Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Peter Morgan | Nr. 60 (02/2015) - Tamus 5775
  • Die Schriftsetzerin des kollektiven Gedächtnisses

    Die Schriftstellerin Esther Dischereit im Porträt.
    VON HERBERT VOGLMAYR (TEXT) UND
    MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER (FOTOS)

    Sie kandidierte während ihres Pädagogik- Studiums bei den Wahlen zum Studentenparlament in Frankfurt für die Roten Zellen. Das war Grund genug, ihre Verfassungstreue anzuzweifeln und bedeutete für die angehende Lehrerin Berufsverbot. Heute lebt Esther Dischereit, erfolgreiche Autorin zahlreicher und zum Teil preisgekrönter Bücher und Hörspiele, in Berlin und Wien. Sie erhielt 2009 den Erich-Fried- Preis und ist seit 2012 Professorin für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Bevor sie literarisch hervortrat, war sie wegen des Berufsverbots zehn Jahre lang Fabrikarbeiterin, zuerst in der Metallindustrie, dann als Schriftsetzerin in der Druckindustrie, und sie war Referentin im Deutschen Gewerkschaftsbund, unter anderem zuständig für Rassismusfragen.

    Bekannt wurde sie mit Joëmis Tisch – Eine jüdische Geschichte (1988), es folgten der Roman Merryn (1992), der Essayband Übungen jüdisch zu sein (1998), die Satire Mit Eichmann an der Börse (2001) und die Erzählungen Der Morgen an dem der Zeitungsträger (2007), weiters die Gedichtbände Als mir mein Golem öffnete (1996), Rauhreifiger Mund oder andere Nachrichten (2001), Im Toaster steckt eine Scheibe Brot (2007) sowie mehr als ein Dutzend Hörspiele. In den 1990er Jahren gründete sie gemeinsam mit Ray Kaczynski und anderen das Label „WordMusic“. Mit der Klanginstallation am Eichengrün- Platz in Dülmen (NRW) schuf sie 2008 ein akustisches Denkmal im öffentlichen Raum zur Würdigung der vertriebenen jüdischen BewohnerInnen der Stadt, als Buch und CD erschienen unter dem Titel Vor den Hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus, im Internet zu finden unter www.eichengruen-platz.de.

    Wichtigste deutschjüdische Autorin

    Hätte es mit der Veröffentlichung des ersten Buches nicht geklappt, sagt Dischereit, dann hätte sie das Schreiben gleich wieder bleiben lassen. Doch der Suhrkamp-Verlag zeigte Interesse und bezeichnete sie später als „die wichtigste deutsch-jüdische Autorin der Nach-Schoa-Generation“. So richtig Mut gab ihr aber erst die Resonanz, die dann aus dem angloamerikanischen Sprachraum kam. „Ohne diese Unterstützung wäre ich verzweifelt, das war sehr viel wert und hatte nicht annähernd eine solche Entsprechung im deutschen Raum.“ Sie ist immer wieder in den USA für Lesungen und Seminare, ihre Arbeit gilt in der britischen und amerikanischen Rezeption als Teil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, während sie in Deutschland zur marginalisierten deutschjüdischen Literatur gezählt wird. „Als ich 1988 Joëmis Tisch – Eine jüdische Geschichte vorlegte, hatte das Thema keine besondere Chance. Dann kamen andere Autoren mit ähnlichen Themen heraus, und man schuf die Kategorie ‚deutsch-jüdisch‘, um das überhaupt aus der Marginalisierung etwas herauszuholen. Inzwischen ist es aber ein Moment der Ausgrenzung aus dem Kanon deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. Das hat auch mit der fortgesetzten Fokussierung dieser Themen auf rituelle Gedenktage zu tun und dass sie eben nicht integraler Bestandteil der Gegenwartsliteratur sind.“

    Dischereit sieht sich keineswegs als „jüdische Auftragsschreiberin“, viel eher ist es politische Verantwortung, die sie antreibt. Die Frage nach jüdischer Identität in Deutschland ist für sie auch und vor allem die Frage nach einem politischen Zustand. Wenn über sie gesagt wird, sie sei „in jeder Hinsicht widerspenstig zu lesen“, dann hat das nicht nur mit ihrer Sprache, sondern auch mit ihrer Themenwahl zu tun. Mit ihren unkonventionellen und oft rätselhaften Texten stößt sie das Erinnern an, hält all jenen, die sich der Reflexion verweigern, den Spiegel vor, zeigt oft nur kurze Ausschnitte aus dem Leben von Personen, meist Frauen, und lässt den Leser dann ohne Erklärung, ohne Auflösung. „Ich habe keine Antworten, schlage nichts vor, beobachte nur mit der Lupe in der Hand und lasse die Verhältnisse für sich sprechen.“ Oft braucht sie nur wenige Worte, um auf brüchige Identitäten hinzuweisen, etwa mit dem Satz „Nach 20 Jahren Unjude will ich wieder Jude werden“ in ihrem Erstlingsroman, oder wenn eine ihrer Hauptfiguren eine „Wiedergutgemachte“ ist, oder wenn sie die vorurteilsbeladene Beziehung zwischen Juden und Deutschen in einem Zweizeiler skizziert: „Ich heiße Samuel./Provozieren Sie immer?“

    Psychiatrie als totale Institution

    Zuletzt erschienen von ihr Blumen für Otello (2014) und Großgesichtiges Kind (2015). Letzteres erzählt vom Leben in einer psychiatrischen Anstalt in den 1950er Jahren, beobachtet durch die Augen eines kleinen Mädchens. Es sind kindlich-naive Wahrnehmungen kleiner Szenen, denen eine Menge an Informationen und Indizien eingeschrieben sind, etwa die alles Lebendige verschluckende Architektur, in der sich versteinerte institutionelle Gewalt ausdrückt („In den Fluren roch es nach Desinfektionsmitteln. Nachts schrien die Kranken hinter ihren Gittern. In diesen Mauern hinterließ das großgesichtige Kind keine Spur. Diese Mauern verschluckten das Kind.“), oder der knappe Hinweis auf „langgediente Ärzte“, der auf die nur ungenügend geahndeten „Euthanasie“-Verbrechen zielt. Dischereit dazu: „Mit diesen Mauern ist auch ein Zustand der Bundesrepublik dieser Jahre beschrieben. Es war ja so, dass die nationalsozialistischen Täter überwiegend wieder zurückkamen in den öffentlichen Dienst, in gewisser Weise auch den Wiederaufbau mitgestalteten und als Bedrohung fortwirkten, das war eine unglaublich große Belastung für die Überlebenden. Einerseits war es ein anderer Staat, eine Republik, aber die Akteure waren zum Teil dieselben wie vorher, sozusagen das Personal dieser Anstalt. Ich weiß es persönlich von meiner Mutter, die im Rahmen der Wiedergutmachung eine Entschädigung erhalten sollte und für die Antragstellung zu einem Arzt gehen musste, der vorher für die Rassenhygiene begutachtet hat. Und die Zustände in diesen Anstalten, die sind noch sehr lange – bis Ende 70, würde ich sagen – so geblieben. Das waren autarke Inseln, da hat sich gar nichts geändert, wie man da herrschen und mit Insassen umgehen durfte. Die Psychopharmaka hielten zwar massiv Einzug, aber dabei handelte es sich um eine andere Form von Körperverletzung.“

    Rassismus als Mordmotiv

    Während Großgesichtiges Kind den Fortbestand der totalitären Ideologie der Nazi-Jahre in der totalen Institution einer Irrenanstalt in der jungen Republik zum Thema hat, handelt Blumen für Otello vom „heutigen“ Rassismus als Motiv für die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds, die sogenannten NSU-Morde, denen zwischen 1998 und 2007 zehn Menschen vorwiegend türkischer Herkunft zum Opfer fielen. Dischereit zeigt darin, wie die Vorurteile deutscher Behörden gegen (türkische) Migranten im Versagen bei der Verbrechensaufklärung offensichtlich wurden, wie Rassismus und soziale Voreingenommenheit den Apparat blind und selbst zum Täter machten und was sie bei den Hinterbliebenen anrichteten. Während auf der einen Seite Hinweise auf Verbrechen aus dem rechtsradikalen Milieu ignoriert und Akten zu diesen Verbrechen vernichtet wurden, hat man den Familien der Opfer vieles zugemutet: Es wurden ihnen angebliche blonde Geliebte der Ermordeten vorgelogen, sie wurden der Blutrache und des Drogenhandels verdächtigt, Hunde ließ man vergeblich nach Spuren suchen, das Schlagwort von den „Döner-Morden“ sollte die Opfer kriminalisieren, und die Familien mussten dreizehn Jahre lang in Ungewissheit darüber leben, warum ihre Angehörigen getötet worden waren.

    Dischereit war zur Zeit der Morde keine konstante Beobachterin der rechtsradikalen Szene, besuchte aber dann regelmäßig den NSU-Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag, weil sie darüber schreiben und sich deshalb kundig machen wollte, aus welchen Milieus die Täter stammen, ob Vertreter der Staatsmacht passiv oder sogar aktiv in die Taten verwickelt waren. „Das war ja ein ungeheurer Verdacht, der da im Raum stand. Ich wollte als Bürgerin verstehen, warum der Verfassungsschutz rechtsterroristische Zellen begünstigte, sie straflos davonkommen ließ, mit viel Geld versorgte usw. Außerdem war es für mich ein demonstrativer Akt der Solidarität mit den Opfern, neben Vertretern der türkischen Community auf der Empore zu sitzen.“

    Klagelieder für ermordete Migranten

    Sie machte dann aber daraus keine dokumentarische Arbeit, wie es andere Publikationen taten, stellte auch nicht die Täter in den Mittelpunkt, die in der medialen Berichterstattung dominierten, sie verfasste vielmehr poetische Klagelieder, die auch als Hörspiel produziert wurden (nominiert für den Deutschen Hörspielpreis der ARD 2014). Damit hebt sie die Trauer um die Opfer sowie die Solidarität mit den Angehörigen ins Licht der Öffentlichkeit und formuliert Kritik an einer Gesellschaft, die es nicht fertigbringt, traurig über türkische Mordopfer in der Nachbarschaft zu sein. Trauer über einen Verlust gehöre ins Herz der Zivilisation, sagt Dischereit. „Mich beschäftigte die Frage, dass die Opfer nicht privat gestorben waren, sondern deshalb, weil deutsche Behörden sie nicht geschützt hatten, weil einer rechtsterroristischen Killergruppe nicht das Handwerk gelegt wurde, von deren Mordabsichten Behörden wussten. Daher hielt ich es für wichtig, die Opfer sozusagen in ein kollektives Gedächtnis, eine kollektive Trauer aufzunehmen. Es war mir ja schon im Zusammenhang mit den Ermordeten der Schoa klar geworden, wie schmerzhaft es für Überlebende ist, dass dieses neue Wir sie nach wie vor ausgrenzt und nicht empathisch begleitet. Die mediale Berichterstattung förderte einen Skandal nach dem anderen zutage, und ich konnte nicht begreifen, warum es keinen Aufschrei gab, warum das die Menschen emotional nicht erreichte. Und ich wollte der Präsenz, die die Täter bekommen hatten, etwas entgegensetzen. Mich hat dabei sehr beschäftigt, dass zum Zusammenleben eben auch öffentliche Trauer und Anteilnahme an einer Tragödie gehören, und ich wollte das auch in symbolischer Form zum Ausdruck bringen, daher habe ich mich sehr für eine deutsch-türkische Ausgabe des Buches eingesetzt. Diese Leute leben ja schon in der zweiten, dritten Generation in Deutschland, und diese Haltung des beständigen Fremdmachens bildet einen Ansatzpunkt für den Rechtsterrorismus, mit dem wir es hier zu tun haben, diese Haltung hat meines Erachtens auch dazu geführt, dass die Behörden bei den Ermittlungen die Möglichkeit, dass es sich um rassistisch motivierte Verbrechen handeln könnte, ausgeschlossen haben.“

    Das Buch enthält neben den Klageliedern noch ein Opernlibretto und eine Porträtserie über die Leute, die Aufklärung wollten und dafür auch Nachteile in Kauf nahmen. Da sich darunter auch Whistleblower befanden, die sehr gefährdet waren, musste vieles an diesen Porträts indirekt formuliert werden. „Die Whistleblower waren der Anlass für diese Serie, ohne sie kann man in diese Milieus gar nicht eindringen. Sie haben den Korpsgeist aufgekündigt, haben sich exponiert, haben ohne Absprache mit ihren vorgesetzten Behörden Aussagen gemacht, einer hat sich eine Woche lang in ein Kloster zurückgezogen, um die Kraft zu finden, seine Aussage aufzuschreiben. Unter großen Mühen machten sie sich ihre eigenen Akten wieder zugänglich, die man ihnen entzogen hatte. Man hat auch versucht, einige von ihnen zu demontieren, sie seien charakterlich nicht gefestigt etc. Interessant ist auch, dass sich viele Frauen bei der Aufdeckung dieser Taten engagierten und in diesen antifaschistischen Zentren, zum Teil undercover, mitarbeiteten. Diese Leute wurden kaum beachtet und kamen in den öffentlich-rechtlichen Medien nicht vor, wurden schon fast dem linksterroristischen Milieu zugerechnet und mit spitzen Fingern angefasst. Im Untersuchungsausschuss wurde dann deutlich, dass ohne deren Recherchen die Ermittlungen überhaupt nicht so weit hätten kommen können, wie sie jetzt sind. Es wurde ,nsu-watch‘ eingerichtet (www.nsu-watch.info), ein Blog zur unabhängigen Beobachtung und Dokumentation des Untersuchungsausschusses, der jetzt mit Preisen ausgezeichnet wird.“

    Shakespeares Othello und Rassismus

    Der Titel des Buches (Blumen für Otello) weckt unweigerlich die Assoziation mit Shakespeares Othello. Auf die Frage, was die beiden Geschichten miteinander zu tun haben – der Mohr Othello, ein kriegerischer Feldherr, der seine Frau Desdemona aus Eifersucht tötet, und eine rassistisch motivierte Mordserie, deren Opfer von staatlichen Behörden nicht geschützt, sondern selber des Mordes verdächtigt werden – antwortet Dischereit: „Otello ohne h ist ein Hinweis darauf, dass es nicht nur den einen Shakespeare-Othello gibt. Es ist doch interessant, warum ein Stoff wie dieser über die Jahrhunderte Bestand hat. Tatsächlich ist das Schicksal Othellos ein universales, wenn man die Tötung der Desdemona nicht als Eifersuchtsdrama sieht, sondern als eine Tat, die ein durch Rassismus zutiefst verwundeter schwarzer Mann an seiner weißen Frau verübt, die er über alles liebt. Obwohl der ehemalige Sklave sich eine hohe gesellschaftliche Stellung erarbeitet hat, kommt er wegen dieser Frau beinahe vor den Richter, weil sein Schwiegervater ihn der Verführung anklagt. Und warum? Weil er ein Schwarzer ist. Es ist jedoch nicht opportun, dies weiter zu verfolgen, weil er als Kriegsherr gebraucht wird. Aber das infame Hetzen gegen ihn – personifiziert im intriganten Jago – geht ungebrochen weiter, bis Othello nicht mehr glauben kann, dass eine schöne Weiße ihm, der ja doch nur der Mohr ist, treu sein sollte. Er wird heimgesucht von einer andauernden gesellschaftlichen Diskriminierung und rassistischen Zurückweisung, die er nicht wahrhaben will, die aber langsam seine Seele vergiftet und ihn seiner Sinne beraubt. Diese Erfahrung des krank machenden, tödlichen Rassismus ist es, die Othello und die Mordopfer des NSU gemeinsam haben. In meinem Buch treffen sich Otello und der Blumenhändler Enver, der stellvertretend für die Opfer der NSU-Morde steht und bei dem Otello immer Blumen kauft, in der Unterwelt und unterhalten sich darüber, wie sie in diese Misere geraten sind. Und in dieser respektvollen Begegnung, bei der die sozialen Unterschiede aufgehoben sind, machen sie sich klar, dass sie beide an dem gleichen Leiden zugrunde gegangen sind, nämlich an der schwarzen Haut bzw. an ähnlichen Fremdheitszuweisungen, die ihnen minderwertiges oder unwertes Leben attestieren.“

    Sprache ist Musik

    Dischereit verbindet ihre literarische Arbeit oft mit Musik, arbeitet ihre Texte zu Klanginstallationen aus, so auch bei Großgesichtiges Kind, zu dem sie eine Tonspur im Wiener Museumsquartier gestaltet hat, und bei Blumen für Otello, das auch ein Opernlibretto enthält. Letzteres ist übrigens verbunden mit der Absicht von Verlag und Autorin, dieses Stück an einem Opernhaus aufzuführen, wobei breite Kooperationen angestrebt werden, die eine Aufführung an mehreren Orten ermöglichen. Diese Suche nach der Verbindung ihrer Texte mit Musik hat Ende der 80er Jahre begonnen und zur Gründung des Labels „WordMusic“ geführt. „Die Tonalität des Geschriebenen ist für mich immer schon Musik, besonders wenn es sich um lyrische Texte handelt. Ein wichtiger Ansatzpunkt des Schreibens ist es, die Stimmen der Figuren zu hören. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass die Sprache zu eng ist, dass sie erweitert werden müsse und dass durch das Hinzutreten von Musik Dimensionen geschaffen werden, die ich durch Schreiben alleine nicht herstelle. Ich suche diese Verbindung, höre aber keineswegs besonders viel Musik, da ich eher eine Scheu davor habe, dass mir visuelle und lautliche Eindrücke zu viel werden und mich davon abhalten, einer eigenen Musik zu folgen.“

    Herbert Voglmayr

    Herbert Voglmayr

    Nach dem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften berufliche Tätigkeit an der Universität und in der Erwachsenenbildung. Seit 2004 freiberuflicher Publizist. Neben seiner Tätigkeit für NU verfasst er Kultur- und Weinreiseführer durch italienische Weinregionen.
    Herbert Voglmayr

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