Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Hedy Lamarr | Nr. 50 (4/2012) - Kislev / Tewet 5773
  • Die Welt mit eigener Wahrheit verändern

    Mit verschiedenen Vorträgen und Schreibworkshops bemüht sich Rebecca Walker darum, dass Menschen durch ihre eigene Wahrheit wichtige Themen ansprechen, etwas bewegen und damit die Welt verändern.
    Von Ida Labudovic

    Mehr als ein halbes Jahr hat es gedauert, einen Gesprächstermin mit ihr zu bekommen. Walkers Programm ist dicht, sie lebt intensiv. Beim Interview war es in Wien früh am Morgen, auf Maui in Hawaii später Abend. Eine angenehme Stimme und das Gefühl, mit jemand Nahestehendem zu sprechen, waren die ersten Eindrücke. Das NU-Interview mit der Bestsellerautorin über ihre schwarzjüdische Identität, Erfahrungen und ihren Alltag.

    NU: Darf ich Sie fragen, Frau Walker, was Sie gerade machen, wie ist es auf Maui?

    Walker: Jeden Abend vor dem Schlafengehen lese ich meinem achtjährigen Sohn eine griechische Sage vor. Wir leben hier im tropischen Regenwald auf Maui, es regnet jeden Tag ein paar Stunden und alles ist sehr grün. Hier gibt es aber nicht so viele künstlerische Anregungen. Vor kurzem war ich in Los Angeles, und da wurde mir bewusst, wie sehr ich die Stadt und den Kontakt zu anderen Künstlern vermisse. Die Stadt schärft meinen Geist, das Land beruhigt meine Seele.

    Sie halten zahlreiche Reden auf der ganzen Welt und haben sich den Satz Kennedys angeeignet: „Der einzige Grund, eine Rede zu halten, ist, die Welt zu ändern.“ Was wollen Sie erreichen, wie wollen Sie die Welt ändern?

    Ich möchte, dass alle Menschen ein Leben ohne Terror, ohne Hunger und ohne Missbrauch leben können, dass alle ihre Geschichte und Erfahrungen wahrheitsgetreu erzählen können, sodass sie eine zweite Chance bekommen und ihre Zukunft neu gestalten können. Ihnen bewusst machen, dass sie die Macht haben, sich zu ändern. Im Laufe der Jahre habe ich begonnen, über Rassismus, Geschlechterrollen, Sexismus, Homophobie und alle anderen Identitäten, die wir haben, zu sprechen. Was ist eine Identität, wollen wir wirklich in eine Identität investieren, die andere in uns projizieren, und wie können wir uns davon befreien?

    Da sich Ihre Eltern scheiden ließen, lebten Sie als Kind teilweise mit Ihrer afroamerikanischen Mutter und teilweise mit Ihrem jüdischen Vater. Sie haben auch ein Buch über das Aufwachsen als Schwarze, Weiße und Jüdin geschrieben. Welche Identität haben Sie bei sich entwickelt?

    Ich hatte ein Leben als schwarze Amerikanerin und als weiße Jüdin. Meine Eltern lernten sich in den 60er- Jahren in der Bürgerrechtsbewegung in Mississippi kennen, verliebten sich und heirateten, als es noch illegal war. Als ich acht Jahre alt war, ließen sie sich scheiden. Meine Mutter ging nach San Francisco und mein Vater nach New York; es war sehr schwierig für mich, hin und her zu fahren. Ich schreibe in meinem Buch über die Probleme einer wechselvollen Identität und über die Selbstfindung in diesem turbulenten Hin und Her zwischen Menschen, die mich nach ihren Vorstellungen formen wollten. Ich dachte, dass ich ihnen gefallen müsse; das war sehr verwirrend. Das Gute beim Schreiben ist, dass man all den Schmerz und die Verwirrung niederschreiben kann. Ich habe viel an mir gearbeitet, um mich selbst zu erkennen; schwarz oder jüdisch sind nicht mehr die dominierenden Identitäten. Ich sehe mich als Schriftstellerin, Mutter, Partnerin oder Lehrerin, als einen Menschen, der sich engagiert und schöpferisch arbeitet. In der Familie meines Vaters gibt es allerdings eine starke osteuropäischaschkenasische kulturelle Identität, mit der ich mich sehr identifiziere. Es zeigt sich manchmal daran, wie ich mich äußere und wie ich an Dinge herangehe. Aber es ist mehr eine kulturelle als eine religiöse oder spirituelle Identität.

    Es gibt noch ein Buch von Ihnen, Baby Love, über Ihren Traum, Mutter zu werden, ein Kind zu bekommen. Was waren Ihre Gefühle und Erfahrungen während dieses Abschnitts?

    Alle Erfahrungen sind wahr und unwahr, ideal und nicht ideal. Ich hatte eine sehr romantische Vorstellung, wie ich schwanger werden wollte, durch die perfekte Liebe und ohne Probleme. Mein Traum war sehr intensiv und mein Wunsch sehr stark; ich bin froh, dass er mich bis hierher geführt hat, aber er war trotzdem idealisiert. Während der Schwangerschaft war es wunderbar, ein neues Lebewesen in meinem Körper zu spüren. Ich war allerdings während meiner Schwangerschaft krank, die Geburt war sehr schmerzhaft, aber es war wieder eine Mischung aus Freude und Kampf. Auch jetzt als Mutter empfinde ich Freude, wenn ich meinen Sohn betrachte, aber auf der anderen Seite mache ich mir Sorgen um ihn. Mutter zu sein ist eine Herausforderung.

    Apropos Mutter: Sie waren ein Teenager, als das Buch Ihrer Mutter Alice Walker The Color Purple von Steven Spielberg verfilmt wurde. Was haben Sie für Erinnerungen daran?

    Das Beste war, dass ich Produktionsassistentin war. Damit hat meine Erfahrung mit dem Fernsehen begonnen. Ich habe anschließend bei einigen Filmen mitgearbeitet und jetzt, da ich zum Fernsehen zurückgekehrt bin, erkenne ich, dass einige meiner wichtigsten Freundschaften aus der damaligen Zeit stammen. Obwohl ich so jung war, lernte ich viel und es war eine aufregende Zeit.

    Sie sind bekannt als innovativ und liberal, Sie haben den Begriff „thirdwave feminism“ (Dritte Welle des Feminismus) geprägt. Können Sie erklären, was Sie damit meinen und wie Sie dazu kamen?

    In den frühen 90er-Jahren wollte ich eine Organisation gründen, die ältere und jüngere Frauen zusammenbringt, und den jungen Frauen die Bedeutung der Menschenrechte näherbringen. Ich dachte nicht nur an die Bedürfnisse der Frauen, sondern wollte die Welt wieder in ein Gleichgewicht der Geschlechter, Rassen, wirtschaftlichen und sozialen Gerechtigkeit setzen. Die dritte Welle des Feminismus sollte eine Brücke zwischen älteren und jüngeren Frauen bilden und sie zu mehr Aktivismus in Bewegungen für soziale Gerechtigkeit führen.

    Sie schreiben Bücher, bloggen, sind Herausgeberin von Ms, halten Vorträge und leiten Workshops. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

    Ich gehe von einem zum nächsten. Ich bin so viel wie möglich anwesend. Das verlangt viel Selbstbeobachtung und Arbeit an mir selbst.

    Wie arbeiten Sie an sich selbst?

    Ich studiere seit 20 Jahren Buddhismus, und das nimmt einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch. Im College habe ich Psychotherapie und Psychiatrie belegt und kann daher mit vielen Dingen zurechtkommen. Ich schreibe, ich bin kreativ, das hilft mir, ehrlich zu mir selbst zu sein und mit der Realität des Lebens fertig zu werden. Beim Schreiben bin ich allein, unterrichten ist dynamisch und aufregend. Meine Arbeit hat nur dann Sinn, wenn sie auf andere Menschen hinwirkt.

    Vor einiger Zeit schrieb das Time Magazine, dass Sie eine der 50 einflussreichsten amerikanischen Führungspersönlichkeiten unter 40 sind, und die League of Women Voters (Liga der Wählerinnen) ehrte Sie mit dem Titel „Woman who could be president“ (Frau, die Präsidentin werden könnte). Wie sehen Sie die USA heute und was würden Sie tun, wenn Sie Präsidentin wären?

    Unser Bildungssystem versagt, auch unser Wirtschaftssystem, die Kluft zwischen Reich und Arm wächst ständig. Aber anderseits legalisieren wir homosexuelle Ehen und haben einen schwarzen Präsidenten. Ich würde an diesen Fortschritten weiterarbeiten, für ein besseres Gesundheits- und Bildungssystem und bessere Lebensmittel sorgen. Auch wenn man der mächtigste Mensch der Welt ist, ist es schwierig, etwas zu ändern. Ich würde sicherlich meinen Überzeugungen treu bleiben, aber ich würde diesen Job ohnehin nicht haben wollen.

    Der Satz „Offenheit ist unser größter menschlicher Schatz“ enthält eine Reihe von Botschaften und ist auch Ihr Motto. Was bedeutet er tatsächlich für Sie?

    Wir vergessen, dass wir das Potenzial haben, uns eine bessere Zukunft vorzustellen, dass wir die Fähigkeit besitzen, uns zu verändern und unser Leben anders zu leben, als es von unseren Eltern und Lehrern vorgegeben wurde. Wir vergessen, dass wir Veränderungen gegenüber offen sein können.

    Mit Ihren Workshops über das Memoirenschreiben versuchen Sie den Menschen offen für seine eigene Wahrheit zu machen. Haben Sie spezielle Methoden, mit Studenten zu arbeiten?

    Wir behandeln verschiedene Elemente von Memoiren. Ich versuche viel Freiheit für die wahren Geschichten zu geben. Wenn Menschen die Wahrheit erzählen, können sie damit die Welt verändern. Menschen spüren instinktiv, wenn sie die Wahrheit hören. Fast alle Bewegungen für gesellschaftliche Veränderungen in Amerika begannen mit biographischen Texten – sei es über Vergewaltigungen, Einweisung in psychiatrische Anstalten, Diskriminierung, Lynchjustiz. Man schreibt nicht nur darüber, sondern verwandelt das Material in Kunst.

    Sie wurden eingeladen, zum Writers’ Studio nach Wien zu kommen, doch der Workshop kam nicht zustande. Werden Sie wieder nach Wien kommen?

    Ich hoffe, dass ich wieder eingeladen werde. In Europa denkt man, es sei narzisstisch, über die eigenen Erfahrungen zu schreiben. Die Menschen glauben, dass ihre eigene Geschichte nicht so wichtig ist wie das Ganze. Sie wollen nicht so individuell sein, und das hält sie davon ab, die Wahrheit zu schreiben. Ich hoffe, dass der Workshop in Wien doch noch zustande kommt und dass es eine Übersetzung meiner Bücher ins Deutsche geben wird, vor allem von Black, White and Jewish.

    REBECCA WALKER
    ist US-amerikanische Schriftstellerin und politische Aktivistin. Sie hat den Begriff „third-wave feminism“ (Dritte Welle des Feminismus) eingeführt. Als Tochter der afroamerikanischen Schriftstellerin, Pulitzer-Preisträgerin und Feministin Alice Walker (Die Farbe Lila, 1985 von Steven Spielberg verfilmt) und des jüdischen Rechtsanwalts Melvyn Leventhal wurde Rebecca im Jahr 1969 in Mississippi geboren. Über ihre prägenden Erfahrungen erschien im Jahr 2000 ihre Autobiographie Black, White and Jewish, die zum Bestseller wurde. Neben ihrer politischen und schriftstellerischen Tätigkeit und TV-Auftritten bei CNN und MTV publiziert sie in US-Medien und hält Vorträge und Seminare auf der ganzen Welt.

    Ida Salamon

    Ida Salamon

    Die NU-Chefin vom Dienst ist in Belgrad geboren, wo sie Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie studierte. Sie ist im Jüdischen Museum Wien in den Bereichen Sponsoring, Marketing und Veranstaltungsmanagement tätig.
    Ida Salamon

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