Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Die Oberrabbiner-Story – Ari beruft Arie

    Die Entwicklungen rund um die Abberufung von Paul Chaim Eisenberg als Oberrabbiner und die Neubestellung zweier neuer Rabbiner beschäftigen viele Menschen innerhalb und sogar außerhalb der jüdischen Gemeinde. René Wachtel versucht eine auf Dokumenten, Erlebnisberichten und Hintergrundgesprächen basierende Darstellung dieser Entscheidungen.

    Oberrabbiner Eisenberg über die Veränderungen: “Mehr als wir uns wünschen, weniger als wir befürchten…”

    Die Geschichte beginnt im Jahr 2008

    Völlig überraschend wird Rabbiner Schlomo Hofmeister vom damaligen Präsidenten Ariel Muzicant als Gemeinderabbiner der IKG angestellt. Sowohl Oberrabbiner Eisenberg als auch der Vorstand des Seitenstetten-Tempels sagen dazu, dass sie vorab nicht involviert, ja nicht einmal informiert gewesen seien.

    Schlomo Hofmeister war in der Gemeinde völlig unbekannt, weil er davor in Deutschland gearbeitet hatte. Es gab von Anfang an Gerüchte, ihm sei bei seiner Anstellung die dereinst fällige Nachfolge von Oberrabbiner Eisenberg versprochen worden. Muzicant und Hofmeister dementieren.

    Das Jahr 2012

    Im Zuge des IKG-Wahlkampfes tauchen glaubwürdige Berichte auf, in Sitzungen der Präsidenten-Fraktion „Atid“ wäre mehrmals davon gesprochen worden, Oberrabbiner Eisenberg in der kommenden Legislaturperiode in Pension zu schicken.

    In den Jahren 2013 und 2014

    Die Zusammenarbeit zwischen Oberrabbiner Eisenberg und Gemeinderabbiner Hofmeister war von Anfang an schwierig und verschlechtert sich noch weiter. Beim Oberrabbinat in Israel langen anonyme Beschwerden über religiöse Entscheidungen von Oberrabbiner Eisenberg ein. Zwischen dem israelischen Oberrabbinat, welches in den letzten Jahren immer strenger, aber auch zunehmend erratisch agiert und Oberrabbiner Eisenberg entstehen weltanschauliche Differenzen. Die IKG gibt klein bei und beauftragt Rabbiner Hofmeister, zukünftig religiöse Urkunden der IKG zu unterschreiben. Die Vertrauensbasis zwischen IKG, Oberrabbiner Eisenberg und Rabbiner Hofmeister erodiert zunehmend.

    Jänner 2015

    Die IKG-Fraktion „Chaj“ informiert, dass Oberrabbiner Eisenberg „von maßgebender Stelle in der IKG zum Rücktritt gedrängt“ werde. Eine Welle der Solidarität bricht in der Gemeinde los. Binnen Tagen entwickelt sich eine Facebook-Unterstützungsgruppe „Freunde von Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg“ mit über 500 Mitgliedern. Unzählige Freundschaftsbekundungen sowie Aufrufe, Oberrabbiner zu bleiben, werden gepostet.

    Februar 2015

    Seitens der IKG fühlt sich offensichtlich Ex-Präsident Ariel Muzicant angesprochen und schreibt einen Brief an alle Gemeindemitglieder. In diesem beteuert er, mit Oberrabbiner Eisenberg seit über vierzig Jahren befreundet zu sein, und dass es Oberrabbiner Eisenberg gewesen wäre, der drei Jahre zuvor an ihn herangetreten sei, weil er „ein äußerst lukratives Angebot aus einer jüdischen Gemeinde in München“ gehabt hätte. Er habe dem Oberrabbiner geraten, „zunächst einmal seine wirtschaftliche Absicherung nach einer Pensionierung zu klären und sicherzustellen, dass seine finanzielle Zukunft gesichert sei“.

    Inzwischen wird die IKG auf der Facebook-Seite aufgefordert, Oberrabbiner Eisenberg das Vertrauen auszusprechen, seine Leistungen zu würdigen und ihn zum Verbleib im Amt zu überreden. Über 300 Personen unterschreiben diese überparteiliche Petition. Seitens der IKG erfolgt darauf keinerlei Reaktion.

    März und April 2015

    Oberrabbiner Eisenberg lässt schließlich mitteilen, dass ihn die Unterstützung sehr berühre und er sich dafür bedanke. Gleichzeitig gibt er bekannt, dass er „derzeit mit dem Präsidenten (Deutsch) und dem Ehrenpräsidenten (Muzicant) der IKG außerordentlich korrekte und freundschaftliche Gespräche über die zukünftige Gestaltung des Oberrabbinats in Wien“ pflege, „ohne dass irgendein Druck“ auf ihn ausgeübt werde. Auf der Facebook- Seite gibt Eisenberg bekannt, es werde Veränderungen geben, „mehr als wir uns wünschen, weniger als wir befürchten …“

    Juni 2015

    Oberrabbiner Eisenberg gibt in einer Sitzung des Kultusvorstandes bekannt, dass er mit 1. Jänner 2016 in den Ruhestand gehen werde, aber der Gemeinde als Oberrabbiner des Bundesverbandes der jüdischen Gemeinden Österreichs erhalten bleibe. Präsident Deutsch verkündet, es werde eine Kommission gebildet, welche die weitere Vorgehensweise zur Bestellung eines neuen Oberrabbiners ausarbeiten solle. In diese Kommission würden jedoch nicht Vertreter aller Fraktionen der IKG berufen.

    Dezember 2015

    Vor der letzten Kultusvorstandssitzung des Jahres am 21. Dezember überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Der Tempelvorstand wird nur drei Tage davor eingeladen. Es würde sich der neue Oberrabbiner vorstellen: Arie Folger aus Antwerpen. Die Entscheidung sei zu Mittag gefallen. Ariel Muzicant und Oskar Deutsch hätten sich mit ihm kurzfristig geeinigt. Bei der Kultusvorstandssitzung präsentiert sich Arie Folger den Kultusvorstehern. Einem öffentlichen Hearing in der Gemeinde will er sich aber nicht stellen.

    Laut Ariel Muzicant waren sieben Kandidaten in die engere Wahl gekommen, Namen nannte er jedoch keine. Mit dreien seien Gespräche geführt worden. Wie sich später herausstellte, waren es allerdings nur die Rabbiner Folger und Hofmeister.

    Jänner 2016

    Im Festsaal des Rathauses findet eine große Abschiedsveranstaltung für Oberrabbiner Eisenberg statt. Zirka tausend Gemeindemitglieder und Festgäste nehmen teil. Viele Anwesende empfinden die Feier jedoch, vor allem hinsichtlich der Moderation und des Programms, als sehr befremdlich. Stil und Inhalt des Programms seien der Verabschiedung eines Oberrabbiners nicht würdig, lautet die Kritik. Ein Kommentar: „Diese Feier ist an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten.“ Mitten in der Veranstaltung verlässt die Schwester von Oberrabbiner Eisenberg wütend den Saal.

    Hohe Feiertage 2016

    Oberrabbiner Folger übt im Wiener Stadttempel sein Amt zum ersten Mal aus. Oberrabbiner Eisenberg feiert mit der jüdischen Gemeinde in Innsbruck. Zahlreiche Familien aus Wien folgen ihm dorthin. Viele Tempelbesucher, auch solche, die nur zu den Hohen Feiertagen in den Stadttempel kommen, vermissen Eisenberg schmerzlich. Gemeinderabbiner Hofmeister verbringt die Neujahrs-Feiertage in Israel.

    René Wachtel

    René Wachtel

    lebt in Wien und ist Kultusrat für CHAJ-Jüdisches Leben in der IKG.
    René Wachtel

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