Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Die tatsächlichen Fragen des Judentums heute

    VON MARTIN ENGELBERG

    Mehr als ein Jahr sind seit der Bestellung von Arie Folger zum neuen Wiener Oberrabbiner vergangen. Zuletzt gingen seinetwegen die Wogen in der Gemeinde hoch. Durch seine persönlichen Umgangsformen, die sich stark von jenen von Oberrabbiner Eisenberg unterscheiden, sowie Änderungen von Inhalt und Stil der Gebetsordnung hat sich die Atmosphäre im Wiener Stadttempel sehr stark verändert. Es ist alles viel strenger geworden, orthodoxer – und es fehlt der menschliche und verbindende Umgang von Oberrabbiner Eisenberg, den so viele Gemeindemitglieder geschätzt hatten. Bei einer Versammlung im vergangenen Oktober wurde viel Unmut geäußert.

    Doch auch hinsichtlich der Praxis der Übertritte zum Judentum hat sich im Oberrabbinat einiges geändert. Gemeindemitglieder, die selbst oder deren mütterliche Vorfahren übergetreten sind, waren sich infolge verschiedener Vorkommnisse nicht mehr sicher, ob ihre Übertritte auch von Oberrabbiner Folger anerkannt würden – dies mit weitreichenden Folgen für sich selbst, die Kinder und weitere Nachfahren.

    Diese beiden Themenkreise haben dann auch teilweise den vergangenen Wahlkampf der Israelitischen Kultusgemeinde bestimmt. Dadurch ist einiges in Bewegung geraten, und es werden diese Fragen auch noch weiter zu Diskussionen in der Gemeinde führen. Diese Auseinandersetzungen haben jedoch auch ihre positive Seite:

    Zum ersten Mal seit vielen Jahren beschäftigt sich die jüdische Gemeinde Wiens mit den brennenden Fragen des modernen Judentums. Es geht nicht mehr um den Antisemitismus, auch wenn ein – sogar dramatischer – Anstieg behauptet wird. Auch nicht mehr so sehr um die Klärung des Verhältnisses der Juden in der Diaspora zu Israel. In Analogie zu den aktuellen Diskussionen in der jüdischen Gemeinde Wiens sind die brennenden Fragen der jüdischen Community die folgenden:

    1. Wie lässt sich ein traditionelles Judentum mit dem Leben in der modernen Welt verbinden? Wie verbindet man liebgewonnenes jüdisches Leben nach dem orthodoxen Ritus mit zeitgemäßen Vorstellungen der Gleichberechtigung von Mann und Frau, gleichen Rechten für Homosexuelle und den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft?

    2. Wie lassen sich traditionelle jüdische Werte bewahren, wie die Schulung dialektischen und intellektuellen Denkens durch das Studium von Tora und Talmud, ohne sich mit den religiösen Schriften zu beschäftigen, wie es so viele Generationen vor uns, zum Teil fast ausschließlich, taten? Woher das Wissen über jüdische Gebete, Gesänge und Rituale nehmen und weitergeben, wenn man kein traditionell jüdisches Leben führt? Ist ein Leben als „politischer“ oder „psychologischer“ Jude möglich? – Also ein Festhalten an gewissen jüdischen Traditionen, Denkweisen und moralischen sowie ethischen Haltungen, ohne ein jüdisches Leben zu praktizieren?

    3. Lässt sich die immer größer werdende Kluft zwischen streng orthodoxem Judentum und den „nonobservant orthodox Jews“ noch überbrücken? Zwischen Juden also, welche die jüdischen Gesetze immer strenger auslegen und befolgen und jenen Juden, die zwar den orthodoxen Ritus durchaus schätzen, aber den rigiden Gesetzen nicht folgen wollen. Kommt es irgendwann zu einem oder mehreren Brüchen, die zu unterschiedlichen Judentümern führen werden, die einander nicht mehr anerkennen und gegenseitig vielleicht sogar das Jüdischsein absprechen werden?

    4. Was geschieht mit der stark wachsenden Zahl an streng orthodoxen jüdischen Menschen, vor allem in Israel und den USA? Werden sich diese immer mehr vom Rest der Welt abschotten und ein Leben fernab der gesellschaftlichen Realität leben? Könnten sie so etwas werden wie die Sekte der Amischen in den USA, die leben wie vor 300 Jahren, also ohne Autos, Computer, Jeans oder Reißverschlüsse?

    5. Wie begegnet man andererseits in der nichtreligiösen Community den Herausforderungen der Assimilation? Was geschieht mit diesem Teil der jüdischen Gemeinschaft, wenn in jeder Generation mehr als die Hälfte der Mitglieder Familien mit einem nichtjüdischen Partner gründen? Werden die Nachkommen dieser jüdischen Menschen noch Juden sein, noch irgendeine Möglichkeit haben, ihr Jüdischsein zu definieren?

    Das sind die tatsächlichen Fragen des heutigen Judentums. Mit diesen gilt es sich zu beschäftigen. In der ganzen jüdischen Welt und eben auch hier in Österreich.

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.
    Martin Engelberg

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