Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • “Die Zukunft Israels liegt in der Negev-Wüste”

    In Beer-Sheva befindet sich die größte Universität des Landes, die Ben-Gurion- Universität mit mehr als 17.000 Studenten.
    VON RENÉ WACHTEL

     

    © KOSTAINNA/CC BY-SA 3.0
    © CC BY 2.5/YEHUDIT GARINKOL

    Schon David Ben Gurion sagte einst: „Die Zukunft Israels liegt in der Wüste Negev.“ Jetzt scheint das Wirklichkeit zu werden. Früher ist unsere Familie auf dem Weg nach Eilat stets an der Stadt Beer-Sheva vorbeigefahren. Die Stadt als solche war total uninteressant. Wichtig war nur eine Tankstelle, bei der wir das letzte Mal vor der Fahrt durch die Wüste Benzin bekamen, und wo es den stärksten Kaffee ganz Israels gab. Heute hat Beer-Sheva deutlich dazugewonnen – es ist die Hightech- Stadt Israels.

    In der Stadt befindet sich die größte Universität des Landes, die Ben-Gurion- Universität mit mehr als 17.000 Studenten. In Umfragen kürten die israelischen Studenten sie zur beliebtesten Universität des Landes. Hier scheint es das perfekte Studentenleben zu geben. Gleichzeitig kann die wissenschaftliche Arbeit mit den herausragenden anderen israelischen Universitäten mithalten. Derzeit wird gleich neben dem riesigen Campus das „Gav Yam Negev Advanced Technology Center“ errichtet. Hier entsteht eines der wichtigsten Zentren für Cyber-Sicherheit in der westlichen Welt. Schon jetzt haben sich rund 40 Firmen dort angesiedelt, darunter so prominente amerikanische Firmen wie Lockheed Martin, IBM, Paypal und Oracle. Die Deutsche Telekom ist mit einer Forschungseinrichtung zum Thema Cybersicherheit vertreten.

    Auch die israelische Armee hat den Negev und speziell Beer-Sheva für sich entdeckt. Weg von der räumlichen Enge des Großraums Tel Aviv werden in Beer-Sheva Ausbildungszentren für einen Großteil der High-Tech-Einheiten geschaffen. Gleich in der Nähe der Ben-Gurion-Universität entsteht der High-Tech-Campus der Armee, der ab Ende 2017 mehr als 5.000 Soldaten aufnehmen soll. Geplant ist weiters, die Offiziersausbildung zentral an dieser Stelle zusammenzufassen. Die gesamte Stadt und der Negev befinden sich im Umbruch. In Beer-Sheva leben derzeit etwa 250.000 Menschen. Die Regierung hofft, dass sich die Einwohnerzahl in den nächsten Jahren um 100.000 Menschen erhöht. Architektonisch reihen sich neue interessante Projekte aneinander und die Stadt pulsiert. Ein junges städtisches Leben beginnt sich in Beer-Sheva zu etablieren und durch die Förderung der Regierung zur Ansiedlung von Hightech-Unternehmen sollen der Negev und Beer-Sheva richtig zum Blühen gebracht werden – wie es sich der Staatsgründer David Ben Gurion einst vorgestellt hat.

     

    Auf Jesu Spuren – die Hightech-Stadt Nazareth

     

    Der Geburtsort von Jesus Christus ist in den letzten Jahren zu einem Hotspot für die Hightech- Industrie geworden. Das führt zu wirtschaftlichem Aufschwung und verhilft vielen Menschen aus der arabischen Bevölkerung der Stadt zu hochwertigen Jobs.

    Das im Norden Israels gelegene Nazareth ist mit 90.000 Einwohnern die größte arabische Stadt des Landes und für viele Touristen ein Muss. Vor allem für viele christliche Pilger gehört es zum Pflichtprogramm, den Geburtsort von Jesus Christus zu besuchen. Seit einiger Zeit nun pilgern auch viele Israelis aus der Hightech- Industrie dorthin, wurde doch im Jahr 2014 in Nazareth ein Industrie- und Hightech-Park eröffnet.

    Initiator des Projektes war der Großunternehmer Stef Wertheimer, der schon sechs Industrieparks in Israel erfolgreich aufgebaut hat. In dieser Randregion des Landes ist es besonders wichtig, Arbeitsplätze in der Hightech-Industrie zu schaffen und damit den Arabern und Drusen in der Region eine Möglichkeit zu geben, qualifizierte Jobs zu finden. In der Vergangenheit zeigte sich, dass viele Araber und Drusen zwar eine sehr gute Ausbildung am Technion in Haifa machten, dann aber im Zentrum von Israel, im Raum Tel Aviv, schwer einen Arbeitsplatz finden konnten. Im Jahr 2009 arbeiteten nur 300 israelische Araber in der Hightech-Branche, jetzt sind es bereits rund 2000, und bis zum Jahr 2020 erwartet die NGO „Tsofen“, dass bis zu 10.000 Araber und Drusen in der Branche beschäftigt sein werden. Auch für arabische Frauen bietet die Hightech-Industrie eine einmalige Möglichkeit, gute Arbeitsplätze zu finden. Tsofen wurde 2008 gegründet und ist eine arabisch-jüdische Organisation, die sich um die Integration von israelischen Arabern in der Hightech-Industrie bemüht und die Errichtung von Industrie- und Businessparks in arabischen Städten in Israel fördert.

    Mit dem Businesspark in Nazareth ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung gelungen. Schon jetzt haben sich 30 Firmen dort angesiedelt und rund tausend Arbeitsplätze geschaffen. Eines der ersten großen Unternehmen war der Softwarehersteller Amdocs, ein israelisches Unternehmen mit mehr als 22.000 Mitarbeitern weltweit, das im Bereich CRMBilling und BSS-/OSS-Software führend ist. Ein anderes Beispiel ist Alpha Omega, ein Unternehmen, das von christlichen Arabern geführt wird und Produkte für die Neurologie entwickelt.

    Gleichzeitig entwickelt sich die Stadt Nazareth als Start-up- Inkubator. Mit „NazTech“ gibt es ein Business Innovation Center, das speziell israelischen Arabern bei Unternehmensgründungen hilfreich zur Seite steht. Dazu kommt „Makeathon“, ein jährliches Event, bei dem Techniker in einem 36-stündigen Marathon Applikationen und Entwicklungen schaffen. Die Ergebnisse werden von einer Jury bewertet, und die Besten erhalten die Möglichkeit, ihre Projekte umzusetzen. Und mit der jährlich stattfindenden „Hightech-Konferenz für Minderheiten“ in Nazareth ist die Stadt von Jesus Christus weit im 21. Jahrhundert angekommen.

    René Wachtel

    René Wachtel

    lebt in Wien und ist Kultusrat für CHAJ-Jüdisches Leben in der IKG.
    René Wachtel

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