Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • „Die Musik hat uns einiges an Demütigung erspart“

    Esma Redžepova, eine der kräftigsten Stimmen der Musikgeschichte und im Kampf gegen den Antiziganismus, ist letzten Dezember im Alter von 73 Jahren in ihrer Heimatstadt Skopje verstorben. Mit ihren muslimisch- jüdisch-christlichen Wurzeln zeugt die mazedonische Romni von einer multikulturellen Utopie, die am Balkan lange Zeit Realität war.
    VON ALEXANDRA POPESCU

    © ALBIN OLSSON/CC BY-SA 3.0

    „Die Musik ist der einzige Luxus, den die Armen haben … eines unserer raren Vergnügen, das nichts kostet … und das uns einiges an Demütigung erspart hat … Wenn du singst, hast du keine bösen Gedanken, und wenn du tanzt, spürst du den Hunger weniger.“
    (Esma Redžepova)

    Arm, aber lebensfroh – ein weitverbreitetes Klischee, wenn es um materiell benachteiligte Menschen geht, und so wird im besten Fall auch über Roma in Europa gedacht. Während in manchen Ländern die Festmusik der Roma bei keiner Hochzeit fehlen darf, ist über die Geschichte dieser Minderheit nur wenig bekannt. Besonders über die lange Tradition ihrer Diskriminierung herrscht große Unkenntnis – so zum Beispiel, dass es eine rund 500-jährige Periode (1385–1856) institutionalisierter Sklaverei der Roma in den Fürstentümern Moldau und Walachei gegeben hat. Diese historische Praxis gehört ebenso wie der Versuch der Nazis und Faschisten, sie zusammen mit den Juden Europas auszurotten, zu den barbarischen Tiefpunkten europäischer Geschichte.

    Die unsichtbaren Roma-Musikerinnen

    Im Kampf gegen den Antiziganismus und für das Empowerment von Roma engagierte sich kaum jemand so wie die Grande Dame der Roma-Musik Esma Redžepova. Schon in jungen Jahren begann sie ihre musikalische und aktivistische Karriere, in einer Zeit, als Roma-Musiker im jugoslawischen Rundfunk ihre Identität verbargen und nicht auf Romani sangen. Als Musiker war man offiziell Mazedonier, Jugoslawe oder Türke, aber kaum Rom. Ganz zu schweigen von Roma-Frauen, die von einer Musikkarriere nicht einmal zu träumen wagten. Mit Esma änderte sich das: Nur 17 Jahre alt war sie, als sie einen Talentwettbewerb des Radiosenders Skopje gewann, was ihr 9.000 Dinar und die Aufmerksamkeit des 19 Jahre älteren Musikers Stevo Teodosievski bescherte. Dieser nahm sie nicht nur unter Vertrag, sondern auch zur Frau und ermutigte sie, ihre Roma-Identität auch auf der Bühne selbstbewusst darzustellen. Mit Stevos Hilfe stieg die junge Esma zu einer beliebten Sängerin in Jugoslawien auf, die auf Romani, Mazedonisch und Serbisch sang. Sie wurde zur ersten Romni Jugoslawiens, die ihre Musik im Studio einspielen konnte, und spätestens 1976, als ihr bei einem Musikfestival im indischen Chandigarh der Titel „Königin der Roma-Musik“ verliehen wurde, wurde sie auch zum international bekannten Star.

    Ihre einzigartige Interpretation des Liedes „Djelem, Djelem“, der internationalen Roma-Hymne, die von der Vertreibung und Ermordung der kroatischen Roma durch die Faschisten erzählt, sowie das selbst komponierte Lied „Čaje Šukarije” oder „Romano Horo“ sind zu Esma-Markenzeichen geworden. 2011 wurde sie vom US-amerikanischen National Public Radio zu einer der 50 größten Stimmen der Welt – gleich nach Ella Fitzgerald – erklärt. Sie verstand ihre Musik als alt und traditionell, wobei auch viele unterschiedliche Einflüsse aus der gesamten Balkanfolklore vorhanden sind. Darüber hinaus gibt es interessante Interpretationen von einzelnen indischen, iranischen oder jüdischen Liedern.

    Orientalische Klischeebilder

    In ihren Auftritten bediente sich Esma häufig stereotyper Bilder – mit ihren Dimije, den breiten orientalischen Hosen, die ihre Hüftbewegungen betonten, ihren bloßen Füßen und verführerischen Blicken inszenierte sie sich besonders in ihrer Jugend als die heißblütige, begehrenswerte Romni. In späten Jahren fiel sie besonders durch ihre bunten Turbane und wallenden Kleider auf. Diese Inszenierungen kamen beim Publikum gut an. „Positive orientalische Klischeebilder werden oft eingesetzt, wenn Roma-Künstlerinnen kommerziellen Erfolg haben wollen“, betont auch die Anthropologin Carol Silverman in ihrem Buch Romani Routes. Heute versuchen besonders junge Roma-Künstlerinnen diese Art der Inszenierung in Frage zu stellen – so zum Beispiel die Wiener Schwestern Sandra und Simonida Selimović, die mit ihrem Rap-Projekt „Mindj Panther“ Roma-Klischees gekonnt ironisieren.

    Spuren verschiedener Religionen

    1943 in Skopje in Mazedonien geboren, stammte Esma aus einer ethnisch und religiös gemischten Familie. Ihre Großmutter war eine Jüdin aus dem Irak, der Großvater Katholik. Esmas Mutter, eine muslimische Romni und Türkin, heiratete einen Serben mit jüdischen und Roma-Wurzeln. Esma selbst bezeichnete sich als Romni, war Muslimin und heiratete einen Gadjo, einen Nicht-Rom. Diese Multikulturalität war am Balkan keine Seltenheit. Dies ist auf die Zeit des Osmanischen Reichs zurückzuführen, als es für Militärs, Beamte und Geschäftsleute sowie für ihre Familien völlig normal war, vom asiatischen in den europäischen Teil zu migrieren und umgekehrt, erklärt Karl Kaser, Professor für südosteuropäische Geschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz. So kamen auch Juden aus dem Irak auf den Balkan.

    Während die jüdischen Spuren am Balkan genau erforscht sind, kann nicht genau datiert werden, wann Roma nach Europa kamen. Gesichert ist nur, dass sie aus Indien stammen, und wahrscheinlich betraten sie bereits zur Zeit des Byzantinischen Reichs im 12. Jahrhundert europäischen Boden. Warum und wann sie Indien verließen, lässt sich nicht genau sagen. Mit ihren stark synkretistischen Auffassungen nahmen Roma alle drei abrahamitischen Religionen an, in der Zeit des Osmanischen Reichs beispielsweise verstärkt den islamischen Glauben, so Kaser. Heute gibt es fast keine Religion mehr, der Roma nicht angehören würden. Neben den großen Religionsgemeinschaften sind es vor allem die missionierenden evangelikalen Gruppen, die immer beliebter werden, weil sie sich oft für die Bil-dung und die Verbesserung der Lage der Roma engagieren, meint Kaser.

    Esma wuchs in Šutka/Šuto Orizari auf, einem Stadtviertel am Rande Skopjes, das mit rund 30.000 Menschen die weltweit größte Roma-Bevölkerung zählt. Das Wachstum des Bezirks geht auf die Zeit nach dem großen Erdbeben des Jahres 1963 zurück, als Tito hier eine Roma-Gemeinde mit eigener Selbstverwaltung einrichten ließ. Dies zog viele Roma aus den südlichen Balkangebieten an. „Das ist ähnlich wie mit Saloniki (heute Thessaloniki) vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert, das die größte jüdische Gemeinde in Europa darstellte und daher für jüdische Zuwanderer sehr attraktiv war“, ergänzt Kaser. Anders als Saloniki aber erfuhr Šutka keinen wirtschaftllichen Aufschwung, was eine große Abwanderung der BewohnerInnen aus diesem Viertel besonders in Richtung Deutschland zur Folge hatte.

    Humanitäres Werk

    Für die Verbesserung der Situation und Anerkennung der Roma engagierte sich Esma ihr Leben lang. Zahlreiche Benefizkonzerte, die Unterstützung Romna-feministischer Anliegen, die Adoption von 48 jungen Roma, die heute alle MusikerInnen und SängerInnen sind, sowie ihre politischen Aktivitäten als Gemeinderätin von Skopje zeugen von einem unermüdlichen zivilen Engagement. Die offizielle Fertigstellung des langjährigen Projektes, ihr Haus in Skopje zu einem „Haus der Humanität und Museum der Roma- Musik“ zu machen, konnte sie nicht mehr erleben. Aber auch ohne dieses hinterlässt Esma Redžepova starke Spuren, die in Zeiten größerer Migrationsbewegungen und steigender Fremdenfeindlichkeit Vorbildfunktion haben können.

     

    Überblick zum aktuellen Stand der Roma- Geschichtsforschung: www.rombase-unigraz.at und www.romafacts.uni-graz.at

    Alexandra Popescu

    Alexandra Popescu

    ist Absolventin der Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Im Rahmen ihrer publizistischen Tätigkeiten setzt sie sich u.a. mit der Darstellung des Holocausts in aktuellen rumänischen Geschichtsschulbüchern auseinander.
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