Museum Eisenstadt leitet. Nun ist besagtem Burgenlandherz – meinem zum Beispiel, mit kroatischer und Siebenbürger Geschichte, mit Bildung und Reisen gepäppelt – in situ dann doch etwas unwohl: was wird der Israeli denken, wenn man ihn automatisch zum jüdischen Friedhof schleppt? Wie ginge es mir, lotste man mich auf einer Sibirienreise zu den Gräbern der dorthin ausgesiedelten Deutschen? Die sorgfältige Führung jedoch, der Blick auf das versteckt liegende Gräberfeld, der Gang in die kleine Synagoge im Wertheimer-Haus mit ihrer Wand voller Jahrzeittafeln: das, sagt mir Tomer nachher, sei eine gute Idee gewesen. Wie er auch nach der Lesung sagen wird, dass er auf keiner einzigen Station seiner Lesereise durch Deutschland und Österreich auf israelische Politik angesprochen worden ist.

    Durchaus aber im Literaturhaus Mattersburg. In seinem ersten Buch, Stein, Papier, geht Tomer Gardi der Geschichte des Museumsbaus im Kibbuz seiner Kindheit, dem Kibbuz Dan, nach und stöbert in Archiven nach Belegen für die Behauptung, es sei aus Steinen eines gesprengten arabischen Dorfes errichtet worden. Das, findet Gardi heraus, stimmt: und es folgt ein Furioso, das sich in weiterer Folge etwa um jene „Operation Schanzwerk“ von 1948 dreht, in deren Rahmen in Tel Aviv die letzten „Drückeberger“ – wie es damals hieß – in die israelische Armee gezwungen wurden, mittels Straßensperren, Hausdurchsuchungen, Gerichtsverfahren. Dazwischen immer wieder die Stimme eines entsetzten Ichs, das Ich des Autors wohl, der in Mattersburg erzählt, er sei richtig krank geworden während seiner Recherchen, habe Hautausschläge bekommen, als litte er an allergischen Reaktionen.

    Buchmarkt ohne staatliche Stütze

    In der NGO „Zochrot“ war Tomer Gardi aktiv, einer Organisation, die sich darum kümmert, der „Nakba“, der palästinensischen Leidensgeschichte im Zusammenhang mit der israelischen Staatsgründung 1948, in der Wahrnehmung der israelischen Öffentlichkeit einen Platz zu verschaffen. Möglich, dass man sich mit solchen Schriften in Israel keine Freunde macht: Allerdings, so ihr Autor im Gespräch, seien die Reaktionen auf kolportierte Inhalte, auf Rezensionen und Berichte in der Überzahl gegenüber einer tatsächlichen Auseinandersetzung mit dem Buch selbst – das übrigens, im Original auf Hebräisch erschienen, bereits das Spiel mit literarischen Vorbildern und Denkfiguren zeigt, wie Gardi es in Broken German fortsetzt.

    Israel sei keine gute Heimat für Schriftsteller, meint Tomer Gardi abschließend: neoliberal der Buchmarkt, ohne die staatliche Stütze, wie es sie Österreich gibt. Viele Kolleginnen und Kollegen überlebten in diesem Beruf nur durch ihre Internationalisierung. Die Entwicklung hin zu einem Mehr an Nationalismus erfülle ihn mit Sorge; Israel sei etwa das einzige Land gewesen, das seinen Stand auf der Frankfurter Buchmesse mit einer großen Flagge dekoriert habe. Er habe die Messe nach anderen Flaggen abgesucht und einzig am Stand des Iran eine, allerdings kleine, gefunden. Auf einen Einwurf aus dem Publikum, dass Österreich, würde es aus einem Nachbarland mit Raketen beschossen, viel härter gegen dieses Nachbarland vorgehen würde, als das in Israel der Fall sei, bleibt Tomer Gardi bei seinem Standpunkt: Israel habe nun einmal eine koloniale Geschichte, das sei Tatsache und mit einer solchen fiktiven Situation nicht zu vergleichen.

    Die hebräische Literatur im internationalen Kontext hat er zu seinem Dissertationsthema gemacht. Es sei möglich, sagt er, dass er Israel verlassen werde. An einem nächsten Buch auf Deutsch arbeitet er bereits. Und dass er nachher im privaten Rahmen sagen wird, dass er gern einmal seine Bücher per Lippenstiftkuss signieren würde: Passt das nicht ausgezeichnet zur spielerischen Subversion im Sinne des Friedens? Was Aphrodite selbst zur Lösung des Nahostkonflikts sagen würde, steht in den Sternen.

     

    Einen Überblick über die Publikationen von Zochrot, insbesondere die von Tomer Gardi edierten Ausgaben der Zeitschrift Sedek: A Journal of the ongoing Nakba, findet man online unter: zochrot.org/en/sedek/all

    Katharina Tiwald

    Katharina Tiwald

    studierte Linguistik und Russisch in Wien, St. Petersburg und Glasgow. Lehrende für russische Literatur am Institut für Slawistik der Universität Wien, seit 2013 Präsidentin des burgenländischen PEN-Clubs.
    Katharina Tiwald

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